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KANARIENGRAS

Phalaris canariensis - Gramineae

 


 

VON DEM CANARIENGRAß.

 

 

            Das Canariengraß oder Canarienkraut hat ein zasechtige/ kleine/ untüchtige Wurtzel/ die stösset viel knodechter Stengel oder Halmen herfür einer Elen hoch/ die vergleichen sich den Hälmern der Speltzen sampt den Blettern/ sie seyndt am Geschmack süß. Oben bringt ein jeder Stengel oder Halm/ ein langechtiges Aeher oder Köpfflein mit weissen Blümlein/ darauß folget hernach ein langechtiger Samen mit der Hirschen/ der ist außwendig und innwendig weiß. Dieses Gewächs wirdt allein bey uns in den Lustgärten gepflantzet/ dann es in Teutschlandt nicht von sich selbst wächset. Der Samen ist erstlich auß Canarien unnd Hispanien zu uns gebracht worden/ in welchen Orten er von sich selbst wächset/ deßgleichen in der Provintz Franckreich unnd Languedock.

 

Von den Namen deß Canariengraß.
            Der APOSTARAT AMARUS LUSITANUS (NON AMANDUS) sonst IOHANNES RODERICUS genannt/ hat fälschlich den Meerhirschen/ LITHOSPERMUM DIOSCORIDIS gehalten/ unnd menniglich in seinen COMMENTARIIS uber den DIOSCORIDEM wöllen uberreden/ aber dieser sein Jrrthumb darff nicht viel widerlegens/ dann nicht ein einziges Kennzeichen an dem gantzen Gewächs deß Meerhirschens ist/ das mit der Beschreibung deß Canariengrases ubereinkomme/ und wiewol der Samen dem Hirschen etlichermaßen gleich ist/ so ist er doch nicht kleiner/ sondern größer dann der Hirschen/ was dann die Speltzenhälmer und Bletter anlangen thut/ haben die Bletter deß Meerhirschen ein Gleichheit darmit wie das Kappeskraut mit dem Peterlein. Wann nun einer das Canariengraß mit der Description PHALARIDIS DIOSCORIDIS vergleichen und examiniren wirdt/ wirdt er müssen bekennen/ daß dieses Graß das rechte unnd wahre PHALARIS DIOSCORIDIS seye/ daran jme dann nicht eine NOTA oder Pünctlein fehlen wirdt/ nicht allein aber was die Form unnd Gestalt deß Gewächs/ sondern auch was die Kräfft/ unnd Tugendt die er DIOSCORIDIS dem PHALARIDI zuschreibet belangen thut/ ist derowegen unvonnöthen ein ander bekanntes Gewächs seines Namens zu berauben/ und fälschlich mit den Haaren an dieses statt zu ziehen. Canariengraß heiswset Lateinisch/ PHALARIS und PHALERIS, von den Kreutlern wirdt es GRAMEN CANARIENSE, und der Samen/ SEMEN CANARIENSE, unnd SEMEN HISPANICUM genannt. Hochteutsch/ Canariengraß/ unnd der Samen/ Canariensamen/ und Spanischersamen.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Canariengraß.
            Die Bletter/ der Samen und Safft deß Canariengraß/ sind warmer und subtiler Substantz und Eygenschafft. Der Samen aber ist heutiges Tages den mehrentheil im Gebrauch die wolsingenden Canarienvöglein damit zu erhalten/ die dieses Samens in jren Landen zur Speiß gewohnt haben.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Canariengrases.
            Der außgepreste Safft deß Canariengraß mit Wein oder Wasser getruncken/ sänfftiget die Schmertzen der Blasen. Seines Samens ein halb Loth gepülvert unnd gleicher Gestalt getruncken/ hat eben dieselbige Krafft unnd Wirckung.
            Etliche stossen den Samen zu Pulver und vermischen das mit Rocken oder anderen Meel/ backen brod darauß/ unnd gebens den jenigen zu essen die mit den obgemelten Gebrechen/ deßgleichen mit dem Grieß/ Stein unnd Nierenwehe beladen seynd.