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VON DEM WELSCHEN LIEBSTÖCKEL.

    Fleissige Aertzt die zielen den wahren LIGUSTICUM, das ist/ den Welschen Liebstöckel in jhren Gärten/ dass man denselben in der Noth zu den Artzeneyen gebrauchen möge/ dieweil derselbig den Teutschen MEDICIS wenig bekannt/ dann nun viel Jahr her der gemein Liebstöckel an statt deß wahren LIGUSTICI der Alten fälschlich ist gebraucht worden/ so kann man den wahren LIBYSTICUM der Alten wohl auß Jtalien die menig haben/ dessen viel darinnen/ und sonderlich in Ligurien wächset. Unsere Simplicisten und Kreutler die haben heutiges Tags drey Kreuter die sie alle LIGUSTICA nennen/ darunter aber nur eins ist/ welches DIOSCORIDES und die Alten beschrieben/ und dasselbig auch das wahr LIGUSTICUM ist.
  
l. Der erst Welsch Liebstöckel/ und rechte LIGUSTICUM DIOSCORIDIS, hat ein weisse Wurtzel eines Fingers dick/ und auch bißweilen dicker/ eines starcken wolriechenden Geruchs/ und ist gut zu essen/ dann sie am Geschmack lieblich/ mit einerzangerenden räse oder schärpffe. Es hat einen holen Stengel/ mit Gleychen der Dillen ähnlich. Die Bletter seynd schmal dem Honigklee oder den Blettern der Geyßrauthen gleich/ zu öberst deß Stengels und der Nebenzweyglein/ hat es Crönlein wie Schatthütlein/ den Crönlein der Beerwurtz ähnlich: darauff wächst ein feyster braunlechtiger Samen/ an der gestalt fast wie der Fenchelsamen/ am Geschmack zanger und scharpff/ eines lieblichen wolriechenden Würtzgeruchs. Dieses Kraut wächst viel in Jtalien/ in Ligurien auff dem Appenninischen Gebirg neben den Alpen/ daher es auch/ wie DIOSCORIDES bezeuget den Namen LIGUSTICUM von der Landschafft Ligurien empfangen hat.
  
ll. Das zweyte Geschlecht/ hat ein grawlechtige glatte wurtzel Fingersdick/ jnwendig weiß/ darauß wächst ein Stengel auff anderthalb Elen hoch/ der hat Gleyche dem Fenchel ähnlich. Die Bletter seynd tieff zerscvhnitten/ dem Bergsessel gleich/ seynd doch etwas breyter und runder. Oben am end deß Stengels und der Nebenzweyglein gewinnt es schöne Crönlein dem Cretischen Roßpeterlein gleich/ die bringen ein runden wolriechenden Samen/ der sich etwas auff ein Würtzgeruch neiget. Dieses Gewächß muß auch in diesen Landen in den Gärten gezielet werden/ dann es vor sich selbst nicht bey uns wächset: in den Lustgärten in Braband ist es fast gemein/ da ich es dann auch zu aller ersten bey dem Edlen Herren Johann Boysot gesehen hab/ der es auch neben andern frembden Gewächsen/ in seinem herrlichen Lustgarten zu Brüssel pflantzen lasset.
  
lll. Das dritte Geschlecht/ das hat gar kein Gleichheit so viel die gestalt der Bletter anlangen thut/ dann die Bletter sich dem Alexandrinischen Peterlein/ den man auch Roßpeterlein nennet/ besser vergleichen dann dem LIGUSTICO, sie seynd doch etwas grösser unnd lenger/ fast den Blettern deß Rüstbaums ähnlich/ außgenommen/ daß sie schmäler seynd. Der Stengel ist dick mit Gleychen/ gleich dem Beerenklaw/ oder Pastenach/ unnd bringet auch gleichfalls also seine Blumen auff Cronen wie die gemelte Gewächß. Die Wurtzel ist Daumes dick/ gleich wie die wurtzel PANACIS, eines räsen unnd scharpffen Geschmacks/ gleich wie auch der Samen. Es ist auch dieses ein frembd Gewächß/ welches bey uns in den Gärten allein zum Lust gezielet wird.

Von den Namen der Welschen Liebstöckeln.
    Der recht warhafftig erst beschrieben Welsch Liebstöckel/ ist das LIGUSTICUM DIOSCORIDIS. Lateinisch/ LIGUSTICUM, und LIBYSTICUM. Bey den gemeinen Aertzten und Apoteckern/ wird es mit einem zerstörten Namen LEVISTICUM genannt/ dardurch sie aber allwegen den gemeinen Liebstöckel/ welcher ein Geschlecht LASERPITI ist/ fälschlich verstanden haben. PLINIUS LIB.2.C.16. nennet es auch LIVISTICUM. Hochteutsch/ welscher Liebstöckel und Ligurierkraut.
  
ll. Die ander zwey Geschlecht haben noch zur zeit keine andere Namen/ dann das erst LIGUSTICUM ALTERUM HERBARIORUM, unnd LIGUSTICUM SESIFOLIUM genannt wird.
  
lll. Das ander Geschlecht/ LIGUSTICUM TERTIUM HERBARIORUM und LIGUSTICUM LATIFOLIUM.

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft dieser Kreuter.
    l. Das recht unnd erst LIGUSTICUM, hat ein Krafft zu erwärmen/ und ist warm im anfang deß dritten Grads/ und trucken im ersten. Darvon wirdt die Wurtzel und der Samen in der Artzeney gebraucht.
    ll. Das zweyt geschlecht/ ist in der Krafft und Wirckung mit allen Eygenschafften dem ersten gleich/ und kann wol ein Geschlecht deß wahren LIGUSTICI genennet werden.
  
III. Das dritt aber mit den breyten Blettern/ reymet sich mit dem LIGUSTICO gar nicht/ und ob wol diesem auch die Wirckung deß wahren LIGUSTICI zugeschrieben werden/ so gibt der Geruch und Geschmack Zeugnuß/ daß sie doch viel geringer seynd/ sintemal es in der wärmbde/ den zweyten Grad/ und im trucknen den ersten Grad kümmerlich erzeicht/ so ist es derowegen auch in der Wirckung so viel desto geringer.

Jnnerlicher gebrauch deß wahren LIGUSTICI oder Welschen Liebstöckels.
    DIOSCORIDES schreibet LIB.3.C.50. daßß die Wurtzeln und der Samen deß LIGUSTICI, nützlich werden eyngemacht/ unnd mit Essig zu den Sultzen behalten/ derowegen auch die Jnwoner der Landschafft LIGURIAE, den Samen dieses Gewächß an statt deß Pfeffers in jhrer Speiß und Gemüß gebrauchen/ wie dann solches noch auff den heutigen Tag gebräuchlich ist. Die Wurtzeln und der Samen seynd gut/ vermischt under den Artzeneyen/ die bereytet werden der Däuwung zu helffen/ dann sie helffen die Speiß wol abdäuwen/ unnd seynd dem Magen fast nütz. Sie seynd gut wider die Wehthumb der jnnerlichen Glieder/ wider die geschwulst unnd Auffblähung/ sonderlich aber deß Magens/ und wider der Schlangen und gifftigen Thier Stich und Bissz. Die Wurtzeln und der Samen getrunckne/ treiben den Harn und die Monatblumen der Weiber.
  
Ligurierkrautsamen gepülvert/ unnd ein quintlein dieses Pulvers mit weissem fürnem Wein zertrieben/ unnd warm getruncken/ zertheilet die Wind im Magen/ in dem Eyngeweid und der Mutter: Treibet auch vort den Harn/ wehret das tröpfflingen Harnen/ unnd fürdert die Monatblumen der Weiber. Der Samen und Wurtzel in Wein gesotten/ hat gleiche Wirckung.
  
Vor den Wehthumb deß Magens und der Därm von windigen Blästen herkommende: Nimb Ligurierkrautsamen zwey Loth/ Galgan klein geschnitten/ Zimmatrinden klein geschnitten/ jedes i.Loth/ und Zucker vi.Loth/ in einer Maß Weins drey Stunden lang in einer verschraubten Fläschen/ in einem Kessel mit Wasser gesetzt/ gesotten/ und darnach von dem durchgesigenen Tranck alle Morgen und Abend ein guten Bechervoll warm getruncken/ leget den Schmertzen deß Magens und der Därm/ zertheilet die Wind/ hilfft der Däuwung/ unnd stillet auch den Schmertzen deß Miltzes.
  
Die Bläst außzutreiben: Nimb Ligurierkrautsamen ii.Loth/ Zimmatrinden anderthalb Loth/ Muschatenblüth i.halb Loth/ stoß diese Stück zu Pulver/ und schlags durch ein härin Sieblein/ darnach so nimb xiiii.Loth Roßmarinblumenhonig/ laß ein wenig sieden biß es dickelechtig wird/ darnach vermisch das gemelte Pulver wol darmit/ so wird es ein Latwerg/ die behalt in einem Zuckerglaß oder Porcellanbüchsen. Brauch darvon Abends und Morgens einer Castanien groß.
  
Ligurierkrautsamen in Wein gesotten/ und Morgens unnd Abends ein guten Trunck darvon gethan/ vertreibet den Klux von Blästen verursacht. Das thut auch der gepülvert Samen mit Wein getruncken.
  
Auß der Wurtzeln macht man ein heylsame gute Saltzen/ die die Speiß im Magen wol hilfft abdäuwen/ und erwärmet/ und die windige Bläst zertheilet: Nimb Ligurierkrautwurtzel anderthalb Loth/ Galgan/ Pfefferkörner/ Bibernellenwurtzel/ weissen Jngber/ jedes anderthalb quintlein/ Liebstöckelwurtzel ein halbes quintlein. Stoß alles zu einem reynen Pulver/ und vermisch darmit drey Loth gestossenen Feinzucker/ und behalts in einem Büchßlein zum Gebrauch. Wann du nun ein Saltzen zu Fleisch oder Fischen haben wilt/ so thu ein Löffel voll oder zween in ein Schüsselein/ und zertreibs mit Bastart oder sonst einem gesottenen Wein/ so hast du ein gute gesunde Saltzen.
  
Oder nimb der Ligurierwurtzel ii.Loth/ Bibernellenwurtzeln der weissen die man auch Bockspeterleinwurtzel nennet/ anderthalb Loth/ weissen Jngber/ weissen Pfeffer/ Pfefferkümmel/ jedes ein halb Loth/ mach ein reyn Pulver auß diesen Stücken/ schlags durch ein Sieblein/ vermisch darnach Bastartwein oder ein gesottenen Wein auff ein halb Elsasser mass oder ii. Kremerpfundt darmit und behalts in einem Steininen oder jrrdenen Geschirr/ so hastu zu obgemeldten Gebrechen ein herrliche Magensultz. Du magst auch fünff Loth Zucker darzuthun/ so wirdt die Sultz dester lieblicher.

Eusserlicher Gebrauch deß Ligurierkrauts.
    Die grünen Bletter deß Ligurierkrauts gestossen/ und den Safft darvon außgedruckt/ darnach mit wein vermischt/ dient wider die Flüß der Augen/ dieselbigen offtermals damit bestrichen.
  
Die Bletter frisch gekewet/ unnd mit demselben Safft/ den Arßwolff so von reiten verursacht wirdt/ oder sonst von gehen oder andern ursachen herkommend/ offtermals bestrichen/ heylet denselben in kurtzer zeit.
  
Die Wurtzel ist fast dienstlich die verstandenen Monatblumen wider zu bringen/ so man dieselbig wie ein Mutterzäpfflein/ zu sich in die Scham thut.
  
Vor das auffstossen und ersticken der Beermutter: Nimb Ligurierkraut ii.theil/ Ysop/ Farnkraut/ Wermut/ jedes ein theil/ seude diese Kreuter in Wasser/ und legs zwischen zweyen Tüchern uber den understen Bauch biß zu der Scham/ unnd auff den Rücken auch eines gegen dem andern/ das thut viel guts.

Ligurierkrautwein
VINUM EX LIBYSTICO, oder LIBYSTICITES, oder LIGUSTICITES.

    Es haben die Alten dieses Weins von dem Ligurierkraut gar nicht gedacht. PLINIUS SECUNDUS aber LIB.5.AP.34. gedenckt dieses Weins/ und lobet den sehr wider das Krimmen/ von kält verursacht/ unnd nennet den LEVISTATUM VINUM. So einer nun lust denselben hette zu machen/ der mag den bereyten wie den Aniß/ oder Pfefferkümmelwein/ unnd den zu diesen Bresten gebrauchen. Dieser Wein wirdt ohn allen Zweiffel den Weibern den jhr Monatblumen verstanden fast dienlich sein/ dann wannman diesen Samen uber Nacht in Wein legt/ und darvon trincket/ so fürdert es die Monat zeit.