1 / 532-533

TAUMELLOLCH

Lolium temulentum - Gramineae

 


 

VON DEM LULCH ODER DORT.

 

 

            Dieweil wir an die Graßkreuter kommen/ wöllen wir nun fort schreiten/ dieselbigen und was jhrer Art ist/ hie in dieser Section vollendts zu beschreiben/ dazu auch der Lulch oder Dortkraut gerechnet und gezehlt wirt. Es hat aber das Dort oder Luch Wurtzel/ bletter und knodtechtige Stengel wie der Weytzen oder die Gerst/ die Aeher seyndt lang ein jedes von vielen kleinen Aehrlein zusammen gesetzt/ unnd gehet zwischen jedem Aehrlin ein kleines/ spitzes Blätlein herfür/ dardurch es dann von dem Mäußkorn oder Mäußgersten underscheiden wird/ welches diesem Gewächs gleich ist/ unnd aber allein die kleinen Blätlein zwischen den Aehrlein nicht hat. Jn jedem kleinen Aehrlein deß Lulchs findet man zwey oder drey Körner in Hülßlein verschlossen/ die seyndt kleiner dann die Weytzenkörner. Es wächst in den gebauwenen Feldern under dem Getreyd/ fürnemblich aber under dem Weytzen/ von welchen es auch herkompt/ oder seinen Ursprung her hat/ dann es ein Unkraut oder VITIUM deß Weytzens ist/ unnd begibt sich daher/ wann der Weytzen von stätigem Ungewitter zu viel beregnet wird/ so degeniert der Samen/ unnd wirdt unartig darvon/ entweder daß er zumal ertrincke/ verfaul/ oder in ein Unkraut gerathe. Dieses Unkraut kombt bald im anfang deß Winters herfür/ unnd wird mit dem Weytzen zeitig.

 

Von den Namen deß Lulchs.
            Es ist das Lulchkraut ein sehr gemeines Gewächs/ unnd ist allem Bauwersvolck wol bekannt/ wann es aber noch gemeiner were/ so habens doch die unwissende Calenderschmid sampt jhrer Gesellschafft biß daher nicht erkennen können/ und wann sie gleich etwas von dem LOLIO in den Authoren gelesen haben/ so hat einer dz gemein Radenkraut/ der ander den Küheweytzen/ unnd der dritte Mäußgersten/ oder aber den Tauben habern darvor gebraucht.
            Das wir aber dessen Nahmen anzeigen/ so wirdt es Lateinisch genannt/ AERA ZIZINIUM und ZIZINIA,, THYARUS und LOLIUM. Von den Kreutlern wird es auch nach dem Französischen Wort RURAIE, LURAIA, LUREUM unnd LURUM, Lateinisch genannt. Hochteutsch heisset es Twalchweytzen/ Lulch/ Lolch/ Dort/ Durt/ unnd in Sachsen Trespe/ Trebsen/ Walchtrespe/ Trestdorp und Weytzenthwalch.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Lulchs.
            Das Lulch oder Weytzenthwalch ist warmer unnd truckner Natur/ nemblich warm im dritten Grad/ und trucken im andern. Es hat ein Krafft dünn zu machen/ zu zertheilen/ abzulösen und zu säubern.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Lulchs.
            Die Ackerleuth durchsieben den Lulchsamen unnd scheiden denselben also von dem Weytzen/ unnd geben denselben den Hünern/ Capaunen unnd Tauben die werden feyst darvon/ sonderlich aber lieben die Tauben diesen Samen/ deßgleichen auch die Wachteln/ die ubermässig gut unnd feyst darvon werden.
            Sonst schadet der Lulchsamen den Menschen so er denselbigen innerlich in Leib gebrauchet/ und das Brod das von dem Lulchmeel gebacken unnd gessen wird/ beschweret das Haupt/ macht den schwindel/ bringet ein tieffen Schlaff/ unnd macht den Menschen doll als wann er voll Weins und truncken were. Es schadet auch das Lulch den Augen unnd verfinstert das Gesicht/ welches auch der Poet OVIDIUS war genommen/ als er I.FAST. mit folgendem Verßlein bezeuget,

 

 

            Der Poet VIRGILIUS MARO verwirffet auch dieses Unkraut als untüchtig (verstehe zum innerlichen gebrauch) I.GEORG. da er in folgendem Verßlein also sagt:

 

 

 

Eusserlicher Gebrauch deß Lulchs.
            Lulchkraut mit aller Substantz zerschnitten unnd klein in einem Mörser gestossen/ heylet die dicken/ roten Geschwerlein oder bausen deß Haupts/ wie ein Pflaster ubergelegt.
            Lulchsamen mit Leinsamen unnd Taubenmist in Wein gesotten/ wie ein Pflaster temperiert/ zertheilet die Kröpff/ Drüsen/ unnd harte Knollen/ unnd erweychet die harten Geschwer.
            wider das unwillen unnd erbrechen deß Magens: Nimb Lulchsamen und deß wilden Senffsamens das man fälschlich Eisenkraut das Weiblein nennet/ jedes gleichviel/ stosse die zu einem reynen Pulver/ vermisch es mit Honig unnd weychem Bech/ daß es werde wie ein Pflaster/ streichs auff ein Leder oder Tuch/ und lege es uber den Magen/ es hilfft.
            Lulchsamenmeel mit süßem Most der den dritten theil eyngesotten ist/ oder aber mit Traubenmuß/ SAPA OVARUM, vermischet wie ein Pflaster/ vertreibet und zertheilet die hartigkeit deß Miltzes/ auff ein Tuch gestrichen und ubergelegt.
            Wider die Unfruchtbarkeit der Weiber: Nimb Lulchsamen und Weyrauch/ jedes gleich viel/ lege das auff glüende Kolen/ und lasse den Dampff davon durch ein bequemes Jnstrument zu dem Weibe gehen/ ehe das Weib beyschlaffet. Etliche nemmen Myrrhen und Saffran zu dem Lulch und Weyrauch/ und gebrauchens gleicher gestalt.
            Die rauhen/ ungleichen/ zerschrundene Nägel an Händen und Füssen hinzunemmen und zu vertreiben: Nimb Lulchsamen anderhalb loth/ Reuschgeel/ Operment/ Geelen Acrament/ Myrrhen/ Weyrauch/ jedes ein halb loth. Stosse alle Stück zu einem subtielen Pulver/ vermischs mit gnugsamem Terpentin/ daß es werde wie ein Pflaster/ streichs auff ein Tüchlein und lege es uber den Nagel.
            Lulchsamen mit Saltz/ lebendigem Schweffel/ jedes gleichviel zu einem subtielen Pulver gestossen/ folgends mit starckem Weinessig vermischet unnd temperiert wie ein Sälblein/ heylet die wilden Flechten unnd den bösen flüssigen Grind/ angestrichen.
            Lulchsamenmeel mit rinderen Mist in Meth oder Honigwasser gesotten/ miltert den Schmertzen deß Zipperleins und der Gliedsucht/ wie ein Pflaster warm uber die Schmertzhafften Ort gelegt.
            Oder nimb Lulchsamenmeel ein gut theil/ seude das mit Essig und Honig zu einem Pflaster/ streichs auff ein Tuch unnd legs warm uber/ es hilfft sehr wol.
            Lulchmeel in Honigwasser gesotten zu einem Pflaster/ ist ein nutzliche Artzeney wider das Hüfftwehethumb warm ubergelegt.
            Lulchmeel mit Taubendreck in Wein gesotten biß es dick wird wie ein pflaster/ erweychet und öffnet alle harte Geschwer/ auff ein Tuch gestrichen und warm ubergelegt.
            Lulchmeel mit wenig Saltz/ Rettich und Essig zu einem Pflaster temperiert/ heylet die umbsichfressende Geschwer/ und den kalten Brand/ darvon die Glieder faulen unnd ersterben müssen/ doch so der vorhanden ist/ soll man zuvor jedes Glied mit einer Flieren durchbicken/ unnd darnach das gemelte Pflaster uberlegen.
            Lulchsamenmeel mit Honig temperiert wie ein Pflaster und ubergelegt/ zeucht die Beynschrötlein auß den Wunden. Solches thut es auch so man dieses Meel mit andern Zugpflastern vermischet/ das zeucht auch Spreissen unnd andere ding so im Fleisch stecken auß.
            Wie man die Bäum verwahren soll/ daß sie die Frücht nit fallen lassen/ sammel den Lulch oder Dort under dem Weytzen wächset/ die reiß mit den Wurtzeln auß/ und so sie anfahen welck zu werden/ mache einen Krantz darauß unnd gürte den umb den Baum/ so behaltet er die Frücht biß zur rechten zeitigung/ unnd lasset die nicht fallen/ wie solches SOCION bey dem CONSTANTINO L.10.C.87DE AGRICULTURA, bezeuget.