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SCHILF

Phragmites - Gramineae

 


 

VON DEM RIEDT ODER ROHR.

 

 

            Der treffenliche Naturkündiger PLINIUS, erzehlet LIB.16.CAP.36. LIB.24.CAP.11. neun und zwantzig Geschlecht deß Rohrs/ zu dieser Zeit aber seyndt nur vi. Geschlecht (unseres wissens) bekannt.
            l. Das erste Geschlecht ist das zahme Rohr/ welches in unserm Landt allein wie auch in Franckreich in den Lustgärten der grossen Herren gezielet wird. Jn Jtalien pflantzet man dasselbige Rohr in grosser Menge/ es wirdt dick wie eine ziemliche Stang/ fest/ steiff/ hart/ hol/ unnd mit starcken gleychechtigen Knöpffen underscheiden unnd abgetheilet/ und wirdt auff die fünffzehen oder xvi. Schuhe hoch/ darauß machen die Eynwohner Pfäl unnd Stützen zu den Weinreben/ wann ander Holtz mangelt. Es hat dieses Gewächs ein lange/ dicke/ knodtechtige Wurtzel/ der Wurtzel SCHINAE ähnlich/ außgenommen daß sie weisselechtig ist/ die kreuchet uberzwerch hin und her in der Erden/ und hat viel kleiner/ angehengter Würtzlein/ die erjünget und mehret sich selber/ und stosset jährlich new Augen oder Sprossen herfür wie das gemeine Rohr/ darauß newe Rohrstangen werden/ hat einen guten unnd süssen Geschmack/ die Bletter seyndt sehr breyt unnd groß/ wie auch die Aeher deß gemeinen Weyherriedts.
            ll. Das ander Geschlecht ist unser gemein Weyherriedt. Es hat ein weisse zasechtige Wurtzel/ die ist hol mit vielen Gleychen fast wie die Kalmuswurtzel/ oder die rechte Ackerwurtzel anzusehen/ auß welchen alle Jahr newe Augen im Frühling herauß stossen. Dieses wirdt allenthalben unnd auch zweyer Manns hoch/ und Fingers dick durchauß mit Gleychen unnd dicken Gewerben oder Knöpffen underscheiden/ ein jedes Gewerb mit einem langen graßechtigen breyten Blat bekleydet/ da ein jedes besonder unden an jedem Knopff oder Gleych herauß wechst/ dardurch die Röhr schlieffen/ wie die Stengel oder Hälmer an den Früchten/ solche breyte Bletter schneiden zu beyden Theilen als ein Messer. Gegen dem Heuwmonat bringen diese Röhr/ weyche/ haarechtige unnd zottechtige Aeher wie die Straußfedern/ die fliehen nach der Zeitigung darvon.
            lll. Das dritte Geschlecht ist steiff/ hart unnd fest/ nicht schwer/ glatt und ohne Knöpff oder Gewerb/ Castanienbraun oder wie das gescheelet Eibenholtz/ wird von den Kauffleuten unnd Schiffleuten auß Jndien zu uns gebracht/ das brauchet man zu Stecken oder Stäben im gehen sich darmit zu stewren/ ist dienlich vor die alten Leut/ die deß dritten Fusses es vonnöthen seyndt. Etliche pflegen solche Rohr zu gemeldtem gebrauch mit Silber zu beschlagen.
            lV. Das vierdte Geschlecht wirdt auß Ostindien zu uns gebracht/ ist sehr glatt unnd glantzend/ geel von Farben/ fest unnd starck wie ein Holtz unnd gefüllt wie das nechstgemeldet/ ist darneben zähe/ unnd lässet sich biegen/ sonderlich das noch klein ist.
            V. Das fünffte Geschlecht ist sehr starck unnd dick/ eben/ glatt unnd glantzend/ von Farben Castanienbraun/ das brauchen die grossen Fürsten unnd Herren zu Stäben vor die Marschälck und Hoffmeister die damit vor dem Essen her gehen/ und lassen dieselbigen schön mit Silber beschlagen/ deßgleichen brauchen sie auch solche zu Stecken sich darauff im gehen und sonst zu steuren/ wie dann der Durchleuchtigste unnd Hochgeborne Fürst unnd Herr/ Herr OTTHO HENRICUS Pfaltzgraff/ Churfürst unnd Hertzog in Beyern/ auch einen solchen Stab gebrauchet im gehen/ als ein starcker schwerer Fürst sich darauff zu stewren/ welchen der auch Durchleuchtigst Hochgeborne Fürst und Herr/ Herr FRIDERICUS dieses Namens der Dritt/ auch Pfaltzgraff/ Churfürst unnd Hertzog in Beyern/ mein gnedigster Herr/ als ein SUCCESSOR unnd Erb der Churfürstlichen Pfaltz/ mir denselbigen Stab gegeben/ das von jhren Churfürstlichen Gnaden wegen sampt einem schönen vergülten Uhrwerck/ dem Hochwürdigen Fürsten unnd Herren/ Herr Marquarden Bischoffen zu Speyer/ unnd Probsten zu Weissenburg/ ich underthänigst zum newen Jahr verehren solte/ den ich auch hierbey habe Abconterfeyten oder abreissen lassen.
            Vl. Das sechste Geschlecht ist dünn und schmal/ nicht dicker als ein Schwanenfeder/ sehr glatt und glantzend/ von farben außwendig dunckelrot/ unnd innwendig weiß unnd hol/ ist sonst auch mit Gewerben oder Gleychen underscheiden/ die stehen anderthalb Spannen lang von einander/ darumb seyn weisse runde Circkelein/ gleich kleinen Bändtlein. Es wächst in Griechenlandt/ deßgleichen in der Jnsel CORSICA, und in der Provintz Franckreich/ in feuchten und feysten Orten.

 

Von den Namen der Riedt oder Rohr.
            Das Rohr in gemein heisset Lateinisch/ CALAMUS, ARUNDO unnd HARUNDO. Sonst wirdt das Rohr von den Kreutlern CANNA genannt. Hochteutsch/ Riedt oder Rohr.
            l. Das erste Geschlecht deß Rohrs heisset Lateinisch/ DONAX, CALAMUS CYPRIUS, ARUNDO CYPRIA. Von den Kreutlern/ ARUNDO SEU HARUNDO DOMESTICA, und HARUNDO HISPANICA und CANNA HISPANICA, Dieweil es erstmals auß Hispanien in diese Landt gebracht worden ist. Hochteutsch/ Hispanischriedt/ hispanisch Rohr unnd zam Rohr.
            ll. Das zweyte Geschlecht ist unser gemein Rohr/ das heisset Lateinisch/ CALAMUS VALLARIS, HARUNDO VALLARORIA, HARUNDO SEPIARIA, HARUNDO oder CALAMUS CHARACIAS THEOPHRASTI, und von den Kreutlern/ CALAMUS PHRAGMITES, CANNA SEPIARIA und VALLARORIA. HOCHTEUTSCH/ gemein Riedt/ Rohr oder Deckriedt.
            lll. Das dritte Geschlechtist das erst gesetzte Jndianisch Rohr/ heisset Lateinisch/ CALAMUS FARCTUS, HARUNDO FARCTA, CALAMUS TOXICUS, HARUNDO TOXICA, HARUNDO ?NODIS, unnd von den Kreutlern/ CANNA FARCTA, CANNA SAGITTALIS, und HARUNDO oder CALAMUS SAGITTALIS. Teutsch wirdt es genenet Pfeilrohr und gefüllt Rohr mit Marck. Zu diesem Geschlecht werden auch die andern zwey Jndianische Rohr/ nemblich das Vierdte und das Fünffte gerechnet.
            Vl. Das sechste Geschlecht heisset Lateinisch/ HARUNDO FISTULARIS, CALAMUS FISTULARIS, CANNA FISTULARIS, unnd ARUNDO SEU CANNA SCRIPTORIA. Hochteutsch/ Schreibriedt oder Schreibrohr/ dieweil man dasselbige Geschlecht vor Schreibfedern gebrauchet hat/ wie man noch heutiges Tags in Griechenland und in der Türckey thut/ unnd ist solcher Gebrauch bey den Alten sehr gemein gewesen/ dannenher auch unsere Schreibfedern die wir von Gänß und Schwanenfedern zum schreiben gebrauchen/ den Namen uberkommen/ daß man sie noch auff den heutigen Tag CALAMOS nennet.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Rohrs oder Riedts.
            Es werden allein die zwey erstgesetzt Geschlecht deß Rohrs in der Artzeney gebraucht/ nemblich das Hispanisch oder zam Rohr/ und darnach das Deckrohr oder gemein Rohr/ damit man Dächer zu decken pfleget/ unnd haben diese beyde eine Krafft zu wärmen unnd zu trucknen im dritten Grad/ doch etwas mehr zu trucknen dann zu wärmen. Die gebrennte Rinde aber hat eine Krafft unnd Eygenschafft/ dünn unnd subtiel zu machen/ zu zeitigen unnd zu säubern. Die Bletter deß Rohrs säubern auch/ seyndt aber sehr kalter und truckner Natur unnd Eygenschafft.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Rohrs.
            Die Wurtzeln von dem zamen oder gemeinen Deckrohr/ in Wasser oder Wein gesotten/ unnd von der durchgesiegenen Brühen getruncken/ treibet den Harn unnd die Monatblumen der Weiber/ unnd wendet das tröpfflingen harnen.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Rohrs.
            Die frischen Rohrbletter pfleget man im Sommer in die Kammern und Gemach zu strewen/ darinn jemandts an dem hitzigen Fieber kranck ligt/ den Lufft darmit zu erfrischen und zu külen/ und die Krancken zu erquicken.
            Rohrwurtzeln klein geschnitten/ unnd wol vor sich oder mit Spanischen oder gemeinen Zwibeln gestossen/ unnd wie ein Pflaster aufgelegt/ zeucht Pfeil/ Dornen/ Spreissen und Nägel auß dem Leib. Oder stoß die Rohrwurtzel klein/ und temperier die mit Honig zu einem Pflaster und leg es uber/ es zeucht alle Geschoß auß.
            Die Bissz der gifftigen Thier zu heylen/ und das Gifft außzuziehen daß es nit zum Hertzen steig: Nimb Rohrwurtzel vier Loth/ rundt Osterluceywurtzel ii. Loth/ Senffsamen ein Loth/ zwo gebratener Zwibeln/ Taubenkaat vier Loth/ durchgestrichen Marck von Feigen vi. Loth. Solche Stück alle soll man mit gnugsamen Honig durcheinander temperiren wie ein Pflaster/ unnd auff ein Tuch gestrichen uber den Schaden binden/ und alle Tag deß Morgens unnd Abendts erfrischen/ unnd die andern hinwerffen.
            Rohrwurtzel klein geschnitten und gestossen/ darnach wie ein Pflaster ubergeleget/ zeucht von Stundt an die Spreissen von Farnkraut/ die im Fleisch stecken/ auß.
            So ein Ochß oder Rindt in ein Dornen getretten oder sonst an einem andern Ort deß Leibs einen Speissen oder Dornen empfangen hette/ soll man Rohrwurtzel stossen unnd wie ein Pflaster darüber binden/ so zeucht sie den Dorn oder Spreissen herauß.
            Die Aesch von den Rinden der Rohrwurtzeln mit Essig vermischet wie ein Sälblein unnd angestrichen/ machet das außgefallen Haar wider wachsen/ das thut auch die gemeldte Aesch/ mit Löwenschmaltz vermischet/ unnd gleichfalls gebrauchet.
            Rohrwurtzeln zerschnitten/ in Wein gesotten/ und dz Haupt mit dem durchgesiegenen Wein gewäschen/ vertreibt die Schiepen auff dem Haupt.
            Rohrwurtzel in Baumölen gesotten unnd durchgesiegen/ miltert und leget den Schmertzen der Ohren/ so man etlichmal deß Tages von diesem Oele darein thut.
            Rohrsafft mit Honig temperiert/ heylet die Verwundung unnd Geschwer der Zungen/ so man sie offtermals mit dieser Artzeney anstreichet.
            Rohräschen in die Nasen gethan/ stillet das bluten derselbigen.
            Soeinem der Bart außfället: Nimb Rohräschen zwey Loth/ gebrannt Fröschpulver sieben Quintlein/ Rauckensamen fünff Quintlein/ Nesselsamen vier Quintlein. Stosse solche Stück zu einem subtielen Pulver/ unnd vermische es mit Lorölen so viel genug ist zu einer Salben/ darmit schmier die kale statt.
            Rohrwurtzel zu einem subtielen Pulver gestossen/ darnach mit gutem Weinessig temperieret zu einem Sälblein/ miltert und leget den Schmertzen der verruckten Glieder der Lenden unnd deß Rückgradts/ darüber geleget/ oder angestrichen.
            Die dünnen Rohrbletter gestossen/ leschen das wilde Fewer oder Rotlauffen wie ein Pflaster ubergelegt.
            Die Zeichen oder Masen zu vertreiben/ die von den Purpeln oder Kindtsblattern entstanden seyndt.Nimb den außgepreßten Safft von der Rohrwurtz/ Eselschmaltz/ oder Unschlit unnd Honig/ jedes gleich viel/ oder so viel genug ist/ das temperier zu einer Salben/ unnd schmiere die Masen darmit.
            Oder nimb Rohrwurtzel/ Silberglett/ Ziserbsen/ Reiß/ Basiliensamen/ gescheelter Melonenkernen/ alte Bein von Thieren/ jedes gleich viel/ stoß zu einem subtielen Pulver/ unnd schlags durch ein Sieblein/ vermische darmit deß Schleims von Griechischheuwsamen/ von Leinsamen und Rosenhonig/ so viel genug ist ein Sälblein darauß zu machen/ und schmier die Masen darmit.
            Rohrbletter gestossen/ vertreiben unnd zertheilen die hitzige Geschwulst der Hochbelg oder Hoden/ wie ein Pflaster darüber gelegt.
            Rohrwurtzel zu einem subtielen Pulver gestossen/ heylen die Fistulen und alte Schäden/ darein gestreuwet.
            Deß grünen oder frischen Rohrs Marck gestossen/ und das forder theil deß Haupts und die Füß darmit angestrichen/ sich darauff nidergeleget unnd wol zugedecket/ machet gewaltig schwitzen.
            Rohrwurtzel gestossen unnd gesotten/ hilfft wider die Stich der Scorpionen/ wie ein Pflaster ubergelegt.
            APULEIUS unnd ZOROASTRA bey dem CONSTANTINO, schreiben/ wann man eine Schlangen oder Viper/ einmal mit einem Rohr schlage/ so werden sie doll unnd starrecht/ so man sie aber offtermals darmit schlage/ so werden sie desto frischer darvon.
            Die haarechtige oder wollechtige Blumen deß Rohrs/ so die jemandt in die Ohren kommen/ so nemmen sie einem das Gehöre und machen taub.
            Auß den gemeldten Blumen/ so sie schwartz werden und anfahen hinweg zu fliehen/ machet man an etlichen Orten Beth und Küssen darauß.
            Es bezeugen die alten Lehrer die von dem Feldtbauw geschrieben haben/ daß zwischen dem Rohr unnd Farnkraut ein grosse natürliche Feindtschafft seye/ daß auch so die Ackerleute das Rohr an die Pflugschar binden/ unnd also zu Acker gehen/ werde alles Fahrnkraut so auff demselbigen Acker stehet/ außgerottet. Hergegen widerumb ist zwischen dem Rohr und den Spargen ein natürliche Freundtschafft/ daß wann man Spargen bey oder zwischen die Rohr pflantzet/ so wachsen die Spargen so wol auff/ daß sich darob zu verwundern seye.
            Es machet das Bawersvolck an etlichen Orten Dächer auß dem Rohr. Am Rheinstrom an denen Orten da das Holtz klemm unnd theuwer ist/ samblen die armen Leuth das Rohr/ machen Büscheln oder Wellen darauß/ unnd hitzen durch den Winter uber darmit ein/ und brauchens auch das Brodt darmit zu backen. Die Weiber brauchen auch die Rohr zu jhren Spulen im weben.