1 / 539-541

GRASLILIE

Anthericum - Liliaceae

 


 

VON DEM ERDTSPINNENKRAUT „PHALANGIO“

 

 

            Deß Erdtspinnenkraut PHALANGIUM genannt/ haben wir iii. underschiedliche Geschlecht/ darzu auch das vierdte kommet/ welches MATTHIOLUS angezeiget/ aber doch nicht beschrieben hat.
            l. Das erste deß Erdtspinnenkrauts/ hat ein schmale/ kleine Wurtzel/ die sich von jhrem Haupt in etliche kleinere/ lange Würtzlein aufftheilet mit vielen kleinen Zaseln oder Härlein behenckt/ darauß wachsen breyte Schwertel oder Graßbletter die seyndt von Farben bleychgrün/ zwischen denselbigen stosset ein runder Stengel herfür/ dreyer Spannen lang/ der theilet sich oben in etliche Nebenästlein auß/ die sich weit von einander scheiden/ das eine hienauß unnd das ander dort hinauß/ daran wachsen im Heuwmonat schöne/ weiße/ sechsblätige Blümlein/ ein jedes an seinem besondern Stielgen/ den Lilien ähnlich/ doch seyndt sie mit mehr Schnitten abgetheilet/ gleich wie die Blumen der Affodillwurtz. Nach denen kommen kleine Köpfflein oder Häuptlein den Böllelein deß Leinsamens ähnlich/ welche wann sie zeitig werden/ thun sie sich auff/ darinnen findet man ein schwartzen7 breytechtigen Samen dem Leinsamen ähnlich/ außgenommen daß er viel kleiner ist7 der wird im Augstmonat zeitig.
            ll. Das zweyte geschlecht ist dem jetztgemeldten mit Blettern/ Blumen und Samen durchauß gleich/ deßgleichen auch mit den Wurtzeln/ außgenommen daß dieselbigen nicht mit Zaseln oder Härlein behenckt seind/ unnd daß der Stengel sich oben nicht in Aestlein oder nebenzweiglein außtheilet/ sondern die Blumen an seinem Stengel nach der Ordnung erscheinen gleich wie an der Affodillwurtz zu sehen ist. Beyde Geschlecht wachsen an den graßechtigen Hübeln und Bergen im Elsass und hin und wider gegen dem Gebirg am Rheinstrom/ etliche zielens auch in den Lustgärten.
            lll. Das dritte Geschlecht ist ein frembdes Gewächs/ hat viel kleiner/ dicker Würtzlein von jhrem Haupt herauß wachsen/ die Bletter seynd kleiner/ dicker und schmäler dann die Bletter der Affodillwurtz/ fast den Blettern der Graßnäglein ähnlich/ von Farben Liechtgrün. Mitten zwischen den Blettern stossen herfür fünff oder sechs/ bißweilen auch mehr bloßer Stengel/ anderhalb Spannen und auch bißweilen einer Elen lang/ nmit jhren Nebenästlein die es nicht gegeneinander/ sondern eines uber dem andern hat/ daran wachsen im Brachmonat schöne/ weisse/ gestirnte Blümlein/ den Blumen der Affodillwurtz ähnlich/ außgenommen daß sie kleiner sind/ welche so sie verwelcken/ so kommen hernach dreyeckechtige Schötlein/ die werden weißfarb so sie zeitig werden/ darinnen findet man im Augstmonat den zeitigen/ runtzelechtigen und dreyeckechtigen Samen. Dieses Gewächs wirdt bey uns in den Lustgätren getzielet/ unnd muß wol vor der Winterkält verwahret werden/ sonst verdirbt es und mag nicht auffgebracht werden. Jn der Provintz Franckreich/ Languedock/ deßgleichen in Hispanien wächst es häuffig von sich selbst/ dannenher uns auch erstlich der Samen von dem edlen Herren Henrichen von Wildtberg der Königlichen Mayestat in Hispanien Diener zugeschickt worden ist.
            lV. Das vierdte geschlecht hat der weitberühmpte MATTHIOLUS angezeiget/ unnd die Conterfeyt darvon gegeben/ unnd nicht beschrieben. Wiewol wir nun fleissig nachfragens dieses Gewächs halben gehabt/ haben wir es nie können bekommen/ auch nie einen erfahren können/ der solches Gewächs je gesehen hette/ derwegen viel zweiffeln ob es IN RERUM NATURA je gewesen seye/ unnd vermeynen daß es MATTHIOLUS selbst nie gesehen habe/ welches zu seiner Zeit gewisser an Tag kommen wirdt.

 

Von den Namen der Erdtspinnenkreuter.
            Es haben etliche das MOLY PLINIANUM auß diesem Gewächs machen wöllen/ so hat es aber kein bollechtige noch schwartze Wurtzel/ oder auch sonst ein einziges Kennzeichen daß sich mit der Beschreibung dieses Krauts MOLY, wie es von PLINIO und andern beschrieben worden/ vergleichen will/ derwegen die jenigen angelauffen und erstummet seyn/ die es vor das MOLY erstlich aussgeben haben. So wir aber die Description PHALANGII fleissig erwegen/ unnd mit diesem ersten Gewächs conferiren/ so erscheinet augenscheinlich darauß/ daß es das PHALANGIUM DIOSCORIDIS ist/ unnd sol uns das nicht hindern/ daß DIOSCORIDES deß PHALANGII Bletter nicht beschrieben oder derselbigen nicht gedacht hat/ sintemal sonst alle andere Kennzeichen mit diesem ersten Gewächs zuschlagen. Lateinisch/ PHALANGIUM, PHALANGIRIUM, PHALANGITES, unnd von VALERIO CORDO, LILIAGO, Von den Kreutlern aber wirdt es genannt/ CRINAGROSTIS und LILIUM GRAMINEUM, und Teutsch/ Graßgilglein/ oder Graßlilglein/wir habens Erdtspinnenkraut genannt/ dieweil es wie GALENUS bezeuget/den Namen PHALANGIUM daher bekommen hat/ daß es dienlich ist wider di Bißz der Erdtspinnen die man auch PHALANGIA nennet.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft dess Erdtspinnenkrauts.
            Das Erdtspinnnenkraut hat ein schleymechtigen und widerwillischen Geschmack/ und ist subtieler und durchtringender Substantz/ mit einer trucknenden Eygenschafft$und wird heutigs Tags nicht in der Artzeney gebraucht/ sintemal sie noch unbekannt seynd.

 

Jnnerlicher Gebrauch dess Erdspinnenkrauts.
            Dess Erdspinnenkrauts oder Graßgilgleinsbletter/ Samens und Blumen/ seynd gut in Wein getruncken/ wider der Scorpionen und Erdspinnen Stich unnd Bißz/ und vertreiben auch also genutzet das Krimmen.