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KANDISZUCKER / ZUCKERCKAND

Saccharum canditum


 

VON DEM ZUCKERCANDIT.

 

            Wir haben im nechsten Capittel den Zucker unnd dessen Sorten nach einander beschrieben und angezeiget/ was vor ein underscheidt under unserm unnd der Alten Zucker seye/ nemlich daß unser Zucker eben von dem Gewächß gemachet unnd bereytet wirdt/ darauß der Zucker der Alten von sich selbst gestossen unnd von der Sonnen Hitz an den Röhren getrucknet unnd also zum gebrauch der Artzeney gedsamblet worden ist/ sintemal den Alten die Kunst den Zucker wie er jetziger zeit von den Zuckerröhren gesotten wirdt/ unbekant ist gewesen/ unnd ist aber der Alten Zucker nichts anders dann ein natürlicher Zuckercandit gewesen/ wie wir denselbigen heutiges Tages durch die Kunst auch zu richten/ derwegen natürliche Zuckercandit der auß den Zuckerröhren von sich selbst herauß geflossen unnd von der Sonnen getrucknet unnd candirt worden ist/ seyt der zeit her nicht mehr gesamblet oder zu uns gebracht wirdt/ sintemal wir denen so durch die Kunst bereytet wirdt/ genugsam unnd uberflüssig haben können/ welcher eben die Krafft unnd Wirckung hat/ wie der natürliche Canditzucker/ wirdt auch gleichfals eben zu den Kranckheyten gebrauchet/ darzu die Alten den jhren gebraucht haben.
            l. Dessen haben wir auch zwo Sorten/ die eine ist schön/ klar und hell wie ein Cristall/ der wirdt von dem Madery oder Canarienzucker bereytet.
            ll. Die ander Sort ist wol klar aber braunfarb/ wirdt nimmer hell/ sondern bleibt dunckel/ der wirdt von dem Thomasin unnd braunenzucker gemacht. Der weiß ist der best der dem natürlichen Canditzucker/ beyde an farben und Kräfften gleich ist/ unnd wirdt derselbige also gemacht: Nimb deß aller schönesten Maderyzuckers xx. mehr oder weniger pfundt/ nach dem du viel oder wenig machen wilt/ zerschlage denselbigen in kleine Stück/ dieselbigen stoß darnach/ thue sie in ein bequemen Kessel oder ander Geschirr/ schütte darüber ein wenig frisch Brunnenwasser so viel daß man nur den Zucker darmit kann lassen zergehen/ setze den uber ein gut Kolfeuwer/ laß den Zucker zergehen unnd ein wenig auff sieden und das schnell/ dann wann der lang seudet so wirdt er zehe unnd geelfarb/ darumb je weniger du deß Wassers nimbst/ je besser es ist/ unnd je weisser der Zuckercandit wirdt. Wann der Zucker nun wol zergangen unnd zu einem dicken Syrup worden ist/ so solt du bereytet haben ein langen/ viereckechtigen Kasten von Haffners Erden gemachet und gebacken/ der inwendig verglasurt seye/ und von unden an biß oben auff mit Absetzen ii. Zwerchfinger hoch von einander underscheiden/ also daß der Kasten von wegen der Absätz unden enger unnd oben weiter seye. Auff die gemeldten Absätze solt du dünne/ viereckechtige/ lange Scheidtlein oder Höltzlein drey zwerchfinger breit von einander den lanmgen Weg legen/ und daß also von unden an biß oben auß/ Jn diesen Kasten solt du den Zucker also heiß giessen daß er voll werde/ als dann soll man den Kasten zu decken/ und denn auff ein Bet oder Banck in eine warme Stuben nahe bey den Ofen setzen/ da man jhnen biß in sechtzehen oder zwantzig Tag also soll stehen lassen/ darnach soll man den Deckel hinweg thun/ wirdt man befinden daß sich den mehrentheil deß Zuckers fein artig an die Stöcklein gehencket/ unnd wie ein Cristall candiert hat/ den ubrigen theil aber deß Syrups soll man sittiglich abgiessen der noch nicht steiff oder sich nicht candiert hat/ den lässet man wider siedend heiß werden/ unnd wan er ein wenig uberschlagen ist/ so geusset man den widerumb in den Kasten zu dem vorigen/ lässet den widerumb acht oder zehen Tage an einem warmen Ort in einer Stuben wie zuvor stehen/ so findet man ein schönen candierten Zucker gleich dem Cristallin. Man soll aber mercken/ daß die viereckechtige Stäblein von keinem andern Holtz müssen geschnitten seyn/ dann von Thannen/ Kiefer/ Pinbaumen oder Dosenholtz/ dann sich der Zucker an keinem Holtz eher candiert und anhencket/ als an der obgemelten Höltzer einem/ welches man leichtlich abnemmen kann an den Canditen/ als eyngemachten Wurtzeln und Früchten die man in die Tannen oder Pinbäumen Fäßlein thut/ daß sich der Zuckersyrup leichtlich darinnen anhencket und candiert/ welches in andern Geschirren selten unnd auch wenicher Geschicht.
            Es bereyten die Venetianer diesen Zucker mit dem refinirten Zucker/ der wird gleichwol weiß und schön/ dieweil aber der refinirt Zucker mit der Kalcklaugen gesotten und bereytet wirt/ nimbt er/ wie auch zuvor gemeldet/ ein scharpffe/ brennende oder hitzige Qualitet an sich/ derowegen derselbige in jnnerlichen Leibsschwachheiten nicht ohne Schaden zu gebrauchen ist/ soll derhalben dieser Zucker von dem schönsten Maderyzucker bereytet werden/ der wird eben so schön weiß als der von dem refinirten Zucker gemacht wird/ unnd ubertrifft auch denselben in der süssigkeit.

 

Von den Namen deß Zuckercandits.
            Der Zuckercandit/ wie er heutiges Tages an statt deß natürlichen Zuckercandits/ den die Alten gebraucht haben/ gemacht wird/ ist den alten unnd newen Griechischen Artzten unbekannt gewesen/ unnd gedenckt dessen keiner dann allein NICOLAUS MYREPSIUS. Lateinisch/ SACCHARUM CANDUM, SACCHARUM CANDIUM, CONDICUM unnd SACCHARUM CRISTALLINUM genanndt. Von HIERONYMO MONTUO, ZACCARUM unnd SACCHARUM LUCIDUM, unnd von HERMOLAO BURBARO, SACCHARUM CANTIUM. Hochteutsch/ Candizucker/ Zuckercandi/ Eißzucker unnd Cristallinzucker.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Candizuckers.
            Der Canditzucker ist warmer unnd feuchter Natur im ersten Grad/ sein Natur unnd Eygenschafft ist abzulösen/ zu weychen/ zertreiben/ zu laxieren und zu säubern. Der braun Zuckercandit ist hitziger unnd fast mit seiner Krafft unnd Tugend dem Honig gleich/ säubert mehr als der weisse/ der ist in klalten Gebrechen dienlicher/ unnd der weiß in hitzigen Gebrechen nützlicher.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Canditzuckers.
            Der Canditzucker dienet wider die rauhigkeit und schärpffe der Keelen unnd Brust/ vertreibt die heisserkeit/ dienet wider den Husten/ machet außwerffen/ reyniget die Brust und Lungen/ dient wider die Apostemen und Seitengeschwer/ in Speiß oder Tranck/ oder sonst gebraucht.
            Canditzucker mit külenden Säfften oder Wassern gebraucht/ leschet den Durst. Solchen aber vor sich selbsten allein gebraucht/ machet er Durst/ wiewol viel denselbigen zum Durstleschen gebrauchen/ aber sie werden geringe Hülff darvon befinden.
            Candelzucker im Mund gehalten/ unnd sittiglich zergehen lassen/ ist gut wider die Räuhe und Schrunden der Zungen/ und miltert die rauhe Keelen und Schlund.
            Canditzucker zu Pulver gestossen/ unnd mit dem Schleym von Psiliensamen temperirt wie ein Latwerglein/ benimpt den heissen und dürren Husten/ jederweilen einer Haselnuß groß sittiglich im Mund zergehen lassen/ und darnach mit Lüpfflein gemächlich hinein schleichen lassen.
            Wider den Husten so von scharpffen Hauptflüssen kompt: Nimb ii. Loth weissen Zuckercandit/ unnd i. quintlein Orientischen BOLUS, stosse diese Stück zu einem subtielen Pulver/ darvon nimb ein Löffel voll nach dem Nachtessen/ wann du wilt schlaffen gehen.
            Oder nimb weissen Zuckercandit/ deß besten Krafftmeels oder Amelmeels/ jedes ii. Loth/ mach ein subtil Pulver darauß/ vermischs darnach mit ein wenig Rosenwassers unnd süssen Mandelölen frisch außgeprest/ so viel genug ist/ zu einem dünnen Brustlatwerglein/ unnd gib dem Krancken deß Morgens unnd Abends/ deßgleichen auch under Tags/ jedesmal einer ziemlichen Haselnuß groß darvon. Solche Artzeney dienet auch den jungen Kindern wider den Husten/ so von subtilen Hauptflüssen kompt.
            Wider den Husten macht man herrliche gute Brustküchlein auß dem weissen Zuckercandit: Nimb deß weissen Zuckercandit/ schönen weissen Maderizucker/ jedes x. Untzen/ zu reinem Pulver gestossen/ gepülvert Amel- oder Krafftmeel ii. Loth/ weissen Traganth und GUMMI ARABICUM, jedes iii.quintlein/ in drey Loth guten Rosenwassers xxiiii. Stunden geweichet. Diese Stück alle soll man wol mit einem Stempffel in einem Mörselstein stossen/ und durcheinander arbeiten/ daß es ein dicke Maß oder Teyg werde/ darvon soll man dann runde Kügelein formieren/ und die mit einem Höltzlein/ darauff ein Rößlein oder Sternlein geschnitten/ drucken und zeichnen/ so werden schöne Küchlein darauß/ die soll man vor sich selbst lassen trucken werden/ und zum Gebrauch behalten. Diese Küchlein seynd fürtreflich gut zu dem Husten/ so man jederweilen ein par darvon nimbt/ und eins nach dem andern gemächlich im Mund zerschleiffen lässet/ unnd folgends sittiglich mit Lüpfflein lässet hinein schleichen.
            Oder: Nimb rein gepülverten Zuckercandit x. untzen/ weissen Maderizucker viii. untzen/ weissen außerlesenen Traganth in Rosenwasser xxiiii. Stunden erweychet/ anderthalb Loth/ rein gepülvert Veielwurtz i. Loth/ rein gestossens Amelmeel ii. Loth/ Alle gemeldte Stück soll man in einem Mörser wol durcheinander zu einem Teyg stossen/ darnach obgemeltermassen Küchlein darauß machen und gebrauchen.
            Sonst pfleget man wider den Husten gestossenen Zuckercandit in außgehülchte süsse Oepffel zu thun/ dieselben darnach in frischem ungeschmeltztem Buttern/ oder frischem außgepreßten Mandelölen zu siedenoder zu dämpffen/ unnd darnach den Hustenden zu essen zu geben/ dieses weichet wol/ unnd machet außwerffen/ ist eine Artzeney und Speiß nicht allein für die Alten/ sondern auch vor die jungen Kinder.

 

Eußerlicher Gebrauch deß Canditzuckers.
            Canditzucker zu einem subtielen Pulver gestossen unnd in die Augen gethan/ machet klare Augen/ unnd dienet wider alles was das Gesicht verfinstert.
            Wider die Flecken in den Augen: Nimb weissen Zuckercandit zu einem subtilen Pulver gestossen ein halb Loth/ vermisch darmit zwey Loth gedistillirts Honigwassers/ das im distillieren zum erstenmal herauß kompt/ darvon träuffe allen Tag zweymal in die Augen/ biß daß du gute Besserung befindest.
            Oder nimb eines oder zwey frischer Eyer/ die denselben Tag gelegt worden seynd/ lasse die hart in einer heissen Aeschen braten/ scheele sie darnach/ schneide sie in der mitte entzwey/ thue die Dottern herauß/ und fülle dieselben Lücken mit rein gepülvertem weissem Zuckercandit widerumb auß/ bind die Eyer widerum zusammen/ lasse die xxiiii. Stunden in einem messinen Geschirrlein in einem Keller stehen/ darnach druck sie hart durch ein leinin Tüchlein auß in das Becklein. Von demselben Wasser träuffe deß Tages i. mal oder vier/ jedesmal ein Tröpfflein in die geschädigten Augen. Wiltu diese Artzeney kräfftiger haben/ so thue in ein jedes Eye mit dem Canditzucker ein drittentheil eins quintleins gepülverten weissen Vitriol/ oder Galitzenstein.
            Ein andere unnd stärckere Artzeney mach also: Nimb deß weissen Canditzuckers ein halb Loth/ Meerschaum/ Rittersaltz/ jedes i.quintl. getriebenen Turien ein  halb quintlein. ,alle diese Stück soll man zu einem subtilen Pulver stossen/ unnd darvon täglichs Abends und Morgens/ jedesmal ein wenig durch ein Röhrlein oder Federkingel in die Augen blasen.

 

Zimmetcanditzucker.
SACCHARUM CANDUM CINNAMOMINUM.

 

            Man kann ein herrlichen und fast anmütigen Canditzucker machen/ allerdings wie man den obbemelten zu bereyten pflegt/ außgenommen daß man an statt deß gemeinen wassers gedistilliert Zimmatwasser nemme den Zucker darmit zu vermischen/ und gehet damit und allerdings wie oben davon gemeldet worden ist. Dieser Canditzucker ist in kalten Gebrechen der Brust unnd deß Magens fast dienlich/ machet wol außwerffen/ stärcket das Hertz/ Brust/ Lungen unnd Magen/ auff alle weiß gebraucht.

 

Blauwer Canditzucker oder Veielcanditzucker.
SACCHARUM CANDUM COERULEUM SEU VIOLACEUM.

 

            Es wird auch ein schöner$durchsichtiger$blauwer Canditzucker von dem Safft der blauwen Mertzenviolen auff folgende weiß gemacht: Nimb deß allerschönsten Maderyzuckers neun Pfund von zwölff Untzen/ oder sechs Pfundt zu xvi. Untzen/ daruber schütt so viel gedistilliert Mertzviolenwasser/ daß man den Zucker darmit zerlassen kann zu einem Syrup/ den laß sieden biß daß er fleuhet unnd man Täfflein darauß giessen möchte/ als dann geuß darzu xxxvi. Untzen frischen Mertzenviolensaffts von abgepflückten Violen/ wol gestossen unnd mit gedistilliert Violensafft außgepreßt/ laß widerub ein wenig sieden zu bequemer dicke/ den giesse darnach in ein zugericht jrrdin verglasurt Gefäß mit den Thänninen oder Dosenbäumen viereckechtigen Stecklein/ wie oben darvon gemeldet ist/ unnd handel gleichfalls damit/ so findestu ein sehr schönen Veielblauwen Canditzucker/ so du aber den schön durchsichtig und wolgeferbt haben wilt/ so thu zu dem obgemelten Violenwasser etliche tröpfflein Lemonen oder Citrinatsafft. Dieser Zucker dient wider den Husten und alle Gebrechen der Brust unnd Lungen von Hitz verursachet gleich wie der Violensyrup.

 

Rosencanditzucker.
SACCHARUM CANDUM ROSACEUM.

 

            Dieser Canditzucker wird von Maderyzucker/ gedistilliertem Rosenwasser unnd außgepreßtem Safft der roten Zuckerrosen bereytet/ allerdings wie der Violencanditzucker/ unnd er wirdt schön roth unnd durchsichtig/ sonderlich wann man ein wenig Citronen oder Limonensafft mit dem Zucker vermischt. Dieser Canditzucker ist zu allen Kranckheiten dienlich/ darzu der Rosensyrup oder Rosenzucker gebrauchet wird.
            So man auß dem Safft der Leibfarben Rosen ein Canditzucker machet/ also daß man den Zucker allein mit dem Rosensafft zerlässet/ und dann etliche Tröpfflein Citronen oder Lemonensaft darzu thut/ so wird der Canditzucker schön/ durchsichtig/ Leibfarb/ und bekommet darvon ein purgierende Krafft/ ist eine edle Artzeney vor blöde Menschen unnd junge Kinder/ sie damit zu purgieren.