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FELDSALAT - RAPÜNZCHEN
Valerianella locusta - Valerianaceae


VON DEM LÄMMERLATTICH.

 

    Der Lämmerlattich ist ein sehr gemeines und bekandtes Kraut in Teutschland/ hat ein kleines/ dünnes/ weisses Würtzlein/ mit etlichen Zaseln/ die Blätter/ wann sie im Hornung erstmals herfürkommen/ sind sie den Blättern des jungen Lattichs ähnlich/ Daumens breit/ lind/ weich/ und von Farben Liechtgrün. Im Mäyen wachsen von der Wurtzel etliche Stenglein/ die werden nicht viel über Spannen lang herfür/ daran die Blätter anfahen kleiner zu werden/ die theilen sich in Nebenzweiglein/ auf welchen kleine weißblaue Blümlein wachsen. Es wächst hin und wieder bey uns in den Feldern/ Weinbergen und Graßgärten.
    II. Das ander Geschlecht/ hat eine dickere und zasechtige Wurtzel/ die Stengel und Blätter sind dem vorigen gleich/ deßgleichen auch die Blümlein/ außgenommen/ daß dieselbigen durchaus vollkommenlicher und grösser sind/ zu dem sind die obersten Blätter ein wenig zerspalten/ welches an dem ersten Geschlecht nicht gespühret wird. Dieses wächst hin und wieder in mehr Orten sehr häuffig. Es haben beyde Kräuter ein guten anmühtigen Geschmack/ und werden in der Kost wie andere Mußkräuter gebrauchet.

Von den Namen des Lämmerlattichs.
    Der Lämmerlattich wird von etlichen unter die Baldriankräuter gezehlet/ derowegen wir denselbigen nachsetzen wollen. Es sind auch diese Kräuter von den alten/ so viel uns bewust/ nicht beschrieben worden. Dieser Lämmerlattich wird von den Kräutlern/ Lateinisch LACTUCA AGNINA, LACTUCA ARVENSIS, LOCUSTA, und GRATIA GALLINAE genannt. Hochteutsch/ Feldlattich/ Lämmerlattich/ Ackerlattich/ Lämmerweid/ das ist/ PASTUS AGNORUM, dieweil es von den Lämmern gern geessen/ und ihnen ein anmühtig Futter ist. Item/ Nieselkraut und Nösselgenkraut. [Rebtaressig/ Nitzleinkraut.]

Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft des Lämmerlattichs.
    Es werden beyde Geschlecht der Lämmerweide/ als den Aertzten und Practicanten unbekante Kräuter/ gar nicht in der Artzney gebrauchet/ haben eine Krafft und Eigenschafft zu erweichen und zu linderen. Innerlicher Gebrauch des Lämmerlattichs.
    Es werden der groß und klein Lämmerlattich heutiges Tages von männiglichen/ und sonderlich dem Baursvolck täglichen in der Küchen zur Speiß genützet/ fürnemlich aber den gantzen Winten über/ wann der Schnee abgehet/ und im Frühling biß zum Ende des Aprillens/ und so lang biß es anfangt seine Stengtel zu stossen. Darvon bereitet man gute Salät/ mit Essig und Baumöle/ in Ober- und Niderteutschland. In Flandern und Braband hab ich gesehen/ daß man den gantzen Winter über fast alle Abend/ von ihrem Feldcroppen oder Feldlattich ein Salat gegeben hat/ welcher Gebrauch bey uns auch gleichfals gemein ist/ und pfleget man gegen dem Frühling im Ende des Hornungs/ Mertzen und Aprillen/ die junge Rapüntzeln mit ihrem Kraut samt dem Lämmerlattich zu vermischen und gute Salät darauß zu bereiten.
    Lämmerweid in einer guten Rindfleisch oder Hammelfleischbrühen gesotten/ und warm getruncken/ lindert und erweichet den Bauch.
    Lämmerlattich in einer Fleisch- und Hünerbrühen ein wenig gesotten/ darnach gantz herauß in ein Zinnlein oder Schüsselein/ gethan/ ein wenig Agrests oder unzeitigen Traubensafft darüber geschüttet und geessen/ ist eine gute/ gesunde und anmühtige Speiß den Febricitanten/ und denen die ein widerwillen zu dem Fleisch haben/ es stärcket also genützet den Magen/ und erwecket den Lust zur Speiß.