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GEISSBLATT
Lonicera - Caprifoliacea


VON WALDTWINDEN

    Es werden der Waldträben etliche Geschlecht erfunden/ wie derselbige allhier sieben von dem Authore seyn vorgestellet:
    l. Das erste Geschlecht hat eine holtzechte Wurtzel jnnwendig weiss mit vielen andern Nebenwurtzeln. Auss derselbigen wachsen lange/ schmale unnd holtzechte Räben/ mit welchen sie sich umb die Bäum oder andere stauden umbwickeln: An den Räben wachsen weyche langlechte Bletter/ welcher je zwey gegen einander gesetzt seyn/ auff einer Seiten grün/ auff der andern aber etwas grawlecht (oder bleych wie an den Weiden:) Oben an den Räben oder deren Giepffeln kommen herfür viel weisse wolriechende langlechte Blumen/ jnnwendig hol/ etwas zertheilet/ unnd an einem Orth umbgebogen/ auss welcher Mitten etliche Fässlein herfür hangen. Wann die Blumen verfallen/ so folget die Frucht hernach gleich wie Träublein/ welche erstlich grün ist/ darnach roht/ wann sie zeitig worden/ in welcher ein harter Same erfunden wirdt.
    ll. Das ander Geschlecht uberkompt auch lange holtzechte Räben/ wie das vorige/ mit welchen es auch mit seinen Blettern uberein kompt/ aussgenommen dass sie an den Stiel gar zusammen wachsen/ anzusehen wie ein Fassboden: An den Räben bekompt es auch seine Blumen/ so sich mit den vorigen auch gantz unnd gar vergleichen/ allein dass sie kürtzer unnd geringer seyn (von Farb purpurweiss/ welche ehe sie sich dann auffthun sind sie rundt/ und der Bonenblüht nicht sehr ungleich/ und ist der Geruch an dieser etwas anmütiger/ dann der ersten:) Seine Bletter seyn den vorigen auch gleich/ doch etwas liechtröter.
    lll. Das dritte Geschlecht hat Stengel einer Spannen lang/ ein dünne schmale Wurtzel/ mit welcher es sich weit aussbreytet/ und ein gross Feldt einnimpt/ hin und wider mit kleinen zarten Faseln behencket: An den Stengeln wachsen gemeiniglich vier oder sechs/ gar langsam aber acht Bletter/ deren je zwey gegen einander gesetzt/ oben auss spitzig mit fünff Aederlein durchzogen: Oben am stengel wachsen herfür zwey andere Nebenästlein gleich neben einander gesetzet/ mit Blettern den untersten gleich/ aussgenommen dass sie an den Spietzen vier Bletter beysammen stehen haben. Mitten zwischen denselbigen beyden Zweyglein tritt herfür ein blosses nacketes Stielein ohne Bletter/ an welches Giepffel rohte Beerlein wachsen/ wie ein Trauben anzusehen.
    lV. Das vierdte Geschlecht ist dem ersten an Blettern und Blumen bey nahe gleich/ seine Aest seyn rundt unnd holtzecht mit einer weissen Rinden umbgeben: Die Blumen seyn etwas kleiner dann am ersten Geschlecht/ deren als zwo an einem Stielein hangen/ wann die Blumen verfallen/ so folget die rote Frucht hernach/ wie zwo rote Kirschen beysammen/ deren eine grösser ist dann die andere.
    V. Das fünffte Geschlecht haqt ein harte holtzechte Wurtzel/ auss welcher wenig und schwancke Aest wachsen/ mit einer weissen Rinden umbgeben: Die Bletter seyn etwas lang unnd zerkerfft am obern Theil von Farben grün/ auff dem Rücken aber ein wenig wollecht: Zwischen den Blettern kommen zarte Stielein herfür/ an welchen bissweilen ein/ bisweilen auch zwo kleine und zarte purpurbraune Blumen wachsen/ nach welchen zwey Beerlein erfolgen/ von Farben schwartz/ und Safftreych/ eines unfreundlichen Geschmacks.
    Vl. Das sechste Geschlecht ist ein nidriges Gewächs kaum einer Ehlen hoch/ seyne Aest seyn dick und weiss/ auch viel zäher dann an dem vorigen: Die Bletter seyn hart unnd spitzig/ den Lorbeerblettern gantz gleich/ oben grün und unten weiss/ an den kleinen langen Stielein wachsen zwey weisse Blümlein/ nach welchen die rote Frucht erfolget anzusehen wie ein Kirschen/ an jedem Stielein eine/ gar voll Saffts/ jnnwendig haben sie nur einen Kern.
    Vll. Mit diesem kompt das letzte Geschlecht gantz und gar uberein/ aussgenommen dass die Frucht ein andere Farb gewinnet. Sie werden an etlichen Orten in den Gärten gepflantzet/ wachsen auch von sich selbst auff den Bergen/ in Wälden unnd in den dicken Büschen unnd Haselstauden: Die Bletter kommen im Früling herfür: Die Blumen aber erscheinen im April/ bissweilen auch im Majo unnd Junio: Die Frucht wirdt im Herbst zeitig.

Von den Namen
    Waldtwinde/ wirdt auch genennet Specklilgen/ (Waldtlilgen) Zäunling/ Geyssblat/ (in Weichsen/ je länger je lieber: zu Nürnberg Rosen von Jericho. Lateinisch PERICLYMENUM/ MATRISYLVA/ VOLUCRUM MAJUS/ CAPRIFOLIUM/ LILIUM INTER SPINAS.

Von der Natur/ Krafft/ und Eygenschafft der Waldtwinden
    Die Bletter der Waldtwinden seyn eines scharpffen Geschmacks/ daher sie auch für warm unnd trucken gehalten werden/ (aber mehrertheils sindt nur die Blumen im Gebrauch.)

Jnnerlicher Gebrauch dess ersten unnd andern Geschlechts
    GALENUS schreibet/ die Bletter unnd die Frucht der Waldwinden seyn so hitziger Natur/ haben auch ein solche Krafft zu zertheilen/ dass sie den Harn so starck treiben/ dass auch das Blut mitgehe/ (wo man die zu viel jnnerlich gebraucht.)
    PLINIUS saget/ dass man den Samen am Schatten zu trucknen pflege/ und zu Küchlein mache/ wann man dieselbige dreyssig Tage mit Wein trincke/ so machen sie das Miltz geringer/ und treiben den blutigen Harn: DIOSCORIDES schreibt/ man soll von solchen Küchlein vierzig Tag trincken/ und alle Tag eines Quintleins schwer einnemmen.
    LEONHARDUS fUCHSIUS setzet auch/ dass die Waldwinden ein Krafft haben den Stein zu treiben und ausszuführen. Der Same wie auch die Bletter/ sollen denjenigen gut seyn/ so sehr keichen und einen schweren Ahtem haben.
    Es meldet auch DIOSCORIDES/ dass der Same der Geburt baldt abhelffe/ daher auch etliche das Wasser von dem Kraut brennen/ und den schwangern geberenden Weibern in Kindtsnöten (mit Lavandelsamen auff vier Loth) eingeben.
    (Es sollen die Bletter/ so man sieben und dreissig Tag darab trincke/ wie DIOSCORIDES schreibet/ unfruchtbar machen.)

Eusserlicher Gebrauch
    LEONARDUS FUCHSIUS meldet/ dass diss Kraut die faule unreine und feuchte Geschwä heyle und ausstruckne/ vertreib auch die Flechten und andere Unreynigkeit der Haut/ wie auch Flecken unter dem Angesicht.
    DIOSCORIDES schreibet/ wann man die Bletter in Oel koche und den Rückgrad darmit treibe/ (erwärme den gantzen Leib) so vertreibe es das Schaudern der Fieber.
    (Das etliche unbedachtsamerweiss dieses Krauts Bletter zum Gurgelwasser/ für die Breune und andere hitzige Versehrung dess Halss zu kochen pflegen/ ist ein schädlicher Fehler: wie auch nicht geringer dass jhrer viel auss den Blettern und rohen Treublein den Safft ausstrucken/ unnd für den Safft LICIAM/ welcher kület und hefftig zusammen zeucht/ verkauffen.
    Auss dem Safft der Bletter machen die Wundärtzte ein gute Salbe zu dem verwunden Haupt/ und Hirnschalen.

Von dem gebrannten Wasser/ auss dem ersten Geschlecht

    Wann die Blumen am volkommesten seyn/ wird ein heylsam nutz Wasser gebranndt/ welches zu stärckung dess Haupts/ sampt dem weissen Geäder/ sonderlich denen so zu dem Schlag geneiget sind/ gebraucht wird/ stillet das Hertzklopffen/ dienet der Brust/ schweren Athem/ Keichen und Husten/ etwan zum Tag einmal oder zwey/ jedesmal drey oder vier Löffel voll getruncken/ wie auch denen/ welche zu Nachts die Nachtmännlein mit hartem Trücken viel beleidigen: Benimpt die anfangende Wassersucht/ reiniget das Geblüt/ die Nieren/ Blasen/ Harngäng.
    Eusserlich wird es auch gebraucht/ dann die Augen wol darmit waschen/ benimpt die Flecken derselbigen: das Angesicht darmit gewaschen/ macht es schön und klar/ vertreibt die rhoten Blätterlein derselbigen.
    Mit Alaun vermischet/ und damit alte faule Wunden und Schäden erwaschen/ säubert sie/ und fürdert sie zur Heylung: mag auch zu den Fisteln und Krebs gebrauchet werden.
    Es ist auch ein kräfftige Brandtleschung/ die Glieder/ da der Schaden/ darmit gewaschen.)