1 / 24-25

SOPHIENKRAUT
Descurdinia sophia-Brassicaceae


VON DEN SOPHIENKRAUT ODER WELLSAMEN

    Dess Sophien oder Wellsamenkrauts haben wir in Teutschlandt und sonderlich im Wormbser Gaw zey underschiedlicher Geschlecht.
    l. Das erste Geschlechte/ ist ein hübsch gewechs wie ein Bäumlein/ mit vielen neben ästlein daran Aschenfarbe/ zinnlechte/ zerschnittene Bletter/ den Blettern dess Corianders nit ungleichen an Gestalt/ doch sind sie etwas breyter unnd feysster/ die Stengel seynd gleich der Rauten anderthalber Elen lang/ im Hewmonat kommen an den Gipffeln herfür seine bleichgele kleine Blümlein/ die underschiedlich im Herbst blühen/ die seynd klein dem Raucken oder wilden Senffblümlein nicht ungleich: Darauss werden kleine lange Schötlein/ die seynd kleiner als die schötlein dess wildten Senffs/ darinnen ist der kleine rhotgelblechter Samen verschlossen. Die Wurtzel ist weiss/ holtzechtig/ lang mit etlichen neben Würtzlein unnd Zaseln.
    ll. Das ander Geschlecht ist dem jetztgemeldten mit den Stengeln/ Blumen/ Samen und Wurtzeln durchauss gleich/ allein die Blätlein seynd viel kleiner/ schmäler und tieffer zerkerfft oder zerschnitten. Seynd beyde Sommerkreuter/ können den Frost dess Winters nicht dulden/ erjüngen sich selbst Jährlich widerumb von jhrem aussgefallenen Samen. Wachsen gemeiniglich und den mehren Theil in flachen Feldern/ auff den Kirchhöfen/ neben der Strassen und hinder den Zäunen. Das erste Geschlecht aber mit den breiten Blättern/ ist nicht so gemein wie das mit den kleinen unnd schmalen Blettern/ doch wirdt dessen mehr im Wormbser und Alzeyheymer Gaw gefunden/ dann an andern Orten.

Von dem Namen dieser Kreuter
    Es haben jhr etliche biss daher das Sophienkraut vor das wahre und rechte SERIPHIUM oder ABSINTHIUM MARINUM gehalten/ sie haben aber weit gefehlet/ dann wir das recht ABSINTHIUM MARINUM angezeigt haben/ und hat sie das den mehren theil betrogen/ dieweil der Sophiensamen auch die Würm toetet und ausstreibt: Wann aber ein jedes Kraut das dergleichen Wirckung hette darumb ein SERIPHIUM seyn solte/ würden wir unzahlbare viel SERIPHIA haben. Dieses Kraut aber ist das recht THALICTRUM oder THALIETRUM der Alten/ dann solches nicht allein mit der Beschreibung DIOSCORIDIS, was die Form und Gestalt belangt/ sondern auch mit der Krafft unnd Tugendt ubereinstimmet. Es wirdt Lateinisch genant THALICTRUM und THALIETRUM, von den Kreutlern SOPHIA, und von etlichen ERUCA GERATINA. Teutsch nennet mans Sophien oder Sofienkraut unnd Wellsamen/ sonderlich aber im Beyer und Hessenland.

Von der Krafft/ Eygenschafft und Wirckung dess Sophienkrauts
    Beyde Sophienkräuter haben ein starcken unlieblichen Geruch/ am Geschmack unlustig und widerwillisch/ seynd mittelmässiger wärmbde/ ein külenden/ trucknenden/ und zusammenziehenden Krafft. Seynd dienlich nicht allein in Leib zu gebrauchen in Bauchflüssen/ sondern auch eusserlich zu frischen Wunden und allerley alten Schäden.

Jnnerlicher Gebrauch dess Sophienkrauts
    Sophienkrautsamen in Speiss und Tranck gebraucht/ oder sonst in andere weg genützt oder eyngenommen/ stopffet alle Bauchflüss/ sonderlich aber die Rote Rhur/ und heylet von wegen seiner schlüpfferigkeit die verwunden Därm/ unnd alle andere jnnerliche verwundung.
    Sophienkraut in Wein oder Wasser gesotten/ je nach Gelegenheit dess Menschen Complexion/ und getruncken/ treibt auss die Spülwürm gleich dem Samen dess Wurmkrauts/ und heylet alle jnnerliche verwundung. Dessgleichen solchen Tranck Morgens und Abends getruncken/ auff ein Pfeniting Gläslein voll/ ist ein guter Wundtranck/ zu newen und alten Wunden/ derowegen die nicht ubel/ sondern recht und wol thun/ die dieses Kraut zu den Wundträncken gebrauchen/ dann es ein edel gut Wundkraut ist/ wiewol es ein unachtsam Gewächs/ von wegen dass es so gar gemein/ und seine Krafft und Wirckung wenigen bekand ist.

Eusserlicher Gebrauch dess Sophienkrauts
    Sophienkrautsamen gepülvert/ oder aber das Kraut gestossen unnd ubergelegt wie ein Pflaster/ heylet die Beinbrüch an Menschen und Vieh: und ist aber ein solche Artzney desto besser/ so man dem Krancken alle Morgen und Abend dess Pulvers von dem Samen i.quintlein zu trincken gibt. Dem Vieh aber soll man i.Loth dess Pulvers mit dem Wasser darinn das Sophienkraut gesotten worden ist/ täglich dess Morgens und Abend einschütten.
    Den Safft dess Sophienkrauts in die faulen Wunden und Schäden gethan/ vertreibt die Würm darauss/ beyde dem Menschen und dem Vieh: So man aber den Safft nit haben kan/ soll man das Kraut in Wein sieden/ unnd die Wunden damit wäschen und reinigen/ das tödet nicht allein die Würm darin/ sondern es heylet auch gewaltig.
    Dz gemelte Kraut auff alle manier gebraucht/ wie ein Pflaster oder sonst in andere weg/ heylet nicht allein alte Schäden und Geschwer/ sondern ist auch ein heylsam Artzeney zu den Fisteln und dem Krebs.
    Ein heylsam Wundöl mach also: Nimm die Bletter und Gipffel dess Sophienkrauts/ die gar frisch seynd ein Pfundt/ stoss klein in ein Mörser/ thu es in ein Küpfferen Pfann/ schütt darüber ein Pfundt Baumöle/ lass sittiglich mit einander sieden biss der Safft vom Kraut sich verzehrt/ darnach press es hart auss/ und thu darzu ein vierling Terpentin/ und lass zehen oder zwölff Tag in einem Küpfferen Geschirr stehen/ so wird es schön grün/ das heb auff/ so hast du ein köstlich Oele oder Wundbalsam/ zu allen alten auch newen Wunden unnd Schäden.
    Ein heysam Pflaster zu den Schäden die von Sanct Antonii Fewer oder Rotlauffen kommen/ mach also: Nimb Sophienkraut ll.handvoll/ der mittelen Rinden von Birckbaum iii.Loth/ Terpentin auss einem frischen Wasser wol gewäschen vier Loth/ vier frischer Eyerdotter: diese Stück temperir alle durcheinander/ dass es werde wie ein Pflaster/ und legs uber den Schaden.
    Ein gut heylsam Pulver/ vör die Wunden so von wilden oder Zahmen Schweinen gehauwen worden seynd/ wann der Brand zuvor gelescht ist: Nimb Sophienkraut iiii.Loth/ gefeyelt Sawzähn iii.Loth/ roter Corallen i.Loth/ mach diese Stück zu einem kleinen Pulver/ und zedels in die Wunde biss dass sie heyl wird.
    Vor den Krebs ein köstlich Pulver/ mach also: Nimb Sophienkraut vier Loth/ Braunwurtz dritthalb Loth/ Sanickelwurtz zwey Loth/ der Rinden von der Wurtzel dess Quittenbaums anderhalb Loth/ cardobenedictenkraut ein Loth/ stoss diese Stück zu einem reinen Pulver/ und zedel es in den Schaden/ doch dass der Schaden zuvor allwegen wol mit Braunwurtzwasser gewäschen und geseubert worden seye. Darneben gib auch dem Krancken in allen seynen Speisen/ von nachvolgendem Pulver zu essen: Nimb Sophienkraut vier Loth/ dess roten Gauchheyls/ Braunwurtz/ gedörrt Kütten/ jedes ii.Loth/ stoss solches zu Pulver/ und brauchs in aller Speiss biss es heyl wird.
    Sophienkraut Pulver heylet die Löcher der schinbein/ die von den hitzigen Blattern herkommen/ darein gezedelt.

Von Sophienkrautwasser und seinem jnnerlichen und eusserlichen Gebrauch

    Das gedistillirte Wasser vom Sophienkraut/ dienet jnnerlich unnd eusserlich gebraucht zu allen jnnerlichen Versehrungen und Wunden/ vier oder fünff Loth getruncken/ und eusserlich damit gewäschen/ dann es reinigt dieselben/ wie auch die alten Schäden und Geschwer.