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KLEINES HABICHTSKRAUT

Hieracium pilosella - Compositae

 


 

 VON DEM MÄUßÖHRLEIN ODER NAGELKRAUT.

 

            Der Mäußöhrleinkreuter haben wir drey Geschlecht in unserm Teutschlandt wachsen/ darzu kommt auch das vierdte und aller grössest Geschlecht/ dz wird auß der Landschafft Syrien durch die Kauffleut und Materialisten zu uns gebracht.
            I. Das erst Geschlecht ist das gemein Mäußöhrlein das fladert unnd kreucht hin unnd her in der Erden mit seinen kleinen/ dünnen unnd zasechtigen Würtzlein/ mehret sich also selber unnd bringet viel junger unnd newer Stöcklein wie das Erdtbeerkraut. Das Kreutlein siehet man durch das gantze Jahr mit seinen Blettern auff dem Grundt außgespreytet/ die seyndt der Gestalt nach den Blettern deß Maßliebenkrauts ähnlich/ von Farben weiß/ rauh unnd gar haarechtig/ ein jedes Blätlein anzusehen wie die Ohren an den grossen Mäusen. Gegen dem Meyen bringt es schöne/ bleychgeele und auch bißweilen goldtgeele/ gefüllte/ zirckelrunde Blumen/ auff dünnen/ haarechtigen Stielen/ deren es etwann vi. oder vii. auch underweilen weniger hat nach dem das Kraut mit seinen Würtzlein weit umb sich gekrochen ist/ auß diesen Blumen wirdt endtlich ein grawer/ haarechtiger Samen/ wie am Hasenköl oder Gänßdistel/ der wirdt vom Windt leichtlich beweget daß er dahin fleuhet. Dieses Gewächs gibt ein bittere Milch/ es wechst allenthalben auff magerem/ sandechtigem unnd graßechtigem Erdtreich/ auff den Büheln und Rechen/ neben den Strassen/ so wol auff der Ebnen als auff den Bergen.
            II. Das zweyte Geschlecht hat ein kleine zasechtige Wurtzel/ die Bletter sind lenger unnd spitzer als deß jetztgemeldten/ Grawfarb wie die vorigen/ außgenommen/ daß die Härlein lenger unnd deren auch weniger sind/ zwischen den Blettern wechst ein dünnes/ haarechtiges Stenglein herauß auff die anderthalb Spannen lang/ daran uber ii. oder iii. Bletter an denselben in die helfft hinauff uber einander wachsendt gesehen werden. Am obertheil erscheinen im Brachmonat iii. oder iiii. bleychgeeler gefüllter Blumen/ den andern Blumen deß gemeinen Mäußöhrlein gleich/ die vergehen auch gleicher gestalt und fahren dahin mit jhrem leichten und haarechtigen Samen.
            III. Das dritt Geschlecht ist mit der Wurtzel/ Bletter/ stengel unnd Blumen dem nechstgemeldten durchauß gleich/ außgenommen daß die bletter grösser/ zweymal lenger/ der Stengel auch höher/ und das gantze Gewechß grösser ist/ und am Obertheil mehr Blumen bringt als dz vorige. Beyde gemelte Kreuter wachsen bey der Churf. Statt Heydelberg auff dem Gebirg hinder Allerheiligen Berg/ und an vielen Orten auff dem Ostwaldt nin sandechtigem/ feuchtem Erdtreich unnd auff den Wiesen. Der Geschmack ist bitter mit einer entpfindtlichen Zusammenziehung und Truckne.
            IV. Das viertd Geschlecht so man auß der Landtschafft Syrien bringet/ hat ein harte/ holtzechtige Wurtzel mit vielen Nebenwurtzeln/ die sich unden an den Enden in etliche gegabelte Zincken außtheilen. Die Bletter seyndt mehr als noch einest so groß als die Bletter deß gemeinen Meußöhrleins/ von Farben weiß oder Eschenfarb/ haarechtig und weych/ als wann sie mit einer zarten/ weissen/ seidenen Wollen uberzogen weren/ die Stengel seyndt anderhalben Spannen lang/ viereckechtig unnd mit Gleychen underscheiden/ die Blumen seynd uns nie zu sehen worden.

 

Von den Namen dieser Kreuter.
            Wie das Meußöhrleinkraut bey den Alten geheissen worden/ oder ob sie es auch beschrieben haben/ hat keiner noch nie angezeiget/ so haben wir auch keine Beschreibung bey den alten Lehrern gelesen die sich mit diesem Gewächs vergleichen wollte. Der hochgelehrte und weltberühmbte PHILOSOPHUS ANDREAS LACUNA, heltet dieses Kreutlein vor das HOLOSTIUM DIOSCORIDIS, aber die Bletter die dem Graß oder dem Hirtzhorn gleich seynd/ die wöllen sampt andern mehr Roten sich keines wegs mit dem gemeldten Gewächß vergleichen/ derowegen wir es nicht mit dem LACUNA halten können/ sondern uns mit dem gemeinen Namen behelffen müssen/ nicht destoweniger Gott dem Allmächtigen Danck sagen/ daß er auß seiner milten Güte uns die Kräfft und Tugendt desselben zu erkennen geben hat. Es wirdt dieses Kreutlein von den Kreutlern und PRACTICIS PILOSELLA unnd AURICULA MURIS genennet/ dieweil aber DIOSCORIDES auch ein besonders AURICULAM MURIS mit blawen Blümlein beschreibet/ wirdt dieses unser Mäußöhrlein mit den geelen Blumen zum Underscheidt deß blauwen Mäußöhrlein DIOSCORIDIS, AURICULA MURIS LUTEA genannt. Hochteutsch/ Mäußöhrlein/ geel Mäußöhrlein und Nagelkraut/ dieweil es die vernägelte Pferdt heylet unnd gesundt mechet/ darzu dann dieses Kraut erfahren/ und ein gewiß Experiment ist.
            II. Das zweyt Geschlecht wird PILOSELLA MAIOR, III. unnd das dritte PILOSELLA MAIOR ALTERA, von den Kreutlern genannt/ das ist/ groß Mäußöhrlein/ IV. und das vierdt PILOSELLA SYRIACA. Hochteutsch/ syrisch Mäußöhrlein.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eigenschafft der Mäußöhrlein.
            Die Kreuter der Mäußöhrlein seynd warm im ersten und trucken im andern Grad/ mit einer entpfindtlichen Astriction oder Zusammenziehung/ hat darneben auch eine Krafft zu abstergieren unnd zu stopffen/ sonderlich aber das erst und gemein Geschlecht/ welches vor den andern zum Gebrauch der Artzeney erwehlet wird.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Mäußöhrleinkrauts.
            Mäußöhrleinkraut frisch und grün gestossen/ den Safft darvon außgepreßt und mit gleich so viel Wein gesotten/ darnach durchgesiegen/ unnd morgens und abends/ jedesmal iii. Untzen darvon warm getruncken/ ist ein sehr gute Artzeney wider die fallende Sucht.
            Mäußöhrleinkraut mit halb Wasser unnd Wein den dritten theil eingesotten/ durchgesiegen und zu einer halben maß der Brühen gethan/ vi. Untzen Honigs widerumb gesotten/ verscheumet und durchgesiegen/ ist ein edler Tranck wider alle versehrung der Brust/ deß morgens und abends/ jedesmal iii. oder vier untzen warm getruncken.
            Mäußöhrleinkraut frischer außgeprester unnd geleuterter Safft mit Zucker vermischt/ und allen morgen unnd abend jedesmal vier loth kül getruncken/ vertreibt das blutspeyen/ wann es schon von einer gebrochenen Adern herkommen were/ unnd heylet die Versehrung der Ader.
            Mäußöhrlein und Erdtbeerkraut/ jedes gleich viel in Wein gesotten/ und von der durchgesiegenen Brühen allen Morgen und Abendt/ jedesmal vier Untz getruncken/ eröffnet die Verstopffung der Leber/ und treibt auß die Geelsucht.
            Mäußöhrleinkraut iiii. Handtvoll genommen/ klein geschnitten unnd in ein Kannten gethan/ darüber geschütt ein Dreyling guten firnen Wein unnd zween Dreyling Wasser (das ist ein maß zusammen) den Ranfft der Kannten wol mit einem Rockenteyg verlutiert/ darnach in ein Kessel mit siedendem Wasser gesetzt/ und vier Stunden lang wol darinn gesotten/ darnach durchgesiegen/ und Morgens und Abends/ jedesmal iii. Untzen warm von diesem Tranck getruncken/ treibet auß die Geelsucht/ eröffnet die Verstopffung der Leber/ ist denen sondelich nütz unnd gut/ die zu der Wassersucht geneiget seyndt/ heylet alle jnnerliche Versehrung deß Eingeweydts und der Därm/ stopffet die tägliche Bauchflüß/ vertreibet den kaltenseych/ unnd ist ein edel Wundtranck frische Wunden und Schäden damit vom Grundt herauß zu heylen.
            Mäußöhrleinkraut getrucknet unnd zu einem subtilen Pulver gestossen/ unnd desselbigen einer Haselnuß groß mit einem weychen Eye zu Suppen geben/ bringet die schwachen/ verwundten und verblute Menschen Wider zu recht/ als wann sie gleich von dem Todt erlöset werden/ derowegen dises Kreutlein in hohen Würden von erfahrnen Wundtärtzten gehalten wirdt.
            Etliche Wundärtzet nemmen Meußöhrleinkraut unnd Fünffingerkraut/ jedes gleich viel/ stossens zu einen subtielen Pulver/ unnd geben dem Verwundten drey morgen nach einander eine Nußschal voll deß Pulvers mit seinem Tranck zu trincken/ unnd so er dasselbige wider von sich brichet/ so soll der Krancke gewiß sterben/ behaltet ers aber bey sich so bleibet er leben/ oder so es jhme hinder der Wunden schwürte/ unnd nicht fornen/ soll er gleichfalls sterben/ geschicht aber solches nicht so kompt er darvon/ welches offtermals erfahren ist.
            Fisteln unnd alte Schäden zu heylen/ ist nachfolgender Wundtranck ein erfahrne Artzeney/ den bereyte wie folget: Nimm Mäußöhrleinkraut zwo Handtvoll/ Wegerichkraut/ Sanickel/ Garafelkraut mit den Wurtzeln/ Betonienkraut/ Schlüsselblumenkraut/ Gauchheyl/ Odermenig/ Fünffingerkraut/ jedes eine Handtvoll. Alle gemeldte stück soll man klein schneiden/ in ein geschraubte Fläschen oder Kanten thun/ und darüber schütten ein maß frisch Brunnenwasser und ein halb maß guten fürnen Wein/ darnach soll man den Raufft der Kannten oder Fläschen wol verlutieren/ unnd die Kannte in ein Kessel mit siedendem Wasser stellen/ darinnen sechs Stunden lang mit stätem Feuwer sieden lassen/ darnach so der Tranck von sich selbst kalt worden ist/ soll man denselbigen abseihen/ unnd allen morgen drey Untzen zum wenigsten darvon zu trincken geben/ so warm er den trincken mag/ unnd soll das viertzig Tag neben einer guten Diet/ sampt gebürlicher Purgierung der Uberflüssigkeit/ beharren.
            Andere bereyten folgenden Wundtranck allerhandt frische Wunden darmit zu heylen/ die er dann kräfftiglich von Grund herauß heylet: Nimb Mäußöhrleinkraut zwo Handtvoll/ Odermenig/ Berwinck/ Prunellenkraut/ Schartenkraut/ Sanickel/ jedes i. Handtvoll/ Ehrenpreiß/ Sternenkraut/ mit den blauwen Blumen/ Erdtbeerkraut/ jedes ein halb Handtvoll/ Angelickwurtz ein Loth. Alle obgemeldte Stück sol man klein zerschneiden/ unnd ferner darzu thun v. Untzen Feinzucker/ Diese Stück sol man samptlich vermischen/ darnach in ein bequeme Kannten thun/ und ein maß frisch Brunnenwasser darüber schütten/ den Ranfft der Kannten wol verlutieren/ und folgendts fünff oder sechs Stunden lang in einem Kessel mit Wasser in stätem Sudt sieden lassen/ wann nun der Tranck von sich selbst kalt worden ist/ sol man den als dann abseyhen/ in einem külen Ort zum Gebrauch verwahren/ und dem Verwundten allen morgen unnd abendt/ jedemal vier oder v. Loth davon zu trincken geben.
            Mäußöhrleinkraut in dickem rotem Wein den dritten theil eyngesotten/ darnach durchgesiegen und deß Tages dreymal nemblich deß morgens nüchtern/ nachmittag umb drey Uhren/ unnd Abendts wann man zu Beth gehen wil/ jedes mal drey Untzen warm getruncken/ ist ein gewisse Artzeney wider die rote Ruhr. So man in einer halben maß deß gemeldten Trancks acht loth alten Rosenzucker zergehen lesset/ und widerumb durchseyhet/ wirdt diese Artzeney dester kräfftiger.
            Dieses Kraut hat ein solche gewaltige Krafft unnd Eygenschafft zu stopffen/ daß wann die Schaffe auff der Weyde solches essen/ gerathen sie in ein solche grosse Verstopffung deß Bauchs/ daß sie offtermals davon sterben müssen/ derwegen die fleissige Schaffhirten jhre Schaff nicht auff die Felder treiben da das Mäußöhrleinkraut viel wächset/ gemeldtes Ubel zu verhüten. Daher haben die Artzet gelernet daß dieses Kraut wider die rote Ruhr und Blutflüß dienstlich seye.
            Mäußöhrleinkraut in Wein gesotten unnd deß morgens unnd Abendts/ jedes mal auff die vier Untzen warm getruncken/ stillet den unmässigen Blutfluß der Weiber/ vertreibet das hefftig brechen von der Gallen/ und heylet Wunden unnd Brüche/ derwegen es dann auch zu den Bruchträncken nützlich gebraucht wirdt.
            Mäußöhrleinkraut im Meyen mit seinen Würtzlein gesamlet/ gewäschen und im Schatten gedörret/ darnach zu einem subtielen Pulver gestossen/ ist ein gewisses Experiment die Brüche an jungen unnd alten Menschen zu heylen/ den jungen Kindern gibt man es mit jhrem Brey oder Bappen eyn/ und den erwachsenen und alten menschen in Träncken und der Speiß.
            So ein Rossz dunckel Augen hat oder erblinden wil/ so schneide Mäußöhrleinkraut klein/ und gib es jme under seinem Futter/ vermischt zu essen.
            Wider die Feyffel der Pferdt: Nimb Mäußöhrleinkraut/ Gundelreb und Sevenbaum/ jedes gleich viel/ stosse die zu Pulver/ unnd gib dem Rossz je zu achzehen Wochen/ jedes mal ein Loth oder zwey under dem Futter vermischet zu essen/ so ist es das gantze Jahr der Feyffel frey unnd sicher/ dann es ist ein gewisses Experiment.
            Wann ein Gaul auff den Zaum dringet und sich nicht gern heben lesset/ so gib jhm offt Mäußöhrleinkraut klein geschnitten under dem Futter zu essen.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Mäußöhrleinkrauts.
            Mäußöhrleinkraut frisch gestossen den Safft darvon außgepreßt unnd in die Nasen gezogen/ machet niesen unnd reyniget das Haupt unnd hirn von den bösen Feuchten.
            Mäußöhrlein geleutert safft mit Schellwurtzwasser unnd lauterm Honig/ jedes gleich viel durcheinander vermischet/ ist ein heylsam gut Augenwasser wider das blöd und dunckel Gesicht/ so man täglichs dieses Wassers zweymal/ allwegen in ein jedes Aug ein par Tröpflein thut.
            Geleuterten Mäußöhrleinsafft warm in die Ohren getrauffet/ vertreibet das thönen unnd sausen darinn mit Essig vermischet unnd gleicher Gestalt gebrauchet/ tödtet die Würm in den Ohren.
            Wider dz bluten der Nasen/ stoß Mäußöhrleinkraut zu Pulver und thue es darinn.
            Mäußöhrleinsafft in dem mundt gehalten/ und das maul wol darmit außgewäschen/ heylet die umbsich fressende/ böse Löcher unnd Schäden deß mundts/ deß Zahnfleisches unnd deß Hals. So man aber den safft nicht haben köndte/ soll man das Kraut in Wein sieden und mit der durchgesiegenen Brühen den mundt also außwäschen. Gemeldte Kochung dienet auch wider das abgefallen Zäpfflein warm darmit gegurgelt/ und bevestnet die wacklende Zähn warm im Mund gehalten/ man soll aber das gemelte Kraut in einem rauhen unnd herben Wein sieden.
            Mäußöhrlein mit Gundelrebenkraut gestossen/ den Safft darvon außgepreßt unnd in die Ohren gethan/ vertreibet das Zahnwehe.
            Oder nimb Mäußöhrleinkraut und Saltz/ jedes gleich viel/ stoß es durch ein ander in einem Mörser unnd legs uber die bösen Zähn/ so vergehet der schmertzen.
            Wider den Schmertzen der wacklenden Zähn: Nimb Mäußöhrleinkraut/ Naterwurtzel/ Tormentillwurtzel/ jedes gleich viel. Seud diese Stück/ doch zuvor klein gestossen in Schmidtwasser/ darinn die Schmid das Eisen ablöschen/ den dritten theil eyn/ seihe es dann durch ein Tuch/ dieses Wasser halt so warm in dem Mund/ also warm du es leiden kannst/ so vergehet nit allein der schmertzen/ sondern es werden die Zähn auch vest darvon/ man muß es aber offt thun.
            Wider den unmässigen Blutfluß der Weiber: Nimb Mäußöhrleinkraut/ stoß es unnd mach darauß ein Mutterzäpfflein/ laß solches das Weib zu sich in die Mutter thun/ oder machg ein Mutterzäpfflein von Baumwollen/ duncke es in Mäußöhrleinsafft/ unnd laß gleicher Gestalt gebrauchen/ es hilfft.
            Oder nimb ein gut theil Mäußöhrleinkraut/ thue es in ein langen Sack/ seude es wol in Bachwasser/ mach darauß ein Lendenbad/ darinn bad morgens unnd Abendts/ jedes mal ein stundt oder anderhalb/ und dieweil du in dem Bad sitzest/ soltu den Sack umb die Lenden herumb legen unnd halten/ so wirstu in kurtzer Zeit gute beserung empfinden.
            Mäußöhrlein mit Wullkraut in Wein gesotten/ und wie ein Pflaster auff den aussgehenden Affter warm gelegt/ hilfft demselbigen wider in seine statt.
            Mäußöhrleinsafft heylet die umbsichfressende Geschwär der Mutter/ durch ein bequemes Jnstrument in die Mutter gethan/ heylet auch die Löcher unnd umbsich fressende Geschwer der Mannsruthen/ oder der heimlichen Orten der Weiber/ darinn genetzet und ubergelegt.
            Oder nimb Mäußöhrleinkraut/ seude das in halb Wasser unnd Wein/ unnd wäsch die beschädigten Oerter unnd Löcher offtermals warm darmit/ darnach streuwe rein gepülvert Mäußöhrleinkraut darein/ das hilfft unnd heylet wunderbarlich.
            Oder so der Schaden gar faul were/ unnd zu besorgen daß man das Gliedt verlieren möchte/ so nimb Ochsengall/ Honig jedes gleich viel/ wild Weinrebenblüth/ Saffran/ Myrrhen alles reyn gepülvert/ temperiers durcheinander mit ein wenig Rosenessig wie ein Sälblein/ schmiere die Löcher unnd Schäden darmit/ darnach strewe rein gepülvert Mäußöhrleinkraut darauff/ das thu täglich biß der Schaden heyl ist.
            Wider die faulen/ alten/ fliessende unnd umbsichfressende Schäden/ der Schenckel und wo sie am gantzen Leib seyn mögen/ insonderheit aber die heimlichen Ort/ mach nachfolgend Pulver: Nimb Mäußöhrlein ii.loth/ Beerenöhrlein/ Gänserichkraut/ Sanickel/ Maßliebenkraut/ gülden Guntzel/ Buchspick/ jedes i.loth. alle gemeldte stück soll man vermischen/ darnach zu einem subtilen Pulver stossen/ unnd solches in die Schäden strewen/ es heylet gewaltig.
            So einem ein Dorn oder Holtz in einem Gliedt stecket/ der nemme frisch Mäußöhrleinkraut/ stosse es mit Hasenschmaltz und lege es uber wie ein Pflaster/ es zeucht denselbigen herauß. Wann es aber im Winter were daß man dz Kraut nicht grün haben könde/ so stoß das dürr Mäußöhrleinkraut zu einem subtielen Pulver/ und vermische dasselbiuge mit Hasenschmaltz wie ein Pflaster/ streichs auff ein Tüchlein/ lege es uber/ es zeucht Spreissen/ Dorn und Nägel auß.
            Dornen/ Pfeil/ Spreissen unnd Nägel auß den Wunden zu ziehen/ ist nachfolgendes Pflaster ein besonders Experiment>: Nimb frisch und grün Mäußöhrleinkraut/ Schweinenschmaltz/ jedes xvi. Untz/ stosse diese Ding wol durcheinander/ stelle sie darnach ein Tag oder xiiii. In einem verdeckten Geschirr in die Sonn/ thue sie darnach in ein Kesselein/ laß sittiglich uber einem Kolfewerlein sieden biß alle Safftigkeit in dem Kraut verzehret ist/ darnach seihe es durch ein starck leinin Tuch/ und druck es hart auß/ zerlaß darinn Vorstoß/ Hartz/ Terpentin/ jedes vier Untzen/ Hasenschmaltz sechs Untzen/ wann dieses zergangen/ so rühr darnach folgende Stück zu einem subtielen Pulver gestossen darein/ als nemlich Candischen Diptam vier Loth/ rein geriebenen Magnetstein/ Mäußöhrleinkrautwurtzel/ klein geriebenen geelen Agstein/ jedes ii. Loth/ deß Gummi Armoniacs in Essig zerlassen/ durch ein Tüchlein außgepresset und zu bequemer Dicke gesotten. Diese stück alle soll man künstlich zu einem Pflaster vermischen/ und es zum Gebrauch behalten.
            Mäußöhrleinkraut also grün mit Meybuttern wol in einem Mörser gestossen/ unnd solches wie ein Pflaster uber die frischen Wunden gelegt/ heylet dieselbigen unnd lesset sie nicht schweren.
            So ein Rossz vernagelt worden were/ soll man jhm den Nagel außziehen/ unnd dem Pferdt/ Mäußöhrleinkraut klein geschnitten in einem Futer zu essen geben/ unnd es ein Tag oder drey im Stall stehn lassen/ so heylet die Versehrung/ wann es schon schüret/ und dz Rosst sehr hincket/ und ist solches ein gewisses Experiment/ welches ich offtermals mit grosser Verwunderung gesehen und auch selbst erfahren habe.
            Wann ein Gaul an den Schenckeln und Füssen geschwollen ist/ so seude Mäußöhrleinkraut wol mit Wein/ unnd bindts dem Gaul also warm uber die Geschwulst/ er geneusset. Diese Artzeney dienet auch dem Rindtviehe in gleichem Fall gebrauchet.
            Mäußöhrleinkraut gestossen unnd uber die blutende Wunden wie ein Pflaster gebunden/ stillet das Blut gewaltiglich und baldt.

 

Mäußöhrleinwasser.
PILOSELLAE AQUA STILATITIA.

 

            Die beste Zeit Mäußöhrleinwasser zu distillieren ist im Ende deß Meyens oder im Anfang deß Brachmonats/ dz Kraut/ Wurtzel und Blumen mit aller Substantz gehacket und IN BALNEO MARIAE gedistilliert und sänfftiglich abgezogen. Wann das geschehen/ so nimb zu einer jeden maß Wassers vier Untzen Mäußöhrleinkraut unnd Wurtzeln gedörret unnd zu einem groblechtigen Pulver gestossen/ die lasse miteinander wie nun offtermals gelehret worden ist IN BALNEO MARIAE xxiv. Stunden digerieren/ darnach distilliers zum andermal unnd stell es hin in die Sonn zu rectificieren/ so hast du ein edel und gut Wasser zu nachfolgenden Leibs gebrechen.

 

Mäußöhrleinwasser jnnerlich zu gebrauchen.
            Mäußöhrleinwasser dienet wider das Blutspeyen/ ist eine kräfftige Artzeney die Verstopffung der Lebern zu eröffnen/ ist den jenigen fast nütz und gut die zu der Lebersucht unnd Wassersucht geneigt seind/ es zertheilet und treibt auß die Geelsucht/ erwärmet den erkalten Weibern die Geburtglieder/ säubert die Mutter von aller Unreinigkeit/ stillet den schmertzen und das auffstossen derselben/ stillt das Krimmen und Därmgegicht/ sonderlich aber das Reissen unnd Nagen in den Därmen von der roten Ruhr oder ander Bauchflüssen und stopffet sie/ heylet auch alle Versehrung der Därm von der Ruhr verursacht/ vertreibet alle unnatürliche Geschwulst deß Leibs/ stopffet den unmässigen Blutfluß der Weiber/ tödtet und führet auß dem Leibe die Spülwürm/ vertreibet den Kaltseych unnd Harnstrenge/ deß morgens unnd Abendts unnd auch etwann Undertages/ jedesmal iiii. oder v.loth davon getruncken/ und seinen täglichen Tranck darmit gemischet/ heylet auch allerhandt jnerliche Brüch/ und ist ein heylsames Wundtwasser die Wunden von Grundt herauß zu heylen.
            Etliche distillieren nachfolgendts Wundtwasser: Sie nemmen zwo Handtvoll Mäußöhrleinkraut unnd eine Handtvoll Sanickel/ stossen es zu einem groben Pulver/ schütten darüber ii. Dreyling Mäußöhrleinwassers/ unnd einen Dreyling Sanickelwasser/ das machet ein maß/ lassens ein Tag oder etliche mit einander beytzen/ darnach distillieren sie es durch das BALNEUM MARIAE und geben dem Verwundten allen Morgen und Abendt/ jedes mal vier oder fünff loth darvon zu trincken/ und vermischen jhm auch seinen Tranck darmit.
            So man aber der Destillation nicht erwarten köndte/ so soll man die obgemeldten Kreuter klein zerschnitten in ein Kannte thun/ das Mäußöhrlein unnd Sanickelwasser darüber schütten/ den Ranfft der Kannten wol verlutieren/ die Kannte darnach in ein Kessel mit siedendem Wasser stellen/ unnd zum wenigsten ein Stundt oder anderhalb darinn sieden/ darnach abseyhen/ unnd den Verwundten obgemeldter massen gebrauchen.
            Wider die rote Ruhr unnd alle andere Bauchflüß so offtermals erfahren: Nimb ein maß Mäußöhrleinwasser/ thue darzu acht Untzen alten Rosenzucker von der roten Rosen gemachet/ thue sie zusammen in eine Kannten/ lasse die Kannte ein Viertheil Stund in einem heissen Wasser sieden/ darnach lasse es durch ein Claretsack lauffen/ und gib dem Krancken allen Morgen und Abendt/ jedes mal ein Stundt vor dem Morgen und Nachtjmbiß drey Untzen zu trincken.
            Die lahmen unnd contracten Glieder widerumb zu recht zu bringen: Nimb Mäußöhrleinkraut xvi. Untzen/ Erdtkiffer acht Untzen/ guten fürnen Wein anderhalb Maß/ stosse die Kreuter klein/ vermische die mit dem Wein/ distillier darnach IN BALNEO MARIAE,  unnd gib dem Krancken allen Morgen vier Untzen darvon zu trincken/ lasse jhnen darauff wol schwitzen/ und beharre das vierzehen Tag an einander/ so wirstu gute besserung befinden.

 

Eusserlicher Gebrauch deß Mäußöhrleinwassers.
            Das Mäußöhrleinwasser vertreibet alle Masen/ Flecken unnd die Risemen deß Angesichts/ deß Tages etlich mal darmit angestrichen unnd von jhm selber wider lassen trucken werden.
            Etliche netzen Tücher in diesem Wasser/ legens warm uber wider das kalt und lauffende Gegicht in den Gliedern.
            Mäußöhrleinwasser dienet wider die Geschwär und Löcher deß Mundts/ deß Zahnfleisches und Halß offtermals darmit gewäschen/ den Mundt außgespület und den Halß warm darmit gegurgelt: dienet auch wider die Löcher/ Geschwär unnd Schädigung der heimlichen Ort/ damit gewäschen/ Tüchlein darinn genetzet und in die Schäden gelegt.
            Wider die Schäden der Schinbein unnd der heimlichen Ort. Nimb Mäußöhrleinwasser xii. Untz/ Rosenhonig/ gepülverten Myrrhen und Silbergleth/ jedes ii. Untzen/ unnd ein klein Ganffer. Vermische diese stück durcheinander stells in einem Glaß drey oder vier Tag in die Sonn/ darnach seyhe dz Wasser durch ein Tuch/ wäsche die Schäden an Schinbeynen oder heimlichen Orten damit/ und netze leinine Tüchlein darinn/ unnd lege die in die Schäden/ es thut wunderbarliche Hülff/ wann du das alle Tag zweymal thust.