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SAUERTEIG


 

 

VON DEM SAUWERTEYG.

 

            Dieweil wir biß daher fast alles Getreydt unnd was darauß bereitet wirdt ordentlich beschrieben/ und darneben auch deren Gebrauch beide in der Speiß/ Tranck/ und Artzeney angezeiget/ und zum fleissigsten so es geschehen können/ underwiesen haben/ so haben wir es auch vor ein Notdurfft gehalten/ den Sauwerteyg oder Höfel/ der auß dem Meel deß Getreydts gemacht wird/ hie in diesem Ort auch zu beschreiben/ und desselbigen Gebrauch anzuzeigen/ sintemal er auch neben dem gemeinen Gebrauch der Artzeney genommen werden/ und seine Lucken vertretten kann. Was nun seinen Gebrauch zum Brodtbacken belangen thut/ ist derselbe nit allein den Beckern/ sondern auch allen rechtschaffenen Haußmüttern bewust/ derwegen wir auch jn denselben/ sampt seiner bereitung/ wöllen befohlen haben.

 

Von den Namen deß Sauwerteygs.
            Der Sauwerteyg oder Höfel heisset Lateinisch/ ZYMA unnd FERMENTUM. Hochteutsch/ Sawerteyg/ Deyssam/ Hüfel/ Urhab/ Hebel und Höfel.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Sauwerteygs.
            Es hat der Sauwerteyg ein widerwertige Natur/ sintemal er auß widerwertigen Eygenschafften vermischet ist/ dann von wegen seiner säuwre kület er/ von wegen aber deß Saltzs und Meels darauß er gemacht wirdt sampt der Jährung und Putrefaction/ bekompt er etlicher massen eine wärmende Eigenschafft/ also daß er auß solchen widerwertigen vermischten Eigenschafften ein temperierende Wärmbde unnd Krafft zu külen uberkommet/ daß er weder zu viel hitziget/ noch zu viel kältet/ und hat eine Krafft zu resoluiren/ zu vertheilen/ zu zeitigen/ auffzubrechen/ und ohne Beschwerung ohn beissen und schmertzen auß der tieffe an sich zu ziehen/ mit einer durchdringenden subtielen Krafft und Wirckung.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Sawrteygs.
            Wider das Feber der jungen Kinder von Hitz mit grossem Durst/ mache nachfolgendes Träncklein: Nimb Sawerteyg ein loth/ Saffran ein halbs Quintlein/ halber gebrannt Helffenbein/ vier Scrupel/ weissen Madery oder Canarienzucker dritthalb loth/ frisch Brunnenwasser das ein wall oder etlich auffgesotten hat und noch heiß ist xii.untz. Vermische alle diese stück durch einander unnd laß sie iii. stunden mit einander beytzen/ darnach sehe es sittiglich durch ein Tüchlein ab/ und gib dem Kind alle stund i. Löfflein voll darvon zu trincken/ das leschet die febrische Hitz und den Durst/ und stärcket darneben sehr wol.
            Wider die Ruhr und Durchlauff der jungen Kinder: Nimb Sawerteyg anderhalb loth/ zertreib den in xvi. untzen Wasser/ darinn anderhalb quintl. Zerstossene Tormentillwurtzel gebrannt/ Helffenbein ein halbes quintl. Rote Rosen/ Galläpffel/ jedes ein drittheil eines quintleins/ und thu darzu drey loth alten Rosenzucker von roten Rosen gemacht/ laß die drey stunden mit einander beytzen/ darnach seihe es durch ein Tüchlein ab/ und gib dem Kind nach Durst davon zu trincken.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Sauwerteygs.
            Sawerteyg mit Essig zertrieben/ und wie ein dünnes Sälblein temperiert/ vertreibe die Riesamen/ Linsenflecken/ und andere Flecken deß Angesichts/ dasselbig offtermals damit angestrichen/ unnd deß morgens mit Wasser darinn Türckische Bonen gesoten worden sind/ abgewäschen.
            Guten starcken Sauwerteyg mit Balsamkrautsafft unnd starcken Weinessig temperirt wie ein Pflaster/ stillet das hefftig erbrechen deß Magens/ es komme gleich woher es wölle/ auff ein Tuch gestrichen und uber das Hertzgrüblein unnd den Magen warm gelegt.
            Sauwerteyg mit Eyerdottern durch einander gestossen/ unnd zu einem Pflaster temperieret/ erweychet die Geschwer deß Magens unnd deß Eingeweydts/ Pflasterswei ubergeleget.
            Sauwerteyg von Weitzenmeel gemacht/ hat eine Krafft zu erwärmen unnd außzuziehen (spricht DIOSCORIDES) sonderlich aber vertreibet er die Schwüllen unnd Krähenaugen der Füss.

            Sauwerteyg mit Saltz vermischet/ zeitiget die harten Beulen und die Bluteissen/ und eröffnet dieselbigen/ wie ein pflaster ubergelegt.
            Alle Geschwer zu vertheilen oder zu eröffnen/ ist folgendts pflaster sonderlich berühmbt: Nimb guten starcken Sauwerteyg drey Untzen/ gepülvert Reuschgeel/ Seyffen/ jedes zwey loth/ gepülvert Griechischheuwsamen ein loth/ Pinhartz sechs Untzen/ Griechischhartz/ Wachs/ jedes drey untz. Den Sauwerteyg zerlasse mit genugsamem Wasser/ zerlasse dann das Hartz/ Seyffen und Wachs/ vermische die wol mit dem Sauwerteyg/ unnd thu die andern stück rein gepülvert darzu/ knette die wol durcheinander zu einem pflaster/ darvon streich auff ein Tuch/ und legs uber die Geschwer.
            Sawerteyg von Weitzenmeel gemacht/ mit gnugsamem Schweinenschmaltz durcheinander wol geknetet und zu einem Pflaster temperieret/ dient wider die hitzige Geschwulst von der Aderlässe verursacht/ und zertheilet die gerunnene Brustknollen.
            Sawerteyg mit scharpffer Laugen temperiert wie ein Pflaster/ zeucht alle Fäulnuß auß der tieffe der Fisteln/ auff ein tuch gestrichen/ und darüber gelegt.
            Sauwerteyg mit Baumölen unnd Saltz zu einem Pflaster vermischt/ zeitiget und eröffnet die Pestilentzblattern oder Zinnblattern/ darüber gelegt.
            Oder nimb Sauwerteyg unnd käuwe den wol nüchtern im Mundt/ lege den auff ein Tuch gestrichen uber die Zinnblatter wie ein Pflaster/ dz reutet dieselbig darauß. Solches thut auch so man den Sauwerteyg allein mit Saltz durcheinander temperiert/ und wie ein Pflaster ubergelegt.
            Oder nimb scharpffen Sauwerteyg drey Untzen/ Hünerschmaltz zwo untzen/ zween Eyerdotter/ gepülverten Zucker ein loth/ gepülverten Saffran zwantzig Gerstenkörnlein schwer/ Vermische solche stück wol durcheinander mit genugsamem Rosenölen zu einem Pflaster/ darvon streich auff ein Tuch und legs uber die Zinnblater/ das zeitiget sie sehr bald.
            So ein Rossz ein Geschwulst hat die jhm nicht vergehen will: Nimb Sauwerteyg und vermische den mit Saltz und Weinessig zu einem Pflaster/ und leg dz so lang uber biß die Geschwulst vergeht.
            Wiltu guten Essig machen/ so nimb Sauwerteyg und backe den in einem Backofen/ und lege den in ein Gefäß mit warmem Wein/ und vermache dasselbige geheb zu/ so wirdt ein guter starcker Essig daraus.
            Wilt du ein schlechten Essig gut und starck machen/ so henck ein guten Sauwerteyg in das Faß oder Geschirr darinn der Essig ist/ und leg oder setze den Essig an ein warm Ort oder hinder einen warmen Ofen in ein Stuben/ so wirdt der Essig gut und starck.
            Etliche stopffen die Gefäß darinnen sie den Essig bewahren und halten mit Sauwerteyg zu/ und es wirdt ein sehr starcker und guter scharpffer Essig daraus/ wann er schon gar schlecht und gering ist.
            Sauwerteyg mit Wein unnd ein wenig gepülverten Weyrauch zu einem Sälblein vermischet/ dienet wieder das beissen und jucken der Haut/ und wider die Seuren deß gantzen Leibs/ sonderlich aber deß Angesichts/ offtermals angestrichen/ oder welches besser auff ein Tüchlein gestrichen und ubergeleget wie ein pflaster.

 

Sauwerteygtranck.
POTUS EX FERMENTO.

 

            Die Moseviter unnd die Schlaven/ die bereiten auß dem Sauwerteyg einen Tranck/ den sie neben dem Meth in täglichem Gebrauch haben/ wie auch andere Völcker/ der ist im trincken lieblich/ bitzelt auff der Zungen/ unnd leschet den Durst besser als Meth oder Wasser/ eines solchen Trancks gedencket der Poet VIRGILIUS, der auß dem Sawerteyg gemacht wird IN CARMINE GEORGICO: