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SUMPFHERZBLATT
Parnassia palustris - Saxifragaceae


VON DEM PARNASSER GRASS

    Das Parnassergrass beschreibet DIOSCORIDES lib.4.c.26. also:
    1. Das Grass welches auff dem Berg PARNASSO wächst/ hat viel mehr Aestlein dann die vorigen Grassgeschlechter/ seine Bletter seynd den Blettern dess Ephews ähnlich/ die Blumen seynd weiss und wolriechend/ der Samen ist klein/ aber doch nicht untüchtig/ und hat fünff oder sechs weisser/ weycher/ starcker unnd süsser Wurtzeln/ Fingers dick. (Dieses ist nichts anderst dann das Einblatt/ so nicht gemahlet/ welches im andern Buch sect.ll.cap.33. recht beschrieben unnd gemalet ist.)
    ll. Das Kreutlein so wir heutigs Tags Leberblümlein nennen/ hat ein kleines/ schwartzlechtigs Würtzlein mit vielen haarechtigen Zäselein behenckt eines herben und zusammenziehenden Geschmacks. Die Bletter seynd rund wie die Bletter dess Ephews/ aussgenommen dass sie nicht eckechtig seynd/ fornen her ein wenig spitz/ von farben Liecht grün/ unnd kleiner dann die Ephewbletter. Zwischen den Blettern kommen herfür kleine/ dünne eckechtige Stengelein/ die werden nicht viel uber halben Spannenlang/ unnd hat ein jedes Stengelein ein einziges Blat/ welches das Stengelein umbgreiffet an einem Stiel/ anzusehen als wann das Stengelein durch dz Blat gewachsen were. Am obertheil eines jeden Stengeleins erscheinen in dem Hewmonat ein weisses fünffblätiges/ wolriechendes Blümlein/ der gestalt halben den Hanenfussblümlein ähnlich/ welche wann sie abfallen und vergehen/ folgt hernach ein langlechtiges Knöpfflein in der gröss einer kleinen Haselnuss/ so dasselbige zeitig wird/ findet man darinnen langlechtige unnd geelrote Sämlein. Es wächst auff den bergechtigen/ feuchten Wiesen/ sonderlich aber findet man dessen viel auff den Wiesen und Grassplätzen/ zwischen dem Berghauss Stauff unnd Eisenburg den wolgeborenen Graffen von Nassauw/ Sarbrücken zugehörig/ unnd wächset da in solcher menge dass man einen Karch auff einmal laden möchte.
    lll. Noch findet man ein Geschlecht dieses Krauts/ das ist mit Wurtzel/ Bletter unnd Stengel/ dem jetztgemelten durchauss gleich/ aussgenommen dass die Blumen schöner/ grösser unnd gedoppelt seynd/ anzusehen wie ein Sternlein/ das wird in den Lustgärten gezielet/ und wächst auch von sich selbst in etlichen orten in Brabandt/ wie mich der hochberühmbte DOCTOR JACOBUS SCHIEPERIBUS, MEDICUS der Statt Brüssel berichtet hat.

Von den Namen dess Parnassergrass und Leberblümlein
    Es haben sich die Gelehrten mit dem Parnassergrass sehr bemühet/ dann jhren viel das Kreutlein so wir Einblat nennen darvor gehalten haben/ Andere aber haben das Leberblümlein Parnassergrass genannt/ sonderlich aber die Brabänder. Die Italianische Artzet/ under welchen MATTHIOLUS auch einer ist/ halten das erst Geschlecht hiebey mit dem Namen Parnassergrass verzeichnet und intituliert vor das GRAMEN PARNASI DIOSCORIDIS, welches der weitberühmbte Herr IACOBUS ANTONIUS cORTUSUS dem MATHIOLO erstlich vor das GRAMEN PARNASI zu geschickt hat/ und mag seyn dass es dasselbe sey/ aber wir können nicht eigentlich schliessen/ sintemal wir die Blumen dieses Krauts nie gesehen.
    Das Einblat aber wil sich mit dem Parnassergrass gar nicht reymen/ derwegen auch deren Meynung die es darvor gehalten/ von den Gelehrten lang vor dieser Zeit ist verworffen worden. Was dann das Leberblümlein belangen thut/ ist nicht ohne das es viel gleichheit mit der Description DIOSCORIDES hat/ doch hat es nur ein einziges kleines Würtzlein/ das ist eines herben adstringierenden Geschmacks/ so das GRAMEN PARNASIUM fünff oder sechs Wurtzeln hat die süss unnd weych seynd/ welche Noten gar nicht mit dem Parnassergrass zuschlagen/ also dass wir nichts gewisses hievon schliessen können/ wöllen gern einem jeden sein meynung hierinn lassen/ und den Gelehrten das JUDICIUM daruber zu erkennen befehlen. Das Parnassergrass wird von dem DIOSCORIDES Lateinisch GRAMEN PARNASI oder GRAMEN PARNASIUM genennet. Das Leberblümleinkraut wird von den Kreutlern/ GRAMEN HEDERACEUM, HEPATICA ALBA, FLOS HEPATICUS genannt. Etliche rechnen es under die Geschlecht dess Wintergrüns/ und nennens PIROLA PRATENSEM, und PIROLAM ALBAM, oder PIROLAM MINOREM das ist/ weisser oder kleiner Wintergrün.

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft dess Parnassergrass und der Leberblümlein
    Das Parnassergrass wie auss DIOSCORIDE zu vernemmen/ hat eine Krafft den Harn zu treiben unnd den Bauch zu stopffen/ sonderlich aber der Samen/ wird heutiges Tages dieweil es nicht bekannt/ gar nicht in der Artzeney gebrauchet. Das Leberblümlein hat gleichfals auch ein zusammenziehende unnd stopffende Krafft/ wirdt von den Wundärtzten zur hefftung unnd heylung der Wunden innerlich unnd eusserlich gebraucht.

Jnnerlicher Gebrauch dess Parnassergrass
    Der Samen dess Parnassergrass treibet den Harn hefftiger dann das Rechgrass/ stopffet den Stulgang/ stillet das brechen und kotzen.

Eusserlicher Gebrauch dess Parnassergrass
   Den aussgetruckten Safft dess Parnassergrass/ mit gleich viel Honigs oder Wein/ unnd halb so viel Mürrhen/ Pfeffers aber unnd Mürrhen ein drittheil gesotten/ geben ein köstliche Artzeney zu den Augen/ die soll in einem küpfferinnen Büchslein gehalten werden.
    Die Brühe da die Wurtzeln innen gesotten worden seynd/ die haben dieselbige Tugendt unnd Krafft wie das Kraut.

Jnnerlicher Gebrauch der Leberblümlein
    Die Leberblümlein haben ein besondere Krafft unnd Tugend die blöde und krancke Leber zu stärcken/ und deren verstopffung zu eröffnen/ daher sie dann auch den Namen bekommen. Man nimpt das Kraut mit den Blümlein und seudet dasselbige in Wein oder Wasser den driten Theil eyn/ und gibt von der durchgesiegenen Brühen allen Morgen unnd Abend/ jedesmal drey oder vier untzen warm zu trincken. Man brauche nun das Kraut in Pulver/ oder in Speiss oder Tranck/ so ist es zu den Gebrechen der Leber dienlich/ derwegen es auch etliche in den Wein legen und darvon trincken.
    Sonst ist gemeltes Kreutlein auch dienlich zu den Bauchflüssen und Durchläuffen/ und ist sonderlich berümbt die Wunden von Grund herauss zu heylen/ in Speiss und Tranck/ sonderlich aber zu den Wundträncken gebrauchet.
    Etliche machen von diesem edlen Kreutlein ein heylsamen Wundtranck vor die so in das Hauptverwundt seynd unnd keinen Wein trincken dürffen/ der stärcket das Haupt und heylet die Hauptwunden von grund herauss. Diesen Wundtranck hab ich weiland dem Durchleuchtigen/ Hochgeborenen Fürsten und Herrn/ Herren Johann Wilhelmen/ Herzogen zu Sachsen/ hochseeliger Gedächtniss/ im Jahre 1570 verordnet/ da jhre Fürstl. Gn. tödliche Wunden in das Haupt von einem Schlitten gefallen hatten/ welche durch diesen Tranck und das EMPLASTRUM DE BEROVICA in vierzehen Tagen seynd geheylet worden/ wie dann jrer Fürstlicher Gnaden Leibartzet DOCTOR JOHANNES PONTANTU, solches solchs fleissig in sein Practicirbüchlein/ das er VADEMECUM nennet/ auffgezeichnet hat. Der Tranck wird also gemacht: Nimb Leberblümleinkraut und Blumen iii.Handvoll/ Wintergrün ein Handvoll/ Sanickel/ Berwinck oder Sinngrün/ Meyblümlein/ Lindenblüht/ jedes ein halbe Handvoll. Diese Stück soll man klein zerschneiden/ darnach in ein Kannte thun/ und ein mass Betonienwasser daruber schütten/ den Ranfft der Kannten verlutieren/ darnach vier stunden in einem Kessel mit Wasser sieden/ unnd volgends durchseihen/ darvon gibt man Morgens und Abendts/ jedesmal vier loth zu trincken.