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LÖWENZAHN
Taraxacum off. - Compositae


VON DEM PFAFFENBLATT ODER RÖHRLEINKRAUT

    Dess Röhrleinkrauts oder Löwenzahns haben wir drey Geschlecht/ under welchen doch nur die zwey erstgesetzten Geschlecht in der Artzeney gebrauchet werden
    Das erste Geschlecht welches bey uns gemeiniglich Röhrleinskraut genannt wirdt/ hat ein weisse unnd schlechte Wurtzel mit wenig Zaseln/ der Wegwartwurtzel ähnlich/ aussgenommen dass diese Milch gibt/ und am Geschmack auch bitterer dann die Wegwart. Jm Anfang dess Frühlings erzeigen sich die Bletter/ die ligen auff der Erden gerings herumb aussgespreytet/ die seyndt zu beyden Seiten zerspalten unnd aussgeschnitten wie die Bletter der Wegwarten/ seyndt doch grösser/ linder unnd ein wenig haarechtig/ die Kerffen vergleichen sich den grössern Segenzähnen. Die Rippen so durch die Bletter gehen/ seyndt gegen die Wurtzel Purpurroht. Jn dem Aprillen stossen mitten auss dem Kraut von der Wurtzel herfür/ lange/ zarte/ runde/ glatte und braunlechtige Röhrlein/ die seyndt einer Spannen lang/ innwendig hol/ voller Milch/ Strohalmens dick. Auff den Gipffeln der Röhrlein wachsen grüne/ gebartete/ runde Knöpfflein/ darauss werden schöne/ gefüllte/ wolriechende Blumen/ gestalltet wie gemahlte schöne Sonnen/ die wehren oder bleiben nicht lang/ sondern werden haarechtige runde unnd wollechtige Köpfflein darauss/ die fliegen so baldt sie vom Lufft beweget werden/ darvon/ das ist der Samen dieses Gewächs/ als dann stehen die Röhrlein mit den weissen/ blossen/ runden Platten ledig/ wie die beschorne Monchsköpff oder Pfaffenblatten. Jm Meyen verwelcken die Röhrlein sampt jhren Nönchsblatten/ doch bleibet das Kraut/ wächset grösser/ unnd ist den gantzen Sommer biss in den Winter hineyn zu finden. Das gantze Gewächs wann es verwundet wirdt/ gibt es ein bittere Milch. Es wächset in den Grassgärten/ dessgleichen neben den Strassen an grassechtigen Rechen der Acker/ Weinberg/ und andern dergleichen Orten.
    ll. Das zweyt Geschlecht hat viel bollechtiger Wurtzeln/ die seynd den Affodillwurtzeln fast ähnlich/ aussgenommen dass sie kleiner seynd/ und schier gestalltet wie die Rettichschöttlein/ Die Blettlein seynd kleiner und nicht so tieff zerspalten/ ein wenig grauwblauw unnd haarechtig/ die ligen wie die vorigen auff der Erden aussgespreytet/ der wilden Wegwarten nicht fast ungleich/ alleyn dass sie breyter seynd. Sonst ist es mit den dünnen Röhrlein die es hat an statt der Stengel dem Röhrleinkraut nicht ungleich/ darauff wachsen im Brachmonat und Hewmonat schöne bleychgeele Blumen/ die seynd grösser dann die Eyerblumen/ die werden auch zu haarechtigen/ weissen Köpfflein/ und wann der Wind dahinder kompt/ so fliehen sie davon wie die Wollechtige Knöpfflein der Pfaffenröhrlein. Der Geschmack dieses Krauts ist bitter mit einer schärpffe/ dem Geschmack dess Pfaffenröhrleins gleich. Es wächst umb Mompelier/ dessgleichen in der Provintz Franckreich unnd in Languedock häuffig/ in den Wiesen und grassechtigen Orten/ unnd wird allein in unserm Teutschland in den Lustgärten gepflantzet.
    lll. Das dritte Geschlecht ist mit der Wurtzeln dem ersten Geschlecht der Wegwarten gleich/ die Bletter seynd lang/ zerschnitten/ der zamen Wegwarten ähnlich/ der Stengel wird Elen hoch unnd auch höher: mit vielen Nebenästlein oder zweiglein/ die Blumen seynd geel wie die Blummen dess Röhrleinkraut s/ die werden zu wollechtigen Köpfflein/ unnd fliehen darvon/ wie die Blumen aller obgemelter Geschlechter. Dieses Kraut wächst in den Wiesen und feuchten Grassechtigen Rechen unnd Gründen/ der Geschmack ist bitter wie der obgemelten.

Von den Namen der Löwenzähn unnd Röhrleinskreuter
    Das Röhrleinkraut oder Löwenzahn wird von PLINIO Lateinisch genannt APHAVA und HEDYPONIS. Von den Kreutlern/ APHACA THEOPHRASTI, zu dem underscheid APHACAE DIOSCORIDIS, welches ein ander Gewächs ist unnd mit diesem keine gemeinschafft nicht hat. Jtem/ SERIS VRINARIA, und auch VRINARIA, und HERBA VRINARIA, dieweil es treffentlich viel harnen machet/ SERIS SOMNIVERA, sintemal es ein sanfften Schlaff bringet/ CORONA MONARCHI, unnd CORONA FACERDOTIS, ROSTRUM PORCINUM, von ARNOLDO VILLANOUANO HERBA IMPERATORIS, und von andern DENS LEONIS, der Bletter halben die den spitzen Zähnen gleich seynd.Die gemeinen unerfahrnen Practicanten nennens fälschlich TARAXACON, oder ALTA TARAXACON, so doch diser Name der Wegwarten gebüret/ wie das auss SERAPIONE und AUICENNA in dem vergangenen Capitel von der Wegwarten erwiesen ist/ dann das DIOSCORIDES INTYBUM SYLVESTREM nennet/ dz ist bey den gemeldten Authoren/ TARAXACON oder ALTARAXACON.
    Hochteutsch/ Röhrleinkraut/ Pfaffenkraut/ Pfaffenblatt/ Säuwrüssel/ Säuwschnabel/ Säuwblum/ Pfaffenstiel/ Pfaffenröhrlein/ Hundsblum/ Pippauw/ Eyerblum/ Mönchsblatt/ Pastemen oder Postemenröhrlein/ Weglattich/ Wiesenlattich/ Hundslattich/ das ist LACTUCA CANINA, und Merzenblum. Jn Hessenland/ Sommerdorn/ von wegen der kleinen Stacheln unnd im Schweitzerland Wyenschwantz.
    Das zweyte Geschlecht/ wirdt heutiges Tages von den Kreutlern DENS LEONIS MOMPELIACA genannt/ nicht allein darumb dass es bey Mompelier und in der Provintz Franckreich wächset/ sondern auch dass es von den MEDICIS zu Mompelier vor den DENTEM LEONIS gebraucht wird. Von PETRO ANDREA MATTHIOLO wird es CICHORIUM CONSTANTINOPOLITANUM genannt/ sintemal es erstlich von Constantinopel in diese Landt kommen soll seyn: Andere nennen es CICHORIUM BIZANTINUM umb gemeldter Ursach willen/ unnd CICHORIUM BULBOSUM, Etliche aber CICHORIUM POLLYRHIZON, von wegen der vielen Wurtzeln/ wir nennens CICHORIUM ASPHODELINUM. Hochteutsch/ Constantinopolitanisch unnd Türckisch Wegwart/ das ist/ cICHORIUM TURCICUM.
    lll. Das dritte Geschlechtwird von etlichen under die geelen Wegwarten gerechnet/ hat keinen besondern Namen von den Kreutlern/ dann dass es DENS LEONIS lll genannt wird/ dabey wir es auch bleiben lassen.

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Löwenzähnkreuter
    Es haben die Röhrleinkreuter ein Krafft und Eygenschafft zu külen/ und zu trucknen/ wie die Wegwarten/ doch trucknen sie etwas mehr von wegen jhrer Bitterkraut/ darmit sie die Wegwart ubertrifft/ sie reyniget und eröffnet darneben sonderlich aber unser gemein Pfaffenröhrlein/ und nach dem die Türckisch Wegwart/ wie solches dann auch heutiges Tages zu Mompelier vor den rechten Löwenzahn/ von den Gelehrten gebraucht wird/ unnd zum letzten das dritte Geschlecht/ geeler Wiesenlöwenzahn genannt.

Jnnerlicher Gebrauch dess Röhrleinkrauts
    Es wird das gemein Röhrleinkrautheutiges Tags auch in der Speiss unnd sonderlich zu den Saläten gebraucht/ darmit aber solches auch von wegen seiner bitterkeit/ zu der speiss anmütiger werde/ so pflegt mans weiss zu machen wie das Endivien und Wegwartenkraut/ dardurch es dann seine Bitterkeit verleuret. Solches mag nutzlich in allen oberzehlten Krankheiten wie von der Wegwart unnd der Endivien meldung geschehen ist in der Kost genützet werden/ sonderlich aber in den alten/ faulen Febern/ in dem grünen Siechtagen unnd der Wassersucht.
    Es wird von dem ARNOLDO sonderlich hoch gelobet wider dz Gegicht oder hinfallende Kranckheit/ derwegen sie nit allein in der Speiss/ sonder auch billich in den Artzneyen solle gebraucht werden/ sintemal die Erfahrung bezeuget/ dass sie in
    gemeltem fall heylsam ist/ auff alle manier genützet.
    Das Kraut und Wurtzel frisch zerschnitten und darnach in einem Mörsel gestossen/ den Safft aussgedruckt/ und desselbigen genommen sechszehen untzen/ und alten roten Rosenzucker vi.untzen/ solches uber einen linden glut zerlassen und ein wall oder drey auffsieden lassen/ darnach durchgesiegen/ ist ein heylsame Artzeney wider das Blutspeyhen/ so man Morgens unnd Abends/ jedesmal fünff oder sechs loth eynnimbt.
    Der geläuterte Safft von dem Kraut und Wurtzel/ ist ein gebenedeyte Artzeney wider die hitzige entrichtung und brunst dess Magens und der Leber/ eröffnet darneben die verstopffung derselben/ vertreibt die Geelsucht/ den grünen Siechtagen/ unnd verhütet die Wassersucht/ täglichen dess Morgens nüchtern vi.loth getruncken: dienet auch wider alle Feber/ unnd sonderlich wider das drittägig Feber.
    Wider das drittägig Feber/ mach folgenden Tranck: Nimb Röhrleinkraut/ mit der Wurtzel zwo Handvoll/ Cardenbenedictenkraut anderthalb Handvoll/ Genserichkraut eine Handvoll: Diese Kreuter nimb grün oder dürr/ zerschneide sie klein/ thue sie in ein bequeme Kannten/ schütt darüber ein Mass frisch Brunnenwasser/ thu darzu sechs loth guten Feinzucker/ verlutier die Kannten wol mit einem Rockenteyg/ setz sie in ein Kessel mit Wasser/ lasse darinn vier Stunden in einem stäten Sud sieden/ darnach seihe den Tranck ab durch ein Tuch/ unnd gib allen Morgen unnd Abend/ jedesmal vier Untzen darvon zu trincken.
    Oder nimb Röhrleinkraut und Wurtzel vier Handtvoll/ guten Feinzucker sechs loth/ zerschneide das Kraut klein/ thue es mit dem Zucker in ein Kannten/ schütte daruber ein mass gutes Cardenbenedictenwasser/ verlutier die Kannten/ unnd lasse solches vier Stunden sieden/ seihe es durch/ gib darvon allen Morgen und Abend drey untzen warm zu trincken/ es ist eine edle Artzney und besonders Experiment.
    Oder nimb frische Röhrleinkrautwurtzeln/ gereynigt unnd zerschnitten/ stosse die klein wie ein Muss in einem Steininen Mörsel/ darnach schütte zwo oder drey untzen Cardenbenedictenwasser daruber/ zerreibs/ seihe es durch ein Tuch drucks hart auss und gibs auff einmal zu trincken/ wann jhnen das Feber bald anstossen wil/ lass jhnen darauff nider liegen und warm zudecken und schwitzen. Das sol er etlichmal thun/ so wird er dess Febers bald ohne einige Gefahr loss werden: Dienet nicht allein wider das Tertian Feber/ sondern auch wider Quartan/ Quotidian und andere Feber so zu gewisser zeit den Menschen pflegen anzustossen.
    Röhrleinkraut mit Linsen gesotten und eyngenommen/ vertreibt den roten Leberfluss/ oder die rote Ruhr.
    Röhrleinkraut geläuterten Safft je uber den andern Tag fünff oder sechs loth getruncken/ dienet wider den Samenfluss. Das thut auch das Kraut unnd Wurtzel auff alle Manier/ in Speiss/ Tranck oder Artzeney gebraucht.
    Röhrleinkraut unnd Wurtzel in gutem Weinessig den drittentheil eyngesotten/ und die durchgesiegene Brühe Morgens und Abends/ jedesmal ein gemeinen Tischbecher voll warm getruncken/ vertreibet die Harnwind/ tröpfflingen harnen/ unnd bringet wider den verstandenen Harn.
    Wann ein Rossz unlustig ist/ und sein Futter nicht essen mag/ so schneide jhm frischRöhrleinkraut/ unnd gib es jhme under seinem Futter zu essen/ so wird es lustig und auch wol dardurch gereyniget. Lege jhm auch Röhrleinkraut in sein Wasser und lasse daruber trincken.
    Wann ein Rossz nicht stallen kan: So nimb Röhrleinkraut und Wurtzel vier guter Handtvoll/ schneide die klein/ und seuds in halb Wein und Essig dass es zusammen ein Mass seye/ zum halben theil ein/ seihe es durch ein Tuch und drucke das Kraut unnd Wurtzel hart auss/ schütte es dem Gaul durch ein Horn eyn.
    Es wird heutiges Tages das Röhrleinkraut auch höchlich gelobet allerhand Wunden zu heylen/ derowegen es auch von den rechtgeschaffenen Wundärtzten zu den Wundträncken gebraucht wird/ unnd ist aber nachfolgender Wundtranck zu allen gehauwenen unnd gestochenenWunden fast heylsam unnd erfahren/ den bereyte wie folget: Nimb Röhrleinkraut zwo Handvoll/ Benedictenkrautwurtzel anderthalb Handtvoll/ Ehrenpreyss/ Schadheyl/ Balsamöpffelkraut MOMORDICA genannt/ gülden Heylwurtzkraut/ jedes eine Handvoll/ Agrimonien/ rot Fingerhutkraut unnd Blumen/ Erdtbeerkraut/ Tausendtschönkraut/ Apostostemenkraut/ Schlüsselblumenkraut/ Sanct Peterskraut mit der Wurtzel/ jedes ein halbe Handvoll. Alle gemelte Stück soll man klein schneiden/ wol vermischen/ unnd in zwey gleiche Theil abwiegen/ darnach ein Theil in eine Kannten thun/ daruber schütten guten frischen Weins unnd frisch Brunnenwasser/ jedes ein halb Mass/ ferner auch darzu thunein Vierling Zucker/ folgens den Ranfft der Kannten wol verlutieren und die in einen Kessel mit siedendem Wasser vier Stunden lang in stäter hitz sieden lassen/ darnach lassen kalt werden/ und den Tranck durch ein sauber Tuch abseihen/ denselben wol vermacht in einem külen Ort verwahren. Von diesem Wundtranck soll man einem Verwundten allen Morgen unnd Abend/ jedesmal vier oder fünff Löffel voll warm zu trincken geben/ so wird er wunderbarliche hülff darvon spüren

Eusserlicher Gebrauch dess Röhrleinkrauts
    Wann man die dünnen Rörlein dess Pfaffenblats entzwey bricht/ gibt es ein weissen Milchsafft/ derselbig vertreibet die Flecken der Augen/ so man dess Tages zum wenigsten dreymal/ jedesmal ein par Tröpfflein desselbigen in die Augen thut/ und erkläret das dunckel Gesicht wunderbarlich.
    Etliche ziehen das Röhrleinkraut mit der Wurtzeln undersich auss/ schneiden darnach die Wurtzel ab/ hencken dieselbigen an den Halss/ tragen sie also ein zeitlang/ dass soll nicht allein die Flecken der Augen/ sondern auch das rinnen derselben vertreiben.
    Die andern graben die Wurtzeln auss ohn einige superstition oder Heydnisches Affenwerck/ schneiden die in neun stück unnd henckens neun Tag an den Halss/ das soll nicht allein die Flecken in gemelter Zeit verzehren/ sondern auch alle Gebrechen der Augen hinweg nemmen. Die dritten hencken die Wurtzel also gantz oder nur ein Stück darvon an Halss/ tragen die eine zeitlang/ und befinden gute besserung darvon/ wie ich dann solches selbst offtermals gesehen hab/ und ist nicht ohne dass Gott der Allmächtige die Gewächs/ Wurtzeln/ Kreuter/ Stein und andere dergleichen ding reichlich gesegnet unnd jhnen in erschaffung der Welt uund aller Creaturen/ wunderbarliche unnd heymliche verborgene Kräfft unnd Wirckung eyngegossen oder gegeben hat/ die ohn allen zweiffel unsern ersten Eltern vor dem sündlichen Fall nicht unbewust gewesen/ aber hernachmals durch den Fall wider verborgen worden seynd/ darvon wir etwann durch langwirige Erfahrung nur ein wenig Schattens erlanget haben/ dass wir bekennen müssen dass viel hheimlichkeit in der Natur verborgen/ die wir mit unseren Sinnen von wegen dess Falls unnd der Sünd nicht begreiffen mögen/ sonst würde so uns solche Ding vollkommentlicher bewust/ der Mensch schier unsterblich seyn: Aber der Teuffel der wie ein Aff alle ding Gott dem HERREN nach thun will/ der verkehret alle gute Mittel Gottes inn einen Aberglaubischen/ Heydnischen oder Jüdischen Missbrauch/ in dem er mit gewissen Ceremonien/ Geberden/ besonderer zeit unnd andern dergleichen Heydnischen unnd Teufflischen Fantaseyen die Menschen verführt und verblendet/ dass sie also auss den guten Mitteln Gottes einen Abgott machen/ und den Teuffelischen/ Aberglaubischen Fantaseyen unnd Ceremonien mehr Krafft unnd Wirckungen zuschreiben/ dan gott dem HERREN der alle Mittel gut geschaffen/ so fern wir dieselbig mit Dancksagung gebrauchen/ welches ein schreckliche Sünd unnd sie alle Christen bey verlust jhrer Seeligkeit/ meiden und fliehen sollen. Unnd soll sich derowegen niemand betriegen lassen/ dass offtermals solche Aberglaubische Mittel die Menschen helffen/ dann Gott der HERR solches auss gerechtem Urtheil von wegen unsers Unglaubens verhenget/ und dem Teuffel grossen gewalt unnd macht gibt uber die Kinder dess Unglaubens/ welches wir dann täglich erfahren/ dass solche zauberische Arzeneyen bey den Aberglaubischen Menschen viel vermögen/ unnd bissweilen dem Menschlichen Leib grosse Hülff thun/ darneben aber der Seelen tödlichen Schaden zufügen.
    Dargegen auch so ein rechter frommer Christ unnd Feind dess Aberglaubens solche unordenliche Mittel gebrauchet/ unnd sein Hoffnung unnd vertrauwen auff Gott den HERREN und nicht auff die Heydnische Aberglaubische Ceremonien unnd dess Teuffels betrieglich Gaucklerwerck setzet/ jhme gar unnd nimmer nichts helffen. Dass aber der Teuffel solche Besserung unnd Gesundheit dess Leibs bey den Kindern dess Unglaubens kräfftiglich wircket/ unnd nicht Gott der HERR/ haben wir tägliche Exempel/ deren wir nur eines erzehlen wöllen/ welches zu unserer Zeit sich zugetragen. Es ist ein Weib in der Stadt Rotweil gewesen/ die hat grosses Augenwehethumb ein lange Zeit gehabt/ viel rahts darzu gebraucht/ unnd nichts helffen wöllen/ ist jhr letztlich ein Pergmenter Zedel gegeben worden/ den soll sie an Halss hencken/ und ein zeitlang auff blosser Haut tragen/ so werde jhr sach sich zur besserung schicken unnd dess grossen schmertzens entlediget werden/ doch müsse sie einen guten glauben unnd vertrauwen haben dass der Zedel jhr helffen werde: Die Frauw hat den Zedel darauff angenommen unnd an Halss gehencket/ da hat sich jhre Augenkräncke täglichen gebessert/ also dass sie in kurtzer Zeit gar gesund geworden/ unnd jhr nichts gemangelt hat. Darauff hat sich nun zugetragen dz ein ander altes Weib gleichfalls mit grossem Augenschmertzen beladen worden/ Tag und Nacht ohne underlass keine ruhe können haben/ darzu nicht gesehen können/ unnd nach dem sie viel Mittel versucht unnd sie nichts helffen wöllen/ sondern der Schmertzen von Tag zu Tag mehr zugenommen/ und gar hat erblinden wöllen/ ist jhr angezeigt worden/ wie ein Weib zu Rotweil in der Statt were/ die auch unleidlich gross Augenwehe erlitten/ viel Mittel gebraucht/ aber es hette sie nichts helffen wöllen/ biss jhr endlich etwas were gegeben worden dass sie an Halss hencken sollte/ und eine zeitlang tragen/ so wird jhr geholffen werden/ dadurch sie dann in kurtzer zeit der Schmertzen verlassen/ und sie jhr Gesicht wider bekommen hette. Wie nun die gute Fraw dasselbig gehört/ hatte sie nicht underlassen können nachfragens zu haben und dieselbig Frauw zu jhr zu kommen freundlich bitten lassen/ welches jhr nicht abgeschlagen worden. Als nun das gemelte alte Weib zu deren kommen und jhren Mangel angehöret/ auch gebeten worden ist/ sie wölle jhr doch das jenig so sie angehencket ein zeitlang leihen/ sie wölle es jhr widerumb unversehret zustellen/ hat es jhr das ander Weib verwegert/ sprechend es seye jhr so lieb dass sie es nicht von sich gebe/ doch dieweil es nur ein Briefflein sey/ wölle sie es jhr vergönnen abschreiben zu lassen/ doch müsse es auff ein Jungfrauwen Pergament geschrieben werden/ darauff dz krancke Weib die verordnung gethan/ dass sie ein stücklein dess Pergaments zu wegen gebracht/ und nach einem armen Schüler geschickt/ jhme das Zedlein geben abzuschreiben und ein Pfennig oder vier zu schencken versprochen. Der Schüler hat das Zedeleingenommen darinn nichts anders dann selzame Character und unbekannte zauberische Wörter gestanden/ welche der Schüler nicht verstanden oder nachschreiben hat können/ unnd hette doch gerne die vier Pfennig verdienet/ nimpt also das Pergamen/ und schreibt darauff/ Der Teuffel stech dieser alten Frauwen die Augen auss und scheiss jhr in die Lucken/ wickelt das Zedelein zusammen und gibt’s der Frawen/ nimbt seinen versprochenen Lohn und zeucht darvon. Die gute Fraw nehet das Zedelein in ein Tüchlein/ hencket es mit gutem Glauben unnd vertrawen darauff an den Halss wie jhr befohlen war/ und trug es ein zeitlang/ da wurde der Frawen in kurtzer zeit mit vieler Menschen verwunderung geholffen/ also dass jedermann die gewisse Kunst begehret abzuschreiben/ und der Frawen gute verehrungen darfür zu geben verheissen worden/ da aber dieses Geheimnus offenbaret wurde/ begehret es niemand abzuschreiben/ hab derowegen hie an diesem Ort nit underlassen wöllen diese warhafftige HISTORIAM zu erzehlen/ darmit sich menniglich wisse vor solchen verbottenen/ Heydnischen/ Aberglaubischen und Teuffelischen Mitteln zu hüten/ dann es ist waren Christen viel besser und heylsamer/ dass sie kranck seyen und bleiben wo jnen nicht mit natürlichen Mitteln mag geholffen werden/ dann dass sie die Kranckheit mit verbottenen und derengleichen erzehlten aberglaubischen mitteln/ zu Gottes dess Herren schmach und schaden der Seelen vertreiben wollten/ welches auch kein rechtsinniger Christlicher MEDICUS nimmermehr thun wird/ unnd sollen billich alle frommen ehrliebende und Gottselige MEDICI jhnen die vermahnung MANTUANI an alle MEDICOS lassen angelegen seyn und dieselbige zu Gemüt führen/ die also lautet:MEDICUS NON CONSULAT EA, QUAE IN PERNICIEM VERGANT ANIMATUM. MELIUS EST ENIM NOS SEMPER AEGROTARE, QUAM CUM DIE CONTUMELIIS SANOS ESSE.
    Röhrleinkrautwurtzel am Halss auff blosser Haut getragen/ vertreibt das drittägig Feber.
    Röhrleinkraut frisch gestossen/ miltert das hitzig Zipperlein und die Gliedsucht/ wie ein Pflaster ubergelegt/ das thut auch der aussgeprest Safft/ leinine Tüchlein darinn genetzt/ und ubergelegt.
    Das grün Röhrleinkraut gestossen und pflasterrsweiss ubergelegt/ leschet die Hitz der schwartzen brennenden Blattern an den Beynen/ Brüsten/ Gemächten und andern orten dess Leibs.
    Oder mach nachfolgendes Sälblein zu den gemeldten Blattern: Nimb Röhrleinkraut das grün und frisch ist/ Rosenöle oder unzeitig Baumölen/ jedes xvi.untz. stoss das Kraut klein/ thue es in ein Kesselein/ schütte das Baumölen darüber/ lass sittiglich uber einer Glut sieden biss der Safft dess Krauts gar verzehret ist/ darnach drucks hart auss durch ein starckes unnd enges tuch/ zerlasse darinn vier untzen Wachs und iii.untz Hirtzenunschlit/ lass darnach kalt werden/ thue ferner dareyn viii.untzen gewäschenes Bleyweiss auss einem Rosenwasser/ ii.loth gewäschenes Silbergletsalles auff subtielest gepülvert/ unnd ii.Eyerweiss von frisch gelegten Eyern/ solches vermisch wol durcheinander mit einem hültzenen Stösser/ biss das Eyerweiss wol mit der Salben sich vereinbaret hat/ darnach behalts zum gebrauch. Diese Salb dienet nicht allein wider die obgemelde hitzige Blattern/ sondern auch zu allen hitzigen Geschwulsten und Entzündungen.
    Röhrleinkraut in Wasser/ Bier oder Wein gesotten/ unnd darmit die Wunden unnd Schäden gewäschen/ reyniget und säubert dieselben/ unnd fürdert sie treffentlich zu der heylung.
    Man macht auch auss dem Röhrleinkraut ein heylsames und edles gut Wundtpflaster/ das alle frische Wunden gewaltig heylet/ und keine Entzündung oder Wundtsucht darzu schlagen lasset/ das wirdt also gemacht: Man nimpt dess frischen Röhrleinkrauts xvi. Untz/ Bachbungen/ junge Weidenbletter/ Sanickel/ Ackeleybletter/ Gundelreb/ spitzen Wegerich/ spitz Wundtkraut/ Branntlattich/ Egelkraut/ jedes ii. Untz. Alle gemelte Kreuter sollen frisch unnd grün seyn/ die soll man zerschneiden und klein stossen/ darzu thun frischen Meybuttern/ Baumölen/ jedes xvi. Untz/ guten fürnen Wein xii. untz. darnach in einem bequemen Kesselein uber einer Glut lassen sittiglich sieden biss der Wein unnd alle Säfftigkeit der Kreuter verzehret ist/ als dann soll mans hart mit einer Pressen aussdrucken. Wann das geschehen soll man ferner darinn zergehen lassen/ Jungfrauwenwachs xii. Untzen/ Pinhartz/ Terpentin oder Lerchenhartz/ jedes acht Untz/ Hirtzenunschlitt vier Untz. Wann diese zergangen soll mans lassen kalt werden unnd allgemach rühren biss es kalt wirdt/ so hast du ein fürtrefflich und heylsames Wundtpflaster/ welches mit dem obgemeldten Wundtranck von dem Röhrleinkraut in heylung der Wunden nicht mag verbessert werden.

Röhrleinkraut oder Pfaffenblatt gedistilliert Wasser.
DENTIS LEONIS AQUA STILLATITIA.

    Das Röhrleinkraut soll im Aprillen oder im anfang dess Meyens gedistilliert werden/ wann es in seiner vollkommenen Blüth ist/ als dann soll man Kraut und Blumen mit der Wurtzeln klein hacken/ und distillieren durch VESICAM, wie wir gelehrnet habendas Endivien und andere külende Wasser zu distillieren.

Jnnerlicher Gebrauch dess Röhrleinkrautwassers
    Röhrleinkrautwasser ist ein gute Artzeney wider das stechen in der Seiten eröffnet die Verstopffung der Leber vertreibet die Geelsucht/ dienet wider den grünen Siechtagen unnd die hitzige Wassersucht/ dessgleichen wider alle hitzige Feber/ Tertian/ Quartan/ und die Feber die von der Gallen kommen/ bringet ruhe/ machet schlaffen/ und treibet den Harn gewaltiglich/ reyniget die Nieren/ Harngäng unnd Blasen/ verbessert alle hitzige entrichtung/ aller innerlichen Glieder dess Eingeweyds/ dess Morgens und Abendts/ jedesmal v. oder sechs loth getruncken und den täglichen Tranck darmit gemischet: Jn summa dieses Wasser mag in aller massen unnd gestalt allein vor sich selbst/ oder mit Syrupen vermischt gebraucht werden/ wie das Wegwarten oder Endivienwasser.
    Etliche beytzen das Röhrleinkraut acht tage in gutem fürnenem Wein/ darnach distillieren sie es/ das gewinnt einen sauwrlechtigen Geschmack/ das gebrauchen sie wider den fallenden Siechtagen/ unnd gebens eyn wann diese Kranckheit den Menschen anfahen zu schütten/ und soll solchs ein bewehrt Experiment seyn.

Eusserlicher Gebrauch dess Röhrleinkrautwassers
    Das Röhrleinkrautwasser dienet wider das Hauptwehethumb von Hitzen/ leschet die Hitz unnd Brunst der Leber/ zweyfache leinine Tücher darinn genetzt/ und uber die Stirn/ Schläff unnd die Leber gelegt/ das zeucht die Hitz herauss unnd leget den Schmertzen/ so mans so offt es trucken wirdt/ wider erfrischet.
    Das Röhrleinkrautwasser dienet wider die hitzigen unnd roten Augen/ unnd vertreibet die Flecken darinnä/ jederweilen etliche Tröpfflein dareyn gethan. Zu solchem Gebrauch nemmen etliche die Blumen allein unnd distillieren die in BALNEO MARIAE.
    Röhrleinkrautwasser vertreibet die roten Bläterlein im Angesicht/ leschet die Hitz unnd kület dasselbige/ machet auch ein lauter Angesicht/ dasselbig offtermals darmit bestrichen unnd von jhm selber lassen trucken werden.
    Wider das hitzig Hauptwehethumb: Nimb Röhrleinkrautwasser sechs Untzen/ Chamillenwasser zwo Untzen/ Rosenessig anderhalb Untzen/ Ganffer zehen Gerstenkörner schwer/ temperier das durch einander/ netze zweyfache leinine Tücher darinn/ unnd lege die lauwlechtig uber die Stirn und beyde Schläff/ so offt sie auch trucken werden/ so erfrische sie wider es wirdt die Hitz gewaltig aussziehen/ und den schmertzen miltern.
    Wider die entzündung der Leber: Nimb Röhrleinkrautwasser viii. Untzen/ Endivienwasser vier untz/ Rosenessig ii. untzen/ Bleywess i. Untz. Vermische solches durcheinander/ netze ein zweyfach leinin Tuch dareyn/ unnd legs lawlechtig uber die Leber/ und erfrisch es offt.

Röhrleinkrautwein.
HEDYPNOITES oder VINUM EX DENTE LEONIS

    Auss dem Röhrleinkraut macht man ein herrlichen guten Wein/ darvon nimpt man allein die Wurtzel/ wäscht unnd reyniget die/ darnach lässet man sie trucken unnd dürr werden/ nimbt deren xxxii.Untzenstosset sie groblechtig/ macht sie darnach eyn mit häselen Spähnen in ein zwölff oder vierzehen mässiges Fässlein/ schläget dass Fässlein zu/ füllets mit einem guten Most/ lasset den darüber verjähren/ und verwahret den uber Jahr wie ein andern Kreuterwein. Dieser Wein eröffnet die Verstopffung der Leber/ vertreibet die Geelsucht/ den grünen Siechtagen unnd die Wassersucht/ er dienet wider die Harnwinde und tröpfflingen harnen/ ist ein heylsamer Tranck in den Tertian/ Quartan und den alten faulen Magenfebern/ die jhren ursprung von der Gallen unnd verstopffung der Leber haben.

Röhrleinkrautsyrup.
SYRUPUS HEDYPNOIDIS, oder EX DENTE LEONIS

    Der Syrup von dem Röhrleinkraut wird von dem Safft dess Krauts und der Wurtzeln also bereytet: Man nimbt dess aussgedruckten geläuterten Saffts drey Pfundt/ weissen Feinzucker ii.Pfundt. Vermischet solche unnd lassets in einem Kesselein uber einer linden Glut gemächlich zu einem Syrup sieden/ wie wir solches hiebevor von dem Wegwartensyrup gelehret haben.
    Dieser Syrup wirdt zu allen oben erzehlten innerlichen Kranckheiten heylsamlich gebrauchet/ unnd ist in allen dingen kräfftiger unnd stärcker als der Wegwarten oder Endivien Syrup.

Extract von dem Röhrleinkraut.
HEDYPNOIDIS EXTRACTUM

    Der Extract von dem Röhrleinkraut/ soll auss der Wurtzel/ Kraut unnd Blumen bereytet werden/ wie von der Wegwarten/ sol auch gleichfalls zu obenerzehlten Kranckheiten gebrauchet werden.

Röhrleinkrautsaltz.
HEDYPNOIDIS SAL

    Das Saltz vom Röhrleinkraut soll künstlich wie das Wermuthsaltz aussgezogen/ und wie das Wegwartensaltz gebrauchet werden/ under anderem aber ist es fast dienlich wider die Wassersucht unnd den verhaltenen Harn/ allein oder aber mit andern Artzeneyen vermischt gebrauchet.