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MAUER-HABICHTSKRAUT

Hieracium murorum - Compositae

 


 

 VON DEM BUCHSPICK ODER BUCHKÖL.

 

 

            Deß Buchköls oder Buchspichs haben wir drey underschiedtliche Geschlecht.
            I. Das erste Geschlecht hat ein dünne/ lange Wurtzel mit vielen Nebenwürtzlein/ die Bletter seyndt breyt schier wie die Lattichbletter/ eckechtig/ ein wenig zerkerfft/ gantz haarechtig unnd wollechtig/ die ligen auff der Erden zirckelsweiß außgespreitet/ unnd ist ein jedes Blat anzusehen wie ein Ohr von einem Murmelthier. Gegen dem Brachmonat wachsen von der Wurtzeln zwischen den Blettern herfür zween (und auch bißweilen nur einer) haarechtiger/ wollechtiger/ runder Stengel/ die werden Elen lang/ welcher jeder nicht mehr als ein eintziges Blat hat/ welche kleiner und vornen spitziger sindt als die understen und tieffer zerkerfft/ Am oberntheil/ theilen sich die Stengel in etliche Nebenästlein und Zincklein auß/ darauff geele gefüllte unnd zirckelrunde/ schöne Blumen wachsen/ die vergleichen sich den Blumen deß Röhrleinkrauts/ außgenommen daß sie kleiner seindt/ die fliehend auch also nach der Blühet mit weissen wollechtigen Köpfflein davon. Er wächset gern in den finstern unnd dunckeln Buchwälden/ deßgleichen auff den alten Mauwren/ da die Sonn nicht wol hinkommen mag. Dieses gantze Gewächs gibt ein weissen safft oder Milch/ wie die Habich und Lattichkreuter.
            II. Das zweyte Geschlecht ist dem jetztgemeldten mit der Wurtzel gleich/ die Bletter aber seyndt breyter/ grösser/ lenger und tieffer zerkerfft/ hinden gegen dem Stiel mit tieffen Spalten zertheilet und angespitzet/ also daß sie anzusehen seynd wie ein halber Stern/ under denen etliche fornen her rundt/ kurtz/ ünnd kumpff seynd/ die andern aber noch so lang/ unnd fornen außgespitzet/ sonst seyndt sie haarechtig und wollechtig wie die ersten/ der Stengel ist dem vorigen gleich und Elen hoch/ welcher nur in der mitten in eintziges tieff zerkerfftes Blat kaum halb so groß als der understen eins die von der Wurtzel herfür wachsen. Obenher theilet sich der Stengel in etliche Nebenzweyglein und Zincklein auß/ under welchem jedem unden am Gewerblein ein sehr kleines/ spitzes und schmales Blätlein herauß wächset/ die an dem vorigen nicht gefunden werden/ zu dem wird dieses Geschlecht nimmer mit zweyen Stengeln gefunden/ wie das vorige. Die Blumen so im endt deß Brachmonats sich herfür thun/ unnd im Hewmonat vollkommlich zeitig gesehen werden/ seyndt geel unnd gefüllt/ den vorgemelten ähnlich/ die fliehen auch nach der Zeitigung mit wollechtigen Köpfflein darvon. Es ist auch dieses Gewächs wie das vorige voller Milchsafft. Es wächst in dunckeln Buchwälden wie das vorige/ ist aber nicht so gemein und seltzamer zu finden/ doch wächst solches in grosser menge auff dem Ostwaldt zwischen Heppenheym/ unnd dem Stättlein und Berghaus Lindenfels.
            III. Das dritte Geschlecht hat ein kumpffere unnd dickere Wurtzel dann die vorbeschriebenen/ die hat auch mehr unnd lengere Nebenwürtzlein/ die Bletter seyndt lang unnd schmäler dann die Bletter der vorigen/ haarechtig unnd wollechtig/ mit weiten Kerffen/ unnd doch nicht tieff außgeschnitten/ die wachsen nicht allein von der Wurtzel herauß/ sondern auch auß und umb den Stengel von unden an biß oben auß an die Zweiglein unnd Nebenzweiglein/ je eines uber dem andern/ die seynd den understen gleich/ außgenomen daß sie dem stengel hinauff je kürtzer unnd kleiner werden/ unnd under den Gewerblein der Zincken und Nebenästlein sehr klein ohn Kerffen/ anzusehen wie kleine Spitzlein/ wie an den nechstgemeldten. Der Stengel und die Blumen seyndt sonst den vorgemeldten Geschlechten gleich/ und werden die Blumen nach der Zeitigung zu wollechtigen Köpfflein/ die fliehen wie die andern darvon. Es ist auch dieses Geschlecht voller milchechtigen Saffts und wächst in den vorgemeldten Orten hin und wider auff dem Ostwaldt.
            Der weitberühmpte HIERONYMUS TRAGUS mein lieber PRAECEPTOR seliger/ schreibet in seinem BOTANICO C.92. Von dem ersten Geschlecht dieses Krauts/ daß es sich etwan zutrage/ daß sich am Stengel nahe bey der Erden ein Feuchtigkeit samble wie ein Gewächs/ die werde rund/ grawe/ mit Haar uberzogen einer Baumnuß groß/ anzusehen wie ein junge Mauß/ welches er offtermals wahrgenommen/ sonderlichen in dem Brumatherwaldt nicht weit von Straßburg/ aber ich hab an keinem Ort hin unnd wider in allen Wäldten unsers Teutschlandts/ da doch dieses Kraut häuffig wächset/ nie keines dergleichen Gewächs jemals gesehen/ wiewol ich fleisseig nachsuchens gehabt.

 

Von dem Namen der Buchköl.
            Es seyndt diese Kreuter biß daher noch von niemanden je angezeigt worden/ wie sie bey den Alten geheissen haben/ unnd ob sie von den Griechischen Aertzten beschrieben worden seynd oder nicht/ ist uns unbewust/ sintemal uns noch keine Description die mit diesen Kreutern zuschlahen wil/ zu handen kommen/ halten doch gewißlich darfür/ daß es SIDERITIS PLINII, LIB.25.C.5. das er auch SCOPAM REGIAM nennet/ sonderlich das erst Geschlecht mit den breyten Lattichbletter.
            I. Von den Kreutlern wirdt es PULMONARIA GALLICA und PULMONARIA ALTERA genannt/ CONSOLIDA LACTARIA, CONSOLIDA LACTUCINA, unnd von HIERONYMO TRAGO, PILOSELLA MAIOR. Teutsch wirdt es genannt/ Buchköl/ Buchspick/ Lungenkraut/ Milchwundtkraut/ Wundtlattich/ Buchlattich/ und Buchköl Männlein.
            II. Das zweyte Geschlecht wirdt von den Kreutlern PULMONARIA GALLICA FOEMINA, das ist/ Buchköl das Weiblein genannt.
            III. Das dritte Geschlecht nennen die Kreutler PULMONARIAM GALLICAM ANGUSTIFOLIAM, das ist/ Buchköl mit schmalen Blettern.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung/ und Eygenschafft der Buchköl.
            Alle drey Geschlecht deß Buchköls oder Buchspicks haben eine külende unnd trucknende Eygenschafft mit einer Zusammenziehung/ und werden heutiges Tages den mehrentheil von den erfahrnen Wundärtzten zu Heylung der Wunden/ fast heylsamlich gebrauchet. Es soll im Hewmonat gesamblet/ und die Blum hingeworfen werden/ sintemal dieselbige wann sie dürr worden/ zu einer untüchtigen Wollen wirdt/ das Kraut aber soll im Schatten getrucknet/ unnd uber Jahr behalten werden.

 

Jnnerlicher Gebrauch der Buchköl.
            Die Bletter deß Buchköls iii. oder vier Handtvoll genommen/ zerschnitten/ unnd in ein Kannten gethan/ darüber geschütt ein Maß Wein/ Bier/ oder Wasser/ je nach Gelegenheit deß Krancken oder deß Gebrechens/ sampt vier Untzen guten Feinzuckers/ darnach den Ranfft der Kannten mit einem Rockenteyg wol verlutieret/ darnach in ein Kessel mit siedendem Wasser gesetzet/ unnd vier Stunden mit stätem Feuwer gesotten/ folgendts wann es kalt worden ist/ durch ein sauber Tuch gesiegen: Solches ist ein heylsamer Tranck wider alle innerliche Versehrungen der Brust/ Lungen unnd aller Glieder deß Eingeweyds/ unnd ist eine sonderliche erfahrne Artzeney wider die Lungensucht und Schwindsucht/ eine zeitlang deß Morgens und Abendts jedesmal auff die drey Untzen warm getruncken/ unnd ist kaum ein edlere Artzeney zu dieser Schwachheit zu finden als eben diese/ sonderlich wann man baldt im anfang der Lungensucht diese Artzeney anfengt zu gebrauchen/ so verhütet sie nit allein daß dieselbig Schwachheit nicht uberhand nemme/ sondern sie heylet sie auch von grundt herauß.
            Gemeldter Tranck eröffnet auch die verstopffung der Leber/ vertreibet die Geelsucht/ und heylet alle geschossene oder gestochene unnd gehauwene Wunden/ obgemeldter massen Morgens und Abendts getruncken.
            Wider die geschossene Wunden ist folgender Wundtranck auch sonderlich erfahren: Nimm Buchköl drey Handvoll/ Beyfuß/ spitz Wundkraut/ jedes anderhalb Handtvoll/ zerschneide die stück klein/ thu sie in ein Kannten und darzu vi.loth Zucker/ schütte guten fürnen Wein unnd frisch Brunnnenwasser/ jedes ein halbe maß darüber/ verlutier die Kannten wol unnd laß vier Stunden obgemeldter massen in einem Kessel mit Wasser sieden/ laß darnach erkalten unnd seihe den Tranck abe durch ein sauber Tuch/ darvon gib dem Verwundten allen Morgen unnd Abendt/ jedes mal vier oder fünff loth warm zu trincken/ dann dieser Tranck heylet nicht allein die geschossene Wunden von Grundt herauß/ sondern leschet auch den Brandt vom Pulver/ und verhütet daß keine entzündung oder Wundtsucht zur Wunden schlage.
            Ein anderer bewehrter Wundtranck wider allerhand Wunden: Nimb Buchköl zwo Handtvoll/ Hasenöhrlein oder spitz Wundtkraut anderhalb Handtvoll/ Beerenöhrlein/ Spicant/ Fünffingerkraut/ Maßliebleinkraut/ mit den Blümlein/ Specklilgenbletter/ Garbenkraut/ jedes ein Handtvoll/ roten Köl/ Hagendornblüth/ Haselwurtz/ die Bletter und Blumen deß Heydenkrauts/ jedes ein halbe Handtvoll/ groß Klettenwurtzel zwey loth/ Baldrianwurtzel anderhalb loth. Alle gemeldte Stück soll man klein zerschneiden/ wol durcheinander vermischen/ und in zwey gleiche theil abwiegen/ davon ein theil in die Kannten thun/ halb Wein halb Wasser/ jedes ein halb maß darüber schütten/ auch ferner v. oder vi.loth Zucker darzu thun/ die Kannte darnach wol verkleyben/ und vier stunden lang obgemeldter massen in einem Kessel mit siedendem Wasser sieden lassen/ folgendts durchseihen/ und deß Morgens und Abendts gebrauchen.
            So einem die Flüß zu der Brust unnd Lungen fielen/ unnd sich der Schwindt und Lungensucht besorget/ der nemme zwey loth deß gepülverten Krauts Buchköl durch ein reynes härin Sieblein geschlagen/ unnd acht loth alten Rosenzucker/ vermische diese mit Myrthensyrup so viel genug ist zu einer Latwergen/ und gebrauch darvon allen Morgen und Abendt einer halben Castanien groß/ daß wirdt nicht allein die Lungensucht verhüten/ sondern auch so die schon angesetzet unnd die Lungen verletzet/ heylen.
            Jn summa es ist dieses Kraut ein besonders unnd edels Kraut wider die Lungensucht/ auff alle weiß unnd manier gebrauchet wie man wil/ derowegen es billich zum underscheidt der andern Lungenkreutern/ edel oder güldten Lungenkraut/ dz ist/ PULMONARIA NOBILIS, oder PULMONARIA AUREA soll genennet werden.
            Buchköl zu Pulver gestossen unnd mit Saltz den Pferden/ Rindviehe unnd Schaaffen zu lecken geben/ vertreibet jhnen die Bruststrenge/ das keichen unnd husten/ Es ist auch dienlich vor die gemeldten Gebrechen so man es den Pferden under das Fuder schneidet/ und jnen zu essen gibt.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Buchköls.
            Buchköl wirdt auch eusserlich von den rechten unnd geschickten Wundtärtzten zu den Pflastern/ Salben unnd Wundtbalsamen gebrauchet/ welches gleichwol auch die gemeinen Bauwersvolck nit unbewust ist/ die wissen frische Wunden und Schäden mit diesem Kraut zu heylen/ sieden es in Wasser unnd Wein/ säubern und wäschen die Wunden darmit/ unnd legen das Kraut wie ein Pflaster uber/ heylen mehr in acht Tagen damit/ dann die gemeine Barbierer und Schnäbelschaber oder Baderhütmacher mit jhrem geferbten Wagenschmier in einem gantzen Monat.

 

Buchköl gedistilliert Wasser.
PULMONARIAE AUREAE AQUA STILLATITIA.

 

            Auß dem Buchköl distilliert man ein edels und heylsames Wassers/ unnd ist die beste zeit solches zu distillieren in dem Heuwmonat/ Kraut/ Wurtzeln unnd Blumen sampt der gantzen Substantz klein gehackt/ darnach in einer VESICA durch das frisch Wasser gedistilliert/ wie wir sokches hiebevor von der Endivien gelehret und angezeiget haben.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Buchkölwassers.
            Das Buchkölwasser ist gut vor alle hitzige Gebrechen der Brust/ Lungen/ deß Magens und der Leber/ dienet wider die Lungensucht und Schwindtsucht/ vertreibet die Gelsucht/ und heylt alle innerliche versehrung/ allen Morgen und Abend/ jedes mal fünff oder sechs loth getruncken.
            Das gemeldte Wasser ist auch ein edel unnd heylsamer Wundtranck/ alle gehauwene und gestochene Wunden inwendig vom grundt herauß zu heylen/ deß Morgens und Abendts/ jedes mal fünff loth getruncken/ und den täglichen Tranck darmit gemischet.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Buchkölwassers.
            Das Buchkölwasser dienet eusserlich vor alle hitzige versehrung deß Halses/ der Keelen/ deß Mundts unnd der Biller/ dieselben oftermals darmit gegurgelt/ gewäschen und gespület.
            Es dienet auch dieses Wasser wider die hitzige versehrung der heimlichen örthen an Manns unnd Weibspersonen/ dieselbigen offt darmit gewäschen unnd gereyniget/ unnd leinine Tüchlein darinn genetzet/ und uber die schädigung unnd versehrung geleget.

 

Buchkölsyrup.
PULMONARIAE AUREAE SYRUPUS.

 

            Ein köstlichen LungenSyrup macht man auß dem Buchköl wie folget: Man nimpt deß außgepreßten unnd geläuterten Safft deß Buchköls drey Pfundt/ guten Feinzucker zwey Pfundt/ seudet solches sittiglich zu einem Syrup/ unnd verscheumpts wol unnd läuterts mit einem Eyrweiß/ darnach seihet mans durch zu dem Gebrauch/ der dienet wider alle obgemeldte Gebrechen der Lungen/ und andere innerliche Schwachheiten.