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MERK (SÜSS- ZUCKERWURZEL)
Sium - Umbelliferae


VON DEM GEYERLEIN ODER GARTENRAPUNTZEL

    Dieweil wir hiebevor die Pastenachen und Hirtzmöhren beschrieben/ jhren rechten alten Namen angezeiget/ unnd deren Meynung verworffen/ die die Hietzmorellen vor das rechte SISARUM der Alten gehalten/ hat die Notturfft erfordern wöllen hie an diesem Ort auch dz wahrhafftig SISARUM zu beschreiben. Es hat das rechre SISARUM von einem Stammen viii. oder ix. langer Wurtzeln eines Fingers dick/ mit vi. oder vii. underschiedlichen Gleychen/ hat kleine Faseln/ ist mürb unnd eines fast lieblichen süssen/ anmütigen Geschmacks/ mit einer geringen bittere und schärpffe. Jn der mitte hat ein jede Wurtzel ein fast zähe/ kleine Nerve durchgehen/ die man nicht beissen kann. Die Bletter sind breyt und langlechtig/ viel kleiner dann die Hirtzmorellen/ der weissen Bibernellen oder dem Brunnenpeterlein ähnlich unnd auch also zerkerfft. Die stengel werden Ehlen hoch/ gewinnen ziemliche Nebenzweiglen/ oben am ende desselbigen kommen weisse Blümlein auff Kronen/ darauff folget ein breyter grauwer Samen/ auss welchem man wider junge stöcklein zielet. Es wirdt dieses Gewächs am Rheinstrom in grosser menge gezielet. Es muss ein feysten wolgebawenen Grund haben/ der von steinen und Unkraut wol gereiniget seye. Man säet diese Rüblein im Herbst und frühling/ doch ist der herbst besser darzu/ so man sie in der Fasten zur speiss haben wil. Es lassen sich diese Wurtzeln auch versetzen im Herbst und Frühling/ dann wan man die Wurtzeln von jren stämmen abreist und zertheilt/ und ein jedes widerumb setzet/ so wachsen sie besser fort dann von dem samen/ und bringt also ein jedes würtzlein widerumb viel wurtzeln/ die sich in der Erden mehren/ und eher grösser werden/ als die vom samen gezielet werden. Wann man diese Rüblein säen wil/ muss man sie nicht zu dick säen/ damit sie desto besser in die dicke und grösse wachsen mögen. Man muss sie auch baldt nach dem säen/ und auch wann grosse Hitz und dürr Wetter ist/ etlichmal in der Wochen mit uberschlagenem lawem Wasser begiessen. Wil man diese Rüblein von grossen und schönen dicken Wurtzeln haben/ so muss man das Kraut nicht lassen in die höhe wachsen/ sonder dasselbig offtermahls abschneiden.

Von den Namen dieser Wurtzeln.
    Die Geyerlein oder Garten Rapuntzeln/ wirdt Lateinisch SISARUM, SISAR, SISER und von IACOBO SYLVIO SESARUM. Von den Kreutlern/ SERUILLA, SERUILLUM unnd CHERUILLUM genannt. Hochteutsch/ Gierlein/ Girgele/ Geyerlein/ Görlin/ Gerlin/ Klingelrüblein/ Garten Rapuntzel/ Klingelmöhren/ Gritzelmöhren und Zuckerwurtzel.

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Geyerlein.
    Die Geierlein haben eine Krafft zu wärmen/ seynd warm im zweyten Grad/ mit ein wenig Bitterkeit und einer geringen zusammenziehung.

Jnnerlicher Gebrauch der Geyerlein.
    Es seyndt die Geyerlein heutigs Tags in stätem gebrauch in der grossen Herren Küchen/ die werden auff vielerley weiss in der Speiss genützt/ sintemal sie süss/ wolgeschmack und sehr lieblich zu essen seyndt. Es sol der Keyser TIBERIUS, wie PLINIUS LIB.19.CAP.5. schreibet/ ein solchen Lust zu diesen Rübleinzu essen gehabt haben/ dass er sie alle Jahr am Reinstrom bestellen lassen/ und in ITALIAM hab führen lassen/ dann sie seindt dem Magen nütz und gut/ wie DIOSCORIDES LIB.2.C.101 solches bezeuget/ treiben den Harn und machen ein begierdt zu essen .
  
Gemeldte Rüblein/ seind denen auch gut/ die mit dem Griess beladen/ unnd die stätig Leibwehe haben/ auch den Weibspersonen die nicht genugsam gereynigt werden. Bey dem Fleisch unnd andern Speisen gesotten/ oder Müsslein oder Süpplein darauss gemacht.
  
Diese Rübblein auff alle manier zur Speiss gekocht/ seynd eine heylsdame Artzeney/ den verzehrten Menschen die durch langwierige Kranckheit in abnemmung dess Leibs gerathen seyndt/ machen dass sie wider zu Kräfften kommen/ und am Leib zunemmen. Sie meren auch den natürlichen Samen/ reitzen zur unkeuschheit/ und helffen den erkalten Mannen wider auff die Beyn.
  
Etliche sieden diese Wurtzeln/ darnach backen sie die in Buttern/ zuvor in ein Teyglein getunckt von Eyern/ weiss Mehl und ein wenig Saltz bereytet/ bestrewen die mit ein wenig gestossenem Pfeffer/ und essens also. Andere machen ein Pfefferlein darüber wann sie also gebacken seind/ unnd essens an statt der Fisch/ sonderlich an denen Orten/ da mangel an Fischen ist.
  
Etliche backen die Wurtzel rohe ohn allen Zusatz in Buttern biss sie braunlechtig werden/ darnach setzen sie die mit einer guten Ochsenfleischbrühen zum Fewer/ lassens sieden biss sie weych werden/ schweyssen ein wenig Weyssmeel oder ein geribelt brosam Weissbrots mit Zucker/ thuns darzu/ lassens mit sieden dass es ein dickes Brühlein gebe/ thun darzu ein wenig gestossenen Pfeffers/ so wird es sehr ein wolgeschmackts Essen.
  
Etliche machen vor die verzehrten Menschen ein nachfolgends Esselein: sie schaben die Wurtzeln sauber/ schneidens zu Scheubelein wie man die Rettich schneidet/ setzens zum Fewer mit frischer gemolckener Milch/ lassen die sieden biss sie gar weych werden/ darnach streichen sie durch ein härin Tuch/ thun mehr Milch darzu/ unnd etliche frische Eyerdotter/ saltzens ein wenig/ machen ein Breylein darauss/ unnd bestrewens mit Zucker/ das ist sehr anmühtig zu essen/ unnd giebt treffenliche gute Nahrung. Andere nemmen an statt der Milch eine gute Capaunerbrühe/ Hünerbrühe/ oder eine kräfftige Rindtfleisch oder Hammelfleischbrühe/ unnd bereiten es obgemelter Gestalt. Jn summa/ man bereite diese Rübleinwie man wölle so sind sie gesund unnd verdäwlicher dann die geelen Rüben oder Pastenach/ und machen ein sehr reines und dünnes Geblüt.
  
Man macht auch gute Salat auss diesen Rüblein fein sauber geschabet/ darnach weych gesotten/ abgekühlet in einem frischen Wasser/ und dz zähe Nervelein darauss gethan/ folgends mit guten Weinessig/ Baumölen und Saltz zu einem Salat/ wie bräuchlich/ bereitet. Etliche geben es also rohe unnd ungesotten.
  
Diese Rüblein gestossen/ den Safft darauss getruckt/ unnd mit frisch gemolckener Geyssmilch getruncken/ ist ein gute Artzeney wider die Bauchflüss. HERACLIDES bey dem PLINIO lobet diese Rüblein wider die Schädlichkeit dess Quecksilbers. Seyndt derwegen den Goldtschmiden die das Quecksilber zum vergülden müssen gebrauchen/ und von dem vergifften Rauch schaden empfahen/ fast dienstlich. Jnsonderheit aber denjenigen/ die in der Französischen Cur gelegen/ unnd die Quecksilber schmier gebraucht/ die sollen nach der Cur ein zeitlang die gemelten Rüblein in Speiss unnd Tranck gebrauchen/ die werden die Schädlichkeit die das Quecksilber hindersich gelassen/ hinweg nemmen und verzehren.

Eyngemacht Geyerlein mit Zucker.
SISARI RADICES SACCHARO CONDITAE.

    Die Geyerlein machet man mit Zucker auff folgende weiss eyn: Man nimbt der Rüblein ein gut theil/ schabet und säubert die wol/ ziehet das inner zähe Nervelein herauss/ wäscht die sauber/ setzet sie darnach mit einem dünnen Zuckersyrup/ in einem Kesselein oder andern bequemen Geschirrlein uber ein Kolfewrlein/ unnd lasset die gemächlich mit einander zu rechter bequemer dicke sieden/ unnd darnach thut mans in ein steininen Hafen oder Porcellan Büchss/ so darff man kein weiter arbeyt mit haben/ so seind sie recht unnd wol eyngemachet. Auff diese weiss kann man alle frische wurtzeln mit Zucker eynmachen.
  
Die Zuckerwurtzeln also eyngemacht ist ein heylsame Artzeney den jenigen so durch langwirige Kranckheit vom Leib kommen seyndt/ jederweilen ein par darvon gessen. Sie dienen auch den blöden/ erkalten und zu den Ehelichen wercken ungeschickten Mannen/ Morgens und Abends dieser Wurtzeln gessen: können auch mit andern HertzsterckendenArtzeneyen fast nützlich gebraucht/ und vermischt werden.

Geyerlein Conservenzucker.
CONSERVA RADICUM SISARI.

    Auss den süssen und lieblichen Geyerlein macht man auch ein köstlichen Conservenzucker: Man nimbt der gescheelten und geseuberten Wurtzeln ein Pfundt: die schneidet man klein scheubelechtig unnd dünn wie Rättich/ darnach setzet man die in einem Zuckerkesselein mit genugsamen frischem wasser auff ein Kolfewerlein/ lasset die sittiglich sieden biss das wasser schier gar eingeseudet/ und die Wurtzeln wol weich werden/ die zertreibet man dann klein mit einem hültzenen stösser oder sauberen Kochlöffel/ darnach streicht man die durch ein härin Sieblein/ oder aber durch ein new Pfeffertuch/ unnd was im Sieblein bleibt/ das nicht durchgehen wil/ das wirfft man hinweg. Zu der durchgestrichenen materi aber thut man zwey pfundt Feinzucker/ lassets uber einem linden Kolfewerlein sieden/ biss dass die dicke einer Latwergen/ oder Consevenzuckers bekompt/ als dann ist es gerecht/ das verwaret man zum gebrauch in Steininen oder Porcellanbüchsen. Dieser Conservenzucker hat gleiche wirckung mit den eyngemachten Zuckerwurtzeln. Darvon gibt man zu den obgemelden Gebrechen einer Castanien gross eyn auff einmal. Auff diese weiss kann man fast von allen Wurtzeln Conservenzucker machen/ aussgenommen dass man zu den zangeren/ hitzigen und scharpffen wurtzeln/ als da sind Alantwurtzel/ Angelica/ Liebstöckel/ Bibernellen und dergleichen iii.theil Zucker nimpt und zu den süssen nur zwey thei.