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(ECHTER HAARSTRANG)
(Peucedanum officinale)


VON DEM SEUWFENCHEL

    Es hat der Seuwfencheleine lange/ grosse unnd dicke Wurtzel/ die ist ausswendig schwartz und innwendig weiss/ mit wenigen kleinen Zaseln behenckt/ die hat uber der Erden einen grauwen Bart wie die Seuwbürsten/ daher dann auch dieses Gewächs von dem gemeinen Mann den Namen Seuwfenchel bekommen hat. Durch diesen rauhen Bart oder Bürsten dringet herfür ein runder/ schmaler Stengel wie der Fenchel/ daran unden neben der Wurtzel/ viel Bletter bey einander fest gedrungen wachsen/ die seind grösser als die Bletter dess Fenchels/ den Zirbelbaum Blettern sich fast vergleichend/ aussgenommen dass sie linder und weicher seind. Oben am Stengel wie auch an den Nebenästlein gewint es schöne Cronen oder Dolder/ die seind voller Dottergeelen Blümlein/ wann die abfallen/ folget ein dünner leichter Samen wie der Samen dess Dillkrauts/ ist doch lenger. Die Wurtzel ist am Geschmack scharpff unnd bitter: die ist fast mühselig zu graben/ dann sie stehet sehr tieff unnd ist lang und gross. Jm aussgraben gibt sie von sich ein sehr starcken Geruch/ welcher das Haupt mercklich verletzt/ also dass einem schier geschwindet: derowegen die Alten gelehret/ wann man diese Wurtzel graben will/ dass man sich under der Nasen mit Rosenöl salben sol/ dem starcken Geruch widerstandt zu thun. Jm Herbst wann die Bletter unnd Kraut schier vergangen/ unnd im Frühling wann sie wider anfahen herfür zu kommen/ ist diese Wurtzel am aller kräfftigsten/ dann in solcher Zeit findet man an den Wurtzeln ein schwebelgeelen gestandenen Safft gleich dem Weyrauch/ unnd geschicht aber das sonderlich/ so die Wurtzel durch die Würm oder ander Ungezieffer/ oder aber sonst in andere Weg verletzt wirdt. Nach dem aussgraben wirdt diese Wurtzel schwartz/ dann sonst ist sie weissfärbig. Es wächset dieses kraut auff dem Donnersberg/ dessgleichen im Schwartzwaldt/ im Wassgaw/ auff dem Spessart/ Ydar unnd an dem Rheinstrom auff den Matten unnd Wäldten uberflüssig/ sonderlich aber umb Lauterburg im Stifft Weissenburg/ unnd umb die Churfürstliche Statt Oppenheim/ auff der Weyden/ wie man auff Meintz zu zeucht so uberflüssig/ dass man von diesen Orten gantz Europam genugsam darmit versehen köndte. Auff der gemeldten Weyden/ habe ich Wurtzeln aussgegraben die Arms dick gewesen/ unnd uber zwo auch in drey Elen lang.
    ll. Das ander Geschlecht ist so viel den Stengel und Bletter anlanget viel grösser unnd durchauss vollkommenlicher als das jetztgemeldtet/ die Wurtzel aber ist nicht grösser/ die Bletter aber seyndt viel lenger/ die bringet man zu uns auss ITALIA, ist sonst so viel den Geruch/ Geschmack/ die Krafft unnd Wirckung anlanget/ der unsern gleich. Sonst was den Schwebelgeelen Safft anlangen thut/ den die Wurtzel von sich giebt/ ist auch kein underscheidt under diesem und dem unsern.

Von dem Namen dess Seuwfenchels
    Der Seuwfenchel wirdt Lateinisch/ PEUCEDANUS oder PEUCEDANUM, BONUS GENIUS oder BONUS DAEMON, HERBA STATARIA genannt, unnd wie IANUS CORNARIUS will SATARIUM. Bey den Simplicisten heisset es PINASTELLA, oder PINASTELLUM,HERBA SULPHURATA, FOENICULUM PORCINUM, CAUDA PORCINA, und HERBA THURIS. Hochteutsch/ Seuwfenchel/ Haarstrang/ Schwebelwurtz/ Himmeldyll/ das ist ANETHUMCOELEITE, und Haarstrang.

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eigenschafft dess Seuwfenchels
    Der Sewfenchel ist warm und trucken im dritten Grad/ hat eine Krafft zu erwärmen unnd zu trucknen. Der Safft aber ist viel kräfftiger und stärcker als die Wurtzel/ wärmet derwegen auch mehr. Es werden nicht allein die Wurtzel und das Safft/ sondern auch das Kraut heutiges tags in der Artzeney gebraucht. Die Wurtzel behelt jhre krafft zwey Jahr/ der safft aber lenger.

Jnnerlicher Gebrauch dess Seuwfenchels
    GALENUS und DIOSCORIDES schreiben dass der Seuwfenchel den zähen Schleim und Gallen aussführe. Sol man derwegen die Wurtzel in Wein oder Wasser sieden/ und die durchgesiegenen Brühe dess Morgens und Abendts trincken. Solcher Tranck raumet auch die Brust/ löset ab den zähen Schleim in den Lungenröhren/ unnd machet den ausswerffen/ insonderheit so man diesen Tranck mit Honig süss machet/ und mit der Wurtzeln sieden lasset. Die Wurtzel zu Pulver gestossen/ unnd ein Quintlein mit Honigwasser oder Meth eyngenommen/ und warm getruncken/ wircket dessgleichen/ erwärmet die kalte Brust und ist ein fast heylsam Artzeney vor den alten Husten von kälte entstanden.
    Seuwfenchelwurtzel mit gleichem theil roher Gersten in Meth gesotten/ und von dem durchgesiegenen Tranck alle morgen unnd abendt vier Untz getruncken so warm es zu leiden ist/ dienet vor alle kalte Gebrechen der Brust und Lungen/ und reiniget dieselbige vom Schleim/ unnd allem anderm Unrath. So aber die Ursach gar von kalter Ursach kompt/ sol man die Gersten auss diesem Tranck lassen/ und Süssholtz an jhre statt nemmen.
    Seuwfenchelwurtzel in Wein den dritten theil eingesotten/ öffnet die Verstopffung der Lebern/ Miltz/ Nieren/ Harngäng und der Blasen/ treibt den Harn/ Griess und Schleim/ und dienet wider Harnwinde/ alle Morgen unnd Abendt ein ziemlich Becherlein voll warm getruncken/ unnd ein tag oder vier nach einander continuirt.
    Haarstrangwurtzel zu einem subtilen Pulver gestossen/ und ein Quintlein schwer mit Wein warm getruncken/ bricht den Lendenstein/ unnd führet denselben auss. Gemeldte Wurtzel in gleicher gestalt getruncken/ vertreibt das Magenwehe unnd die auffblehung der Lungen/ oder so einem die Lung (wie der gemein Mann sagt) in den Halss steigt/ und ist solches ein gewisse Artzeney darvor. Es verreibt auch den Schmertzen der Brust/ Lungen/ dess Zwerchfells/ der Hertzkammern und der Seiten.
    Gepülvert Sewfenchelwurtzel i.quintlein schwer von einem den die Pestillentz angestossen mit Wein getruncken/ so es jhnen mit einer Kält ankommen/ oder mit Essig so es mit Hitz kommen/ und sich darauff nidergelegt unnd geschwitzt/ treibt das Pestillentzisch gifft gewaltig durch den Schweiss auss.
    Wann ein Gaul nicht essen mag/ und purgirens vonnöthen ist/ so siede Sewfenchel in Wasser den halben theil ein/ darnach truck das Ktraut hart auss/ und seihe die gesotten Brühe durch ein Tuch/ unnd schütte dem Gaul sieben Tag lang/ jedesmal ein halb Mass darvon warm ein. Jst es aber im Sommer so zerschneide jhm das Kraut gar klein/ und gib jhm ein par guter Handvoll auff einmal mit dem Futter zu essen/ thue solches ein Tag oder etliche. Etliche stossen das gedörrt Kraut zu Pulver und vermischens mit warmem Wasser/ und schüttens dem Gaulm eyn.

Eusserlicher Gebrauch dess Sewfenchels
    Vor das schmertzlich unnd nagende Hauptwehthumb/ welches man den Hauptnagel/ unnd HEMICRANIAM nennet/ das ist/ so einem das Haupt nur auff einer Seiten wehe thut/ und ein grossen nagenden schmertzen darinn befindet/ als wann ein lebendiger Wurm oder Thier darinnen naget/ der neme Sewfenchelkraut/ stosse das mit Essig unnd Baumölen/ und legs warm wie ein Pflaster uber das schmertzhafftig Ort/ und erfrische es dess tags zweymal.
    Diwe unfruchtbare Weiber sollen die Haarstrangwurtzel klein schneiden/ darnach auff Kolen legen/ unnd den Rauch darvon durch ein Trechter in die Mutter empfangen/ das reiniget sie dass sie zu der Empfängnuss tüchtig werden.
    Der Geruch von der Wurtzel erweckt die Schlaffsüchtigen. Das thut auch
    so man die zu Pulver stösset/ mit Essig und Rosenöle temperirt und die Nasslöcher anstreich.
    Der Geruch dess Sewfenchels vertreibt die Schlangen und andere vergiffte Thier/ derwegen etliche die Wurtzel auff Kolen legen und bereuchen die Gemach und andere Orter damit/ da sie die Thier vertreiben wöllen/ die andern strewen das Kraut in die Gemach.
    Sewfenchel Bletter gestossen/ und in Wein und Baumölen gesotten/ und wie ein Pflaster warm ubergeschlagen/ unnd dess Tags etlichmal so offt es trucken/ widerumb erfrischet/ erweichet die erharten Leber und Miltz.
    Vor das Hauptwehthumb von Flüssen unnd kaltem schleim stoss Seuwfenchel mit Essig unnd Rosenöl/ druck den Safft durch ein Tuch/ und supp darvon in die Nasen.
    Ein ander Artzeney vor das Hauptwehethumb: Nimb gepülvert Seuwfenchelwurtzel/ gepülverten Myrrhen/ jedes i.Loth/ gepülverten Saffran/ dess auffgetruckneten Magsaatssafft OPIUM genannt/ jedes ein quintlein. Zerlass den Magsafft mit einem wenig Wssigs/ vermischs wol in einem Mörser durcheinander/ giess ein wenig Essig jedertweilen zu/ biss dass es wirdt wie ein Teyg: darnach formier kleine Kügelein darauss/ und lasse die trucken werden. Wann dass du die brauchen solt/ so zertreib deren ein Loth mit vier Loth Chamillenwasser unnd zwey Loth Essig/ netz ein zweyfach Tüchlein darinn/ drucks ein wenig auss/ unnd lege es warm uber die Stirn unnd beyde Schläff.
    Seuwfenchelbleter in Wasser gesotten/ unnd die kalen Ort da das Haar aussgefallen darmit gewäschen/ machet dasselbig wider wachsen.
        Seuwfenchelwurtzel in Baumölen und ein wenig Weins gesotten zu einem Pflaster/ und darnach auff ein Tuch gestrichen und ubergeschlagen so warm es zu leiden ist/ stillet das wütende Hüfftwehe.
    Seuwfenchelwurtzel zu Pulver gestossen/ und die Brosam von einem Rockenbrodt/ jedes ii.theil/ Korbfeigen klein geschnitten und zu Muss gestossen ein theil/ Zisererbsenmeel unnd Feigbonenmeel/ jedes ein theil/ alt Schweinenschmaltz ii.theil. Alle diese stück siede mit einander zu einem Pflaster/ streichs auff ein Tuch/ und legs warm uber die widerspennigen ungekochte Geschwer/ es bringt sie zur Zeitigung.
    Sewfenchelwurtzel gepülvert/ und mit Essig und Baumöl vermischt zu einem Pflaster/ und warm auff ein Tuch gestrichen ubergelegt/ stillet den Schmertzen der Spannadern.
    Die gedörrte Wurtzel vom Seuwfenchel zu Pulver gestossen/ und durch ein härin Sieblein geschlagen/ seubert die faulen alten Geschwer/ und heylet sie zu/ und zeucht die alten schiefferen von den Beinen herauss. Darneben wirdt sie auch nützlich vermischt in die Cerat und Pflaster die zu erwärmen bereitet werden.

Seuwfenchel oder Haarstranggummi oder Safft
PEUCEDANI LACHRYMA

    Es wirdt ein Safft (spricht DIOSCORIDES) auss dem Sewfenchel gesammlet/ auff diese weiss: Man verwundet die zarten Wurtzeln desselben/ und den Safft/ der darauss fleusset/ setzet man von stund an in den Schatten/ (dann in der Sonnen verschwindet er.) Dieser Safft wann er gesamblet/ macht er den Schwindel und Hauptwehethumb/ so man nicht vorhin das Haupt ,und die Nasen mit Rosenöle bestrichen hat/ die Wurtzel geröscht/ wirdt untüchtig. Man presst auch auss den gestossenen Stengeln unnd Wurtzeln dess Seuwfenchels einen Safft wie auss dem Alraun/ aber der Safft also aussgeprest wird/ ist unkräfftiger dann der aussfleuset/ unnd verleurt sein Krafft schneller. Man findet auch etwan an den Stengel und Wurtzeln dess Haarstrangs einen anhangenden unnd zusammen gewachsenen aussgestossenen Safft wie Weyrauch. Der allerbest Haarstrangsafft ist der welcher in SARDINIA unnd SAMOTHRACE gesammlet worden ist/ an der Farben rot/ eines starcken schweren Geruchs/ am Geschmack brennendt/ so viel DIOSCORIDES. Auff solche weiss/ köndten wir in Teutschlandt das Gummi oder Safft dess Seuwfenchels eben so wol haben und sammlen/ als die frembten Nationen/ Jst derwegen unvonnöten in SARDINIAM oder SAMOTHRACIAM darnach zu schicken/ sintemal wir dieses Gewächs also uberflüssig haben/ als eine Nation EUROPAE haben mag.

Jnnerlicher Gebrauch der Gummi oder Saffts dess Seuwfenchels
    Das Gummi oder Safft dess Haarstrangs mit einem weych gesottenem Eye eyngenommen/ ist er gut wider den Husten/ und ist denen dienlich die das Keichen und ein schweren Athem haben. Er vertreibt das Krimmen und die Auffblehung dess Leibes mit Wein getruncken. Dienet auch wider alle kalte Gebrechen der Brust und Lungen/ die mit zähem Schleim beladen seyndt: wider den schmertzen der Nieren/ vertreibet das tröpfflingen harnen/ fürdert der weiber zeit/ führet auss das Nachgeburt/ und verhütet Mutterschmertzen. Erweichet auch den Bauch/ und bringet sanffte Stuelgäng/ mindert das Miltz / hilfft kräfftiglich in der schweren Geburt/ es ist auch gut getruncken/ wider die schmertzen der Blasen und Nieren/ unnd öffnet die Geburtglieder.
    DIOSCORIDES schreibt/ so man den Safft dess Seuwfenchels eynnemmen will/ soll er mit bitter Mandelkernen/ oder Weinrauthen/ oder warmem Brodt/ oder Dillen zertrieben werden.

Eusserlicher gebrauch dess Gummi oder Saffts dess Seuwfenchels
    Der Safft dess Haarstrangs mit Essig und Rosenöl vermischt/ ist fast nutz angestrichen wider die Schlaffsucht/ Hirnwütigkeit/ Schwindel/ Fallendtsucht/ langwirigen wehthumb dess Haupts/ Lähmbde/ Hüfftwehe/ Krampff/ unnd in summa wider alle Gebrechen der Sennadern.
    Dieses Saffts Geruch erwecket die Frawen/ so von wegen der auffsteigenden Beermutter gefallen seynd/ dessgleichen die Schlaffsüchtigen. Der Dampff dess angezündten Saffts/ vertreibt die Schlangen. Mit Rosenöl vermischt ist er gut wider den schmertzen der Ohren darein getraufft. Er sänfftiget den schmertzen der Zähn/ in die holen Zähn gesteckt.
    Dieser Safft mit frischem aussgepresten Fenchelsafft der geleutert ist wie ein Augenwässerlein zertrieben/ ist ein nützliche Artzeney wider die Nachtblindheit/ je uber den dritten Tag/ etliche Tröpfflein in die Augen gethan.
    Gemeldter Safft mit geleutertem Fenchelsafft zertrieben/ unnd ein wenig dess auffgetruckneten Saffts LYCII darzu gethan/ bringet die wider zu recht die anfahen starrblindt zu werden/ täglich ein mal oder zwey etliche Tröpfflein in die Augen geträufft.

Seuwfenchel oder Haarstrangsaltz
PEUCEDANI SAL

    Auss dem Seuwfenchel machet man auch ein herrlich gut Saltz/ wie auss andern Kreutern unnd Wurtzeln/ wie du dann von dem Wermuthsaltz weitern bericht finden wirst. Das ist fürtrefflich gut zu dem Keichen unnd schweren Athem/ mit Wein oder sonst einem bequemen safft getruncken/ oder mit andern Artzeneyen ordenlich vermischt.

Seuwfenchels oder Haarstrangs gedistillirt Oele
PEUCEDANI OLEUM STILLATITIUM

    Man kann auch auss dem Fenchel ein herrlich Oele machen/ durch die Kunst der Destillation/ allerdings wie das Wermuthöle. Das ist zu allem innerlichen unnd eusserlichen Kranckheiten dienlich wie die hiebevor von dem innerlichen und eusserlichen gebrauch/ dieses Krauts erzehlet worden seynd. Jnnerlich mag man zwey oder drey Tröpfflein mit Wein/ oder einem andern bequemen Safft oder gedistillirten Wasser einnemmen/ oder aber mag mans mit Pillulen/ Confecten oder Latwergen vermischt gebrauchen. Eusserlich kann es gleichfalls mit andern Oelen/ Salben/ und dergleichen vermischt/ und zu den obgemeldten eusserlichen Mängeln gebraucht werden/ welches wir den DOCTORIBUS, MEDICIS und PRACTICIS wöllen befohlen haben.