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MISTEL
Viscum - Loranthaceae


VON MISPEL

    Der Mispeln oder Misteln werden uns zwey Geschlecht fürgestelt: Das erste ist jederman wol bekant/ wächst auff den Bäumen mit zähen Aesten/ welche sehr durcheinander verwirret seyn: Seine Blätter seyn dem Buchsbaum gleich/ gewinnt weisse Beerlein/ welche gar schleimig seyn/ auss welchen man den Vogelleim bereitet. Man findet diesen Mistel auff den Eychbäumen/ auff Aspen/ Bircken/ Lindenbäumen/ und andern Bäumen mehr: Aber der beste soll auff den Eychbäumen wachsen.
    Man sagt/ wenn die Beer von den Vögeln gessen werden und widerumb durch sie hinweg gehen/ dass er also dann von dem Samen auffgehe: Daher auch von Plauto geschrieben wird/ IPSA SIBI AUIS MORTEM CREAT/ CUM VISCUM SERAT/ QUO POSTMODUM AB AUCUPIBUS CAPIATUR.
    Es haben die alten viel superstition getrieben mit diesen Misteln/ wenn sie dieselbige haben abgebrochen.

Von den Namen
    Mistel heisset Lateinisch VISCUM.

Von der Natur/ Krafft unnd Eygenschafft der Misteln
    Die Mistel ist einer mittelmässigen Natur/ nicht zu warm und auch nicht zu kalt/ doch mehr feucht denn trucken/ sie zertheilet unnd erweychet die Geschwülst.
    LEONHARDUS FUCHSIUS vermeldet/ dass sie etwas Schärpffe bey sich habe/ auch etwas bitter sey/ doch mehr scharpff dann bitter.
(Das Holtz/ so man zur Artzney gebrauchen wil/ sol noch frisch seyn/ innwendig grünlecht/ ausswendig Kästenbraun und glatt.)

Jnnerlicher Gebrauch
    Es melden RONDELETIUS unnd HOLETIUS/ dass die Eychenmistel ein sonderliche Krafft unnd Eygenschafft habe/ wider die Fallendsucht/ und dasselbige nicht von wegen jhres TEMPERAMENTI/ sondern vielmehr TORIUS SUBSTANTIAE FAMILIARITATE.
    Ein gut Pulver für die Kinder/ so mit der Fallendsucht beladen seyn: Nim Peonienwurtzel und Samen jedes ein Quint. Sesel/ Aniss und Fenchel jedes ein halb Quint. Eychenmistel i Quint. mach sie zu einem Pulver/ mische darunter Zuckercandit ein Untz/ von diesem Pulver sol man dess Morgens dem Kind ein Quent. mit Milch eingeben.
    Etliche machen auch Pillulein darauss/ unnd gebensie den alten Personen wider obgemelte Krankheiten: Nim Eychenmistel/ Peonienwurtzel und Samen jedes anderthalb Quint. Muscatennüss i.qu. Aniss anderthalb Qu. Buglossenzucker sieben Qu. darauss mach Pillen/ welcher man eines Quentleins schwer eingeben sol.
    Es sagen etliche/ man müsse die Misteln darzu gebrauchen/ welche die Erden noch nicht berühret haben.
    Etliche Leuth brauchen sie auch wie ein AMULETUM/ lassen sie in Silber fassen/ oder machen sie an ein Schnur/ und hencken sie den Kindern an den Halss.
    Man sol aber diese Mistel den krancken Personen nit mit Wein eingeben/ wie etliche schreiben und fürgeben/ sondern mit einem andern tauglichen LIQUORE/ als mit Lindenblüetwasser/ oder Bingenrosenwasser/ dann der Wein in dieser Schwachheit gar schädlich ist.
    Wenn ein Kind die Spülwürm hat/ sol man die Rinde von Eychenmistel zu Pulver stossen und dem Kind Morgens nüchtern mit Milch eyngeben/ sollen sie in neun Stunden sterben.
    Eychenmistel zu Pulver gestossen/ und den geberenden Weibern geben/ so in Kindsnöten liegen/ sol jhnen der Geburt bald abhelffen/ mit Wein oder Beifusswasser eingenommen/ (unnd bewahre die Frucht vor der Fallendensucht.)
    Etliche sagen/ dass sie den Menschen für dem Aussatz bewahren/ in Wein gesotten/ unnd darvon getruncken/ (dann sie allen Melancholischen Phlegmatischen Schleim durch den Stulgang ausstreibe: daher sie auch dem Schwindel wehre.)
    Es sollen die Beern an den Misteln gar nicht jnnerlich in Leib gebraucht werden/ dann sie demselbigen Schaden thun.
    Etliche Leuth brennen Wasser auss den Misteln/ geben dasselbige zu trincken/ sol ein sonderliche Artzney sein wider die Gicht: sie beytzen sie aber zuvor ein Tag oder zwey in Wein/ und distilliren darnach das Wasser darvon/ auch sagen sie/ dass man die Glieder darmit reiben muss.
    Eychenmistel in Wein gesotten/ und darvon getruncken/ sol gut seyn wider die Lungensucht/ Lebersucht unnd wider das Blutspeyen.
    Es haben die Alten die Mistel/ OMNIA SANANTEM/ genent/ also viel haben sie darvon gehalten/ und auch so hoch geachtet/ dz sie den Baum für heilig gehalten haben/ darauff er gewachsen ist: Es wird auch von vielen geachtet/ dass sie wider das Gespenst und Zauberey gut sey.

Eusserlicher Gebrauch
    Wenn man Mistel mit Hartz und Wachs zu einem Pflaster macht/ und uberlegt/ so erweichet sie/ zeitiget und verzehrt die Geschwülst hinder den Ohren/ so man PAROTIDAS nennet/ auch andere Geschwülst mehr.
    (Den Safft darauss gepresst/ und in die Ohren gethan/ erweicht die harten Knollen derselbigen bald/ und milteret den Schmertzen.
    Die Blätter nur an die Händ und Fussohlen gebunden/ sollen die Gelbsucht zertheilen.
    Mit Blättern und allen zerstossen/ und mit Kappenschmaltz zum Pflaster gemacht/ sol die lamen Glieder wider zu recht bringen.
    Mistel mit ungeleschtem Kalck zerstossen/ und auffgelegt/ sol das Miltz verzehren: mit dem kraut Schaffgarben ein Pflaster gemacht/ und auffgelegt/ heylet die Brüchlein der jungen Kinder.)
    Baumlein mit Arsenick vermengt/ macht die Nägel glatt/ unnd zeugt die scharffe/ und rauhe Nägel herauss.
    Wenn die Weiber gross Wehe an der Mutter haben/ sollen sie Mistel in Wasser sieden/ und sich darinn setzen/ soll es besser werden.