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VON DEM RIEDTGRAß.

 

 

            Das Riedgraß ist ein Mittelgewächß/ oder ein Zwickdorn zwischen Ried oder Rohr und dem Graß/ das ist ein halb Rohr unnd ein halb Graßgeschlecht/ und dessen haben wir vier Arten und Sorten.
            l. Das erst und grösser Riedtgraß/ hat ein kriechende und ladernde/ zasechtige Wurtzel/ die Bletter seynd dem Riedt oder Rohr gleich/ auff beyden Seiten scharpffschneidend/ deßgleichen auch die Hölen gleychechtigen Stengel sampt den Aehren/ außgenommen daß sie allerdings kleiner sindt/ ist ein sehr gemeines unnd menniglich bekanntes Gewächß/ welches allenthalben an den Wassergestaden/ in den Brüchern unnd Sümpffen/ deßgleichen auch auff en nassen unnd feuchten Wiesen wächset.
            ll. Das zweyt Geschlecht ist dem jetztgemeldten mit der Wurtzeln unnd knodechtigen Riedtstengeln gleich/ die Bletter aber seindt breyter/ grösser unnd länger/ deßgleichen auch die Aehren seind vielfaltiger und weiter außgespreitet. Es wächset an feuchten orten und Sümpffen wie das vorig/ wirdt aber nit in so grosser menge funden.
            lll. Das dritte Geschlecht ist dem ersten Riedtgrass mit Wurtzeln/ Stengeln unnd Blettern durchaußgleich/ allein daß es aller dings kleiner ist/ unnd auff jedem Stengel nur ein eintziges langes Aehr hat/ so dargegen am andern biß in die ix. oder x. kleiner und kürtzer Aehr gesehen werden/ wächßt an obgemeldten Orten.
            Das vierdte Geschlecht hat eine kleine haarechtige Wurtzel/ die Bletter seindt schmal und lang und nicht scharpff wie deß Riedtgraß/ die Stengel etwas dünner als am Riedtgraß/ Am obern theil gewinnt es schöne/ straußechtige/ große Aeher/ kleiner als am Riedt oder Rohr/ Dieses Geschlecht deß Riedtgraß wächset auff den feuchten Aeckern under dem Getreydt/ und in den Matten oder Wiesen.

 

Von dem Namen deß Riedtgraß.
            Das Rohr oder Riedtgraß heisset Lateinisch CALAMAGROSTIS unnd GRAMEN HARUNDINACEUM. Hochteutsch/ Riedtgraß und Rohrgraß. Der Underscheidt aber der gemeldten vier Geschlechten seindt jhre Namen bey den Abrissen angezeigt.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Riedtgräser.
            Alle Geschlecht deß Riedtgraß werden gar nicht in der Artzeney gebraucht/ gleich wie bey den Alten auch/ so seindt sie auch zu der Mastung deß Viehes nicht dienlich/ dann es weder die Weydpferd noch das Rindtvieh jsset/ es treibe sie dann der grosse Hunger darzu. DIOSCORIDES schreibet LIB.4.CAP.26. wenn das Viehe graß esse/ so sterbe es darvon/ unnd sonderlich von dem das in der Landtschafft BABYLONIA bey den Wegen wachse/ welches wahrlich auch von unserm Riedgraß geschicht/ dann wann das Vieh besser unnd ander Weyde nicht haben kan/ unnd sie das Riedtgraß von wegen deß Hungers haben kan/ unnd sie das Riedtgraß von wegen deß Hungers essen müssen/ werden jhnen die Lefftzen/ die Zung/ der Mundt und Schlundt darvon also versehret und verwundet/ daß das Blut herauß lauffet/ wann jhnen nun das Blut in den Magen laufft/ blehet/ es den Leib auff und geschwellen davon/ darzu schleget eine grosse entzündung daß also deßwegen manchmal das Rendtvieh sterben muß. Es essen auch die Schaaff dieses Graß nit sie leiden dann grossen Hunger von wegen seiner säuwre/ unnd wann sie solches essen/ so bekommen sie einen grossen Durst/ werden mager unnd gerathen endtlich in die Schwindtsucht/ also daß sie davon sterben müssen/ welchs unsere Schäffer offtermals erfahren haben/ dieses alles kommet nit daher/ daß das Riedtgraß gifftig seyn solte/ dann es ein mittelmessig Natur unnd Eygenschafft hat/ zwischen dem Rohr und dem Graß/ sondern allein von der scheidende schärpff der Bletter/ darauß dann den Schaaffen gleichfalls oberzehlte Zufälle zustehen/ darvon sie sterben müssen/ unnd solle/ aber solches von den dreyen ersten Riedtgräsern verstanden werden. Dann das vierdte Geschlecht Ackerriedtgraß genannt/ wirdt ohn allen schaden von allem Vieh gessen unnd gibt demselbigen ziemlich gute Nahrung/ und hat lindere Bletter dann die drey vorigen Geschlecht/ zu dem ist es auch nicht sauwer.