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 SESEL, BERGFENCHEL

 Seseli - Umbelliferae

 


 

VON DEM SESELKRAUT ODER ZIRMET.

 

 

             Deß Marsilischen Seselkrauts haben wir heutiges tags zwey Geschlecht/ ob gleichwol die Alten nur eines gedencken/ so ist doch die Natur so reich/ daß sie auch in diesem/ wie in andern mehr Gewächsen/ jhren uber fluß erzeiget und zu erkennen gibt.
            l. Das erste Geschlecht deß Marsilischen Sesels/ hat ein lange/ dicke Wurtzel eines guten Geruchs. Die Bletter vergleichen sich den Blettern deß Fenchels/ sind doch dicker. Der Stengel ist starck und steiff/ wie der Stengel deß Ferulkrauts/ wirdt auff anderthalb Elen lang/ der hat fein Nebenzweiglein/ auff denselben wachsen breyte Kronen/ dem Dillkraut ähnlich/ darinnen ein eckechtiger/ langer Samen wächset/ der ist eines guten Geruchs/ unnd an dem Geschmack scharpff und zanger. Dieses Kraut wächst viel auff den rauhen Feldern bey Marsilien unnd andern vielen Orten in Languedock/ deßgleichen in Jtalien. Bey uns zielet mans in den Lustgärten/ und wann es einmal auffgebracht wirdt/ so bleibet es etliche Jahr unversehret/ dann es den Winterfrost in unsern Landen wol leiden mag/ zu dem gehet es in einem jeden Erdtreich auff.
            ll. Das ander Geschlecht hat ein grosse/ lange/ weisse Wurtzel wie der Fenchel/ die strecket sich tieff in das Erdtreich hinein/ also daß sie nicht gut gantz außzugraben ist/ die hat ein guten Geruch/ und ein hannigen/ räsen Geschmack. Die Bletter sind den Fenchelblettern ähnlich/ seynd aber breyter/ steiffer/ dicker/ und auch nicht so viel/ wie am Fenchel gesehen werden/ die seyndt von Farben weißlechtig. Der Stengel ist steiff/ mit Gewerben underscheiden/ wie der Stengel deß Ferulkrauts/ der wirdt anderthalb Elen lang/ auß den Gleychen oder Gewerben wachsen umb den Stengel Nebenzweig herauß/ darauff kommen Kronen oder Schatthütlein herfür mit weissen Blumen/ wann die vergehen/ so folget der Samen/ der ist grösser dann der Anißsamen/ hat ein starcken Geruch unnd hannigen räsen Geschmack wie die Wurtzel. Es wächst auch dieses Gewächs sehr viel in Languedock unnd umb Marsilien. Bey uns muß es wie das vorige in den Gärten gezielet werden.

 

Von den Namen deß Seselkrauts.
            Heutigs Tags haben wir in unsern Apotecken den Samen deß wahren Seselkrauts widerumb/ unangesehen/ daß etliche den Samen deß Beerenklauws viel Jahr her darvor gebraucht haben/ den sie gleichwol thewr kauffen müssen/ und haben denselben selbst genug und häuffig in Teutschland wachsen gehabt/ also fleissig sind unsere unerfahrne PRACTICI und Calendermacher gewesen/ haben alle jhre Sachen den Materialisten und alten Weibern befohlen/ wann es dieselben troffen haben/ so haben sie auch nicht gefehlet.
            Der Sesel oder Seselkraut wirdt Lateinisch genannt/ SESELI, SESELIS, SESELI MASSILIOTICUM, SESELI MASSILIENSE, SELI, SILI, SESELIUM von SORANO EPHESIO, SISELIUM, von ALEXANDRO BENEDICTO CORDYLA unnd SILIS. Die Kreutler nennens mit NICOLAO MYREPSO, PLATY?YMINUM mit RUELLIO, SAXIFRAGINAM MONTANAM, unnd mit andern SAXIFRAGINAM MAIOREM. Von den gemeinen Aertztenund Apoteckern/ SILER MONTANUM, zum underscheid SILERIS AQUATICI, dann der Name SESELI, SELI oder SILI, von jnen in das Wort SILER corrumpirt worden. Sonst wirdt es auch von jhnen SESELIOS unnd SISELIOS INDECLINABILITER genannt. Hochteutsch/ Sesel/ Seselkraut/ Marsilischer Sesel/ Bergsesel/ Rosszkümmel/ Zirmet und Siler Montan.
            ll. Das zweyt Geschlecht ist auch ein Geschlecht deß wahren Seselkrauts/ und kann darvon nicht abgesondert/ sondern eins vor dz ander gebraucht werden. Das wird von den Kreutlern und Simplicisten SESELI MASSILIOTICUM oder MASSILIENSE ALTERUM genannt.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Marsilischen Sesels.
            Der Marsilisch Seselsamen unnd seine Wurtzel haben ein wärmende und trucknende Natur/ sie durchtringen/ lösen auff/ verzehren unnd ziehen zu sich/ unnd sindt warm und trucken biß in den dritten Grad. Das Kraut aber ubertrifft den zweyten Grad nicht im trucknen und wärmen.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Sesels.
            Der Samen unnd die Wurtzel deß Marsilischen Sesels stärcken unnd erwärmen das kalt unnd feucht Hirn/ deßgleichen die Brust unnd Lungen/ verzehren die ubrige feuchtigkeit/ unnd sind denen fast dienlich/ so mit dem fallenden Weh beladen/ oder darzu geneigt sind/ in der artzeney/ Speiß oder Tranck gebraucht/ dann es hat die Eygenschafft/ daß es der Fallendensucht von seiner gantzen substantz widerstand thue.
            Seselsamen oder Wurtzel zu Pulver gestossen/ unnd davon genommen zwey drittheil eins quintleins mit einem dritten theil langen Pfeffers/ und solchs mit einem Trüncklein weissen fürnen Weins vermischt/ unnd warm getruncken/ ist ein herrliche Artzeney wieder die fallende Sucht.
            Seselsamen oder Wurtzel in Speiß oder Tranck gebrauchet/ ist eine heylsame gute Artzeney/ das dunckel und blöde Gesicht zu stercken. Oder: Nimb Seselsamen/ Zimmatrinden jedes ii.loth/ Roßmareinblüth i.loth/ Fenchelsamen/ Anißsamen/ Augentrost/ jedes ein halb loth/ Parißkörner/ Cubeben/ Muschatenblühet/ Näglein/ jedes ein halbs quintlein. Stosse gemelte Stück zu einem reynen Pulver/ und schlags durch ein härins Sieblein. Von diesem Pulver brauche deß Morgens und deß Abends ein stundt vor den beyden Jmbsen/ jedesmal i.quintlein/ es stercket das Gesicht wunderbarlich.
            Seselsamen oder seine Wurtzel in Meth oder Honigwasser gesotten/ und die durchgesiegene Brühe deß Morgens und Abents getruncken/ dienet wieder den alten Husten/ löset ab den zähen Lungenkoder/ unnd führet den gewaltig auß. Oder aber zu einem subtielen Pulver gestossen/ unnd mit dem vierten theil verscheumpten Honigs ein Latwergen vermischt/ unnd deß Morgens und Abendts einer kleinen Castanien groß darvon eingenommen/ hat gleiche Wirckung wieder den alten Husten unnd vertreibet das keichen unnd schwerlich äthmen/ ist ein besondere heylsame Artzeney/ denen so den Athem nicht holen können/ man richte sie dann auff. Solches thut auch das Pulver von der Wurtzel oder dem Samen/ so man darvon eines quintlins schwer mit süssem Wein oder Meth zertrieben warm trincket.
            Der Seselkrautsamen oder Wurtzel in Wein oder wasser gesotten/ unnd der durchgesiegenen Brühen allen Morgen und Abend/ jedesmal drey oder vier Untzen getruncken/ treiben den Harn/ reinigen die Nieren/ Harngäng unnd Blasen/ vertreiben die Harnwinde unnd das tröpfflingen harnen/ treibet die Monatblumen der Weiber/ dienet wieder das auffstossen und ersticken der Mutter/ machet die schwangeren Weiber leichtlich gebären/ stillet das Krimmen und Darmgicht.
            Seselsamen zu Pulver gestossen/ und eines quintl. Schwer mit dem sauwrem Honig Syrup/ ACETO MULSO eingenommen/ ist gut wieder den Krampff.
            Seselsamen oder die Wurtzel zu Pulver gestossen/ unnd in Speiß oder Tranck gebrauchet/ stercket unnd erwärmet den blöden erkalten Magen/ ist auch sehr dienlich den Wassersüchtigen.
            Seselsamen zu Pulver gestossen und mit gebratenen Feigen gessen/ eröffnet die verstopffung der Leber/ deß Miltzs/ der Nieren und Blasen.
            Obgemeldt Pulver mit gutem Wein zertrieben und warm getruncken vor dem Beyschlaff/ hilfft den erkalten Weibern zu der empfängnus.
            Seselsamen gepülvert unnd mit gestossenem Pfeffer/ jedes gleich viel eines quintleins schwer mit gutem fürnenem Wein deß Morgens nüchtern getruncken/ thut gewaltigen wiederstandt der Winterkält/ ist denjenigen ein gute unnd heylsame Artzney die vil im kalten Winter reysen und wandern müssen.
            Wider den Schmertzen deß Rückens unnd der Lenden von Kälte verursacht: Seud Seselsamen oder Wurtzel mit halb Wein und halb Wasser sehr wol/ seihe es wol durch/ und trinck je uber den andern Tag vier Untz warm darvon/ es hilfft/ und treibet auch alle müdigkeit auß den Gliedern.
Wieder den Nieren oder Lendenstein/ mach nachfolgendt Pulver: Nimb Seselsamen/ Wießkümmel/ weissen Jngber/ Fenchelsamen/ Näglein/ Peterleinsamen/ Zimmetrinden/ Anißsamen/ gescheelte oder gereynigte Lorbeern/ geschaben unnd geschnitten/ Süßholtz/ jedes i.loth. Alle gemeldte Stück sol man zu Pulver stossen/ durch ein härins Sieblein schlagen/ und mit x.loth Feinzucker vermischen/ unnd in einem wol verschlossenen Schächtlein zum gebrauch behalten: darvon gib auff einmal ein halb loth mit gutem weissen fürnenem Wein.
            Seselsamen oder seine Wurtzel zu Pulver gestossen/ unnd eins quintleins schwer mit Bastardwein/ oder aber mit einem andern süssen Wein getruncken/ dienet gewaltig wider die schädlichkeit deß eingenommenen Schirlings.
            DIOSCORIDES schreibet/ man gebe auch den Seselsamen/ den jungen Geyssen und anderm Viech zu trincken/ damit sie desto leichter gebären mögen.
            Gemeldter Samen mit Wein getruncken/ ist gut wider die Feber so von weissem saurem Schleim jhren ursprung haben/ die man EPIALAS FEBRES nennet.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Sesels.
            Seselsamen ix.loth/ mit einem loth guter Zimmetrinden/ alles groblecht zerstossen in einem Pfundt Baumölen/ und viii. Untzen guten fürnen Wein gesotten/ biß der Wein verzehret ist/ dann durch ein Tuch gesiegen/ ist ein edel Oele und gute Artzeney wieder den Krampff so man sich warm darmit salbet.
            Wieder die Geschwulst der Brüst von gerunnener Milch von kalter ursach entsprungen: Nimb gepülverten Seselsamen vi.loth/ gestossenen Foenigreck/ Feigbonenmeel jedes iii.loth/ gepülverten Myrrhen i.loth/ gepülverten Saffran ein quintlein: Seud alle gemeldte Stück mit vi.loth Chamillenöle/ und weissen Wein so viel genug ist zu einem dicken Brey/ das streich dann auff ein Tuch wie ein Pflaster/ unnd legs uber die Geschwulst/ es zertheilet sie baldt.
            Das Seselkraut in Wasser gesotten/ unnd den warmen Dampff darvon durch ein Rohr in die Mutter entpfangen/ reyniget dieselbige/ und fürdert die Monatblumen.
            Das gemeldte Kraut ist auch fast nützlich zu den schweißbädern zu gebrauchen/ dann es treibet den Schweiß gewaltig/ und dienet wol zu den erkalten und erlameten Gliedern unnd der Contraction.