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SCHARTE (FÄRBERSCHARTE)
Serratula - Compositae


VON DEM SCHARTENKRAUT

    Dieweil das Schartenkraut eine grosse Gleichheit mit den Flockenblumen und Stebenkräutern hat/ haben wir nicht umgehen können/ dieselbige gleich auch an diesem Ort zu beschreiben/ und den gemeldten Kräutern zu zugesellen. Und haaben wir aber derselbigen drey unterschiedliche Geschlecht/ so viel die Gestalt der Blätter anlangen thut.
    I. Das erste Geschlecht und das allergemeineste Schartenkraut/ hat eine braunschwartze Wurtzel/ von vielen dünnen Wurtzeln/ von einem Haubt herfürkommend/ die haben im Frühling ehe das Kraut zum Stengel wächst/ einen lieblichen Würtzgeruch/ gleich wie die Nägelein oder Garaffelwurtzel. Die Blätter dieses Gewächs sind groß und breit/ rauh und hart/ grösser als die Blätter des Betonienkrauts/ auf beyden Seiten gerings herum mit kleinen scharpffen Scharten zerkerfft wie ein Sichel/ sind von Farben dunckel oder sattgrün. Die Stengel/ deren etliche von einer Haubtwurtzel herauß wachsen/ sind rund/ dünn und braunfarb/ einer Ellen lang und auch länger/ am Ende derselbigen/ wie auch an den Nebenzweiglein/ erscheinen im Ende des Sommers die schöne Purpurbraune Blumen/ auß schüpechtigen rauhen Häußlein oder Köpfflein/ wie die Köpfflein der Korn- oder Flockenblumen/ welchen auch die Blumen ähnlich sind. Dieses Gewächs findet man viel hin und wieder am Theinstrom/ in den feuchten Wälden/ und sonderlich im Wormsergau auff den Wiesen/ deßgleichen auff den Bergen/ an dunckeln Orten/ um die Reichstatt Cronweissenburg/ bey dem Berghauß St. Paul/ und bey St. German/ und aneren mehr dergleichen Bergen und Wälden Teutschlands.
    II. Das zweyte Geschlecht hat längere und schmälere Blätter dann das jetzgemeldte/ sind doch auch mit Scharten auff beyden Seiten zerspalten wie dieselbigen. Die obersten Blätter aber um den Stengel/ sind viel tieffer zerkerfft gleich wie Stacheln/ sonst ist mit der Wurtzel/ Stengel und Blumen dem jetztgemeldten durchauß gleich/ und wächst auch an den obgemeldten Orten.
    III. Das dritte Geschlecht hat Wurtzeln/ Stengel und Blumen/ den andern durchaus ähnlich und gleich/ aber die untersten Blätter/ die von der Wurtzel herauß wachsen/ sind mit tieffen Schnitten zertheilet wie das Apostemenkraut/ und doch nicht desto weniger an allen Seiten gerings herum zerkerfft/ und wächset auch unter den vorgemeldten Geschlechten/ in den Matten und feuchten Wälden.

Von den Namen des Schartenkrauts.
    Ob die alten Lehrer dises Kraut auch beschrieben haben/ oder ob es ihnen auch bekandt gewesen seye oder nicht/ ist ungewiß/ sintemal noch keiner einige Zeugnuß der Alten von diesem Kraut dargethan oder angedeutet hat/ so ist uns auch keine Beschreibung der Alten je fürkommen/ die sich mit diesem Kraut vergleichen wil/ müssen uns derowegen mit den gemeinen Namen/ die diesem Gewächs zu unsern Zeiten von den Kräutlern gegeben worden sind/ behelffen. Es wird von den Kräutlern/ SERRATULA genandt. Dieweil aber das Betonienkraut unter anderen auch diesen Namen hat/ haben es etliche zum Unterscheid desselben/ SERRATULAM TINCTORIAM genandt. Dieweil auch dieses Kraut der Häubtlein oder Blumen halben/ eine grosse Gleichheit mit den JACEIS oder Flockblumen hat/ haben wirs allwegen wie auch noch/ JACEAM AROMATICAM, und JACEAM CARYOPHYLLATAM getaufft/ und das auch von wegen der wolriechenden Wurtzel. Teutsch/ Schartenkraut/ Färberscharten/ dieweil die Tuchfärber dieses Kraut zum färben gebrauchen.

Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft des Schartenkrauts.
    Das Schartenkraut ist warm und trucken um andern Grad/ und wird beyde das Kraut und Wurtzel gebrauchet. Die Wurtzel soll man im Frühling zum Gebrauch der Artzney einsamlen/ so bald sich die Blätter herfür thun/ zu der Zeit ist sie am kräfftigsten/ und eines sehr lieblichen Würtzgeruchs/ sonderlich aber die so im Gebirg wächset.

Innerlicher Gebrauch des Schartenkrauts.
    Schartenkraut in Wein gesotten/ biß der drittheil verzehret ist/ dann durch ein Tuch gesigen/ und alle Morgen und Abend dieses Trancks auff die 4. Untzen warm getruncken/ ist denen so hoch gefallen oder zerstossen sind ein heilsame Artzney/ dann es zertheilet das gerunnen Blut/ und heilet was innerlich zerbrochen ist. Solches thut auch die Wurtzel zu Pulver gestossen/ und eines Quintleins schwär auff einmal mit Wein zertrieben/ und warm getruncken.
    Es wird dieses Kraut und auch die Wurtzel sonderlich gelobt und gepriesen wider die Brüch/ Tränck darvon bereitet/ oder das Pulver obgemeldter massen mit Wein getruncken/ soll die Weydbrüch heilen/ an den jungen und alten Menschen.
    Es ist auch ferner das Schartenkraut ein fürtrefflich Wundkraut/ zu allen gehauenen und gestochenen Wunden/ wie sie Nahmen haben mögen/ das Kraut und Wurtzel in Speiß und Tranck gebrauchet/ oder aber Wundträncke darvon gesotten/ unter welchen folgender Tranck offtermahls in schwären Fällen erfahren ist: Nimm Schartenkraut 2. Handvoll/ Buchspick oder groß Maußöhr/ Gauchheil mit den rohten Blümlein/ jedes anderthalb Handvoll/ Schartenkrautwurtzel/ Beerwinck/ Sanickel/ Engelwurtz oder Blätter/ Erdbeerkraut/ jedes 1. Handvoll/ wild Ochsenzungd/ Leberblümlein/ mit Kraut und Wurtzel/ Hagendornblühet/ jedes eine halbe Handvoll. Alle gemeldte Stück soll man klein zerschneiden/ dann wol durch einander vermischen/ folgends in zwey Theil abtheilen/ und ein Theil in eine gehebe Fläsch oder Kante thun/ darüber schütten 1. Maß guten weissen Wein oder alt Bier/ den Ranfft darnach mit einem Rockenteig wol verkleiben/ die Kante darnach in ein siedend heiß Wasser setzen/ und zum wenigsten vier Stunden darinn sieden lassen/ darnach wann es kalt worden ist/ durch ein Tuch seihen/ so hat man einen heilsamen guten Wundtranck/ der alle frische Wunden und Stich vom Grund herauß heilet/ so man alle Morgen und Abend/ jedesmal 4. oder 5. Loth davon trincket.

Eusserlicher Gebrauch des Schartenkrauts.
    Schartenkraut in Wein gesotten/ und die Wunden und faulen flüssigen Schäden darmit gewäschen/ säubert und reiniget dieselben/ und fürdert sie zu der Heilung.
    Schartenkraut gestossen/ und wie ein Pflaster übergelegt/ zertheilet Geschwulsten/ und heilet die Brüch.
Das gemeldte Kraut hat eine sonderliche Krafft und Eigenschafft/ den Schmertzen der Feigblattern oder Güldenadern zu stillen und zu miltern/ derowegen es zu den Lendenbäderen/ die man in diesen Gebrechen zu brauchen pfleget/ genommen.
    Etliche brauchens auch zu Schweißbädern/ die erlöcherten lahmen Glieder darmit zu stärcken/ dann es vor die Lähme aller Glieder hoch gelobt und gepriesen wird.