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MÄUSEGERSTE

Hordeum murinum - Gramineae

 


 

 

VON DEM TWALCH UND MÄUßGERSTEN.

 

 

            Der Thwalch oder Dorts haben wir sechs Geschlecht/ wiewol DIOSCORIDES nur eines beschrieben hat/ sonderlich das erste/ welches wir Teutschen Gerstenthwalch nennen/ dieses hat ein kleines/ schwaches/ zasechtiges Würtzlein/ die Bletter seyndt den Blettern deß Weytzens ähnlich/ außgenommen daß sie linder oder weycher seyndt/ die Hälmer seynd dünn mit Gleychen oder Gewerben underscheiden/ anderthalben Elen lang/ die Aeher seyndt den Gerstenähern ähnlich/ allein daß sie kleiner unnd nicht so rauhe seindt/ sondern linder/ darinnen findet man vier unnd auch etwann fünff roter Körnlein. Es ist sehr gemein unnd ein bekanntes Gewächs/ unnd wirdt gemeiniglich under der Gersten gefunden/ unnd soll auch von den Gersten wie die Ackerleute bericht geben/ in nassen Jahren herkommen. Solches bezeuget auch GALENUS LIB. DE ALIMENT. FACULT. CAPIT. ULTIMO, da er also schreibet. Wann der krancke unvollkommenlich Weytzensamen lang in der Erden ligen bleibet/ mag er nicht wol zu kräfftigem Weytzen auffkommen/ sondern es wirdt ein Unkraut darauß Lulch genannt/ solches habe sein Vatter als ein fleissiger Ackermann an dem Weytzen unnd der Gersten Augenscheinlich vermercket/ aber doch im Weytzen uberflüssiger dann in der Gersten/ doch seye AEGYLOPS (das ist/ Gerstentwalch) der Gersten am gefehrlichsten/ in den nassen unnd feuchten Jahren.
            ll. Das zweyte Geschlecht ist dem jetztgemeldten mit Wurtzel/ Bletter und Stengel gleich/ die Aehrlein aber seyndt kleiner in viel theil getheilet und außgespreytet/ darinnen findet man ein sprewechtigen Samen. Es wächst auff den Rechen neben den Aeckern und Strassen.
            lll. Das dritte Geschlecht ist die Bastartgerst/ die hat eine kleine Zasechtige Wurtzel mit vielen graßechtigen Blettern/ darzwischen stossen vi. oder vii. und auch bißweilen mehr Halmen von einer Wurtzeln herfür/ die seynd mit Knoden und Gewerben underscheiden/ einer Elen hoch/ darauff wachsen Aeher die seynd den Aehern der Gersten ähnlich/ außgenommen daß sie kleiner unnd linder oder weycher seynd/ darinnen findet man kein Samen oder Frucht/ gleich wie in dem Bastarthabern. Es wächset dieses Geschlecht auff den alten Gebäuwen/ den verfallenen zerbrochen Mauwren/ und in den alten Hoffstätten.
            lV. Das vierdte Geschlecht ist der erste Haberthwalch/ der hat eine vielfaltige/ haarechtige Wurtzel/ unnd viel kleiner/ schmaler/ langer Bintzenblätlein/ darzwischen wachsen herfür drey oder vier dünner Halmen einer Elen lang unnd auch lenger/ darauff erscheinen Aeher die seynd mit jhren Hülsen den Haberhülsen ähnlich/ aber darzwischen kommen herfür/ lange spitzen wie Nadeln auß einem Blatechtigen Belglein/ die das Aeher undenher begreiffet/ daß die spitzen alle auff eine Seiten sich wenden müssen/ in den Hülsen aber findet man keinen Samen/ gleich wie in dem Gauchhabern/ Wann nun die langen Nadelspitzen abfalen/ vergehen die Aeher mit jhren Hülsen unnd wird auß jedem ein dünnes flockechtiges Sträußlein/ gleich wie ein dünnes Flachsbüschelein/ unnd vergehet endtlich gar. Es wächst auff Sandechtigen Strassen im dürren Graß/ sonderlich aber findet man dessen viel auff der Strassen zwischen der Reichsstatt Wormbs und der Fürstlichen Pfaltzstatt Franckenthal/ und an andern mehr dergleichen Orten.
            V. Das fünffte Geschlecht/ ist das zweyte Geschlecht deß Haberthwalchs/ das ist dem ersten Geschlecht deß Gerstenthwalchs ähnlich/ außgenommen daß dieses nur ein eintzigen Stengel hat/ mit drey oder zum meysten vier Haberblettern/ die Aeher seynd kurtzer/ haben aber stärckere spitzen/ darinn findet man zween oder drey langer/ scharpffer und rauher/ rötelechtiger Kernen/ die seynd in jren Hülßlein beschlossen. Es wächst in der Frucht under dem Getreyd/ sonderlich aber under dem Rocken und der Gersten.
            Vl. Das sechste Geschlecht/ hat ein kleines Würtzlein wie die Speltz oder Weytzen/ die Hälmer werden Spannen hoch/ die Bletter seynd den Blettern deß Weytzens ähnlich/ außgenommen daß sie schmäler seyndt/ die spitzechtige Aehern seynd kurtz unnd klein/ darinnen findet man in langechtigen gesträmten Hülsensäcklein zwey oder drey Körner beschlossen/ die seynd kleiner dann die Gerstenkörner. Dieses Geschlecht wird in Jtalien unnd andern warmen Landen under dem Getreyd gefunden/ sonderlich aber under der Gersten unnd dem Weytzen.

 

Von den Namen deß Thwalchs.
            Der Thwalch wirdt Lateinisch genannt/ AEGYLOPS, FESTUCA,und FESTUCAGO, von GAZAE, BROMUS STERILIS, unnd von VIRGILIO: AUENA STERILIS 1. GEORGIC. Da er also spricht:

 

 

            Es wird auch von PLINIO HORDEUM FESTUCA LIB.18.CAP.17. genannt. Unsere Kreutler nennens AUENAM FATUAM. Hochteutsch/ Gauchhaber/ Taubhaber/ Thwalch unnd Gerstenthwalch.
            ll. Das zweyte Geschlecht wirdt Lateinisch genannt/ BROMUS HERBA, SIPHONIUM, ACROSPELUM, unnd von den Kreutlern/ FESTUCA ALTERA. HOCHTEUTSCH/ Haberkraut und Thwalch.
            lll. Das dritt Geschlecht deß Thwalchs wird von PLINIO HOLOCUS und ARISTIDIA genannt/ von den Kreutlern HORDEUM SPURIUM. Hochteutsch/ Bastardgerst.
            lV. Das vierd Geschlecht wird von den Kreutlern AEGILOPS BROMOIDES genannt. Teutsch/ Nadelthwalch von wegen der langen spitzen.
            V. Das fünfft Geschlecht wird von den Kreutlern AEGILOPS ALTERA, und FESTUCA ITALICA genannt. Teutsch/ frembd Thwalch/ unnd Jtalianisch Thwalch.
            Vl. Das sechste Geschlecht wird von den Kreutlern AEGILOPS FESTUCA BROMOIDES ALTERA genannt. Hochteutsch/ Haberthwalch.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Thwalchs.
            Die Thwalchkreuter oder Unkreuter der Früchte/ seynd am Geschmack ein wenig scharpff/ haben ein Krafft und Wirckung zu digerieren und zu kochen/ fürnemblich aber die harten Knollen unnd Geschwer/ werden allein eusserlich gebraucht. Das zweyte Geschlecht trucknet.

 

Eusserlicher Gebrauch der Thwalchgräser.
            Thwalch oder Gerstenthwalch gestossen/ mit Meel vermischet/ heylet die Geschwer unnd Fistel der Augen/ die man AEGILOPAS nennet/ wie ein Pflaster daruber gelegt/ es zertheilet auch die hartigkeit. Der außgepreste Safft darvon/ wird mit Meel vermischet/ getrucknet/ und wider die obgemelten Gebrechen zu gebrauchen/ uber Jahr auffgehalten.
            Das zweyte Geschlecht Haberkraut genannt/ hat eine Krafft zu trucknen/ und wird mit seinen Wurtzeln in Wasser gesotten/ so lange biß das drittheil verzehret ist/ darnach seihet man die Brühe durch ein Tuch/ und thut gleich so viel Honigs darzu als der Brühen ist/ und lasset sie widerumb mit einander sieden/ biß daß es eine Dicke uberkommet wie ein dünner Honig. Solche Artzeney ist gut wider die stinckenden Geschwer der Nasen/ die man OZAENAS nennet/ so man ein Tüchlein darin netzet und in die Nasen stecket. Etliche vermischen klein gestossenen Alaun mit dieser Artzeney/ und gebrauchen die also.
            Haberkraut mit auffgetruckneten Rosen in Wein gesotten/ unnd den Mund mit der durchgesiegenen Brühen offtermals gewäschen und außgespület/ vertreibet den schweren Gestanck deß Munds und macht ein guten Athem.
            Das dritte Geschlecht/ Bastartgersten oder die zweyte Gersten Thwalch/ genannt/ wird wie dz erst geschlecht deß Thwalchs wider die Geschwer und Fisteln der Augen gebraucht.
            Das Stroh der Bastartgersten zu Aeschen gebrannt braucht man wider die Wasserechtige Geschwulst der Schenkel/ und wider die Geschwulst deß Zipperleins.
            Sonst machet man kleine Bessemlein darauß/ die Tisch unnd Bänck darmit zu fegen und den Staub abzukehren.
            Der frembd Jtalianisch Thwalch/ deßgleichen auch der Haberthwalch/ mögen wie der erstbeschrieben Gerstenthwalch wider die Geschwer der Augen nutzlich gleicher gestalt gebrauchet werden.