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WIESENRAUTE (KLEINE-)
Thalictrum minus - Ranunculaceae


VON DER WILDEN RAUTHEN ODER BERGRAUTHEN.

    Der Berg oder wilden Rauthen/ haben wir zwey unterschiedliche Geschlechte/ unangesehen/ daß DIOSCORIDES LIB. 3. CAP. 44. nicht mehr als eins beschrieben hat/ nichts desto weniger aber sollen sie beyd als ein Geschlecht unter die RUTAM MONTANAM gezehlet werden/ sintemal sie wahre Geschlechte der Rauthen sind/ und die zahme Weinrauthe nur der Grösse halben von diesen zweyen Bergrauthen unterscheiden wird/ so viel die Form und Gestalt deren anlangen thut/ und daß man die eine zielen muß/ und die anderen zwo in etlichen Orten in dem Gebirg von sich selbst ungepflantzet wachsen.
    I. Das erste Geschlecht und die wahre Bergrauth DIOSCORIDIS, hat eine dicke/ holtzechtige Wurtzel/ die überzwerch in der Erden sich außbreitet/ mit etlichen Nebenwurtzeln und vielen Zaseln/ die ist an der Farbe der zahmen Rauthenwurtzeln gleich: Was sonsten die Form und Gestalt anlangen thut/ ist sie der Weinrauthen in allen Dingen durchaus gleich und ähnlich/ außgenommen/ daß sie kleiner/ zärter/ und schmälere Blätter hat/ die am Geruch stärcker und unlieblicher/ und am Geschmack bitterer und schärffer sind. Die wächst in dem hohen Gebirg/ und sonderlich aber um Görlitz. In dieser unserer Landart wirds nicht gefunden/ dann allein in den Lustgärten. Es liebet einen schlechten steinechtigen Grund/ begehret kein feist gedüngt Erdreich/ gleich wie die Weinrauthe.
    II. Das zweyte Geschlecht/ hat lange/ holtzechtige Wurtzeln/ kleinen Fingers dick/ mit wenig Zaseln/ und ist der jetztgemeldten Bergrauthe in allen dingen durchauß fast ähnlich/ außgenommen/ daß sie viel kleiner ist/ und schmälere Blättlein hat/ von Farben falb oder bleichgrün/ eines starcken und schier stinckenden Geruchs/ und unlieblichen bitteren Geschmacks. Diese wächst in der Provintz Franckreich/ und in Languedock in grosser Menge von sich selbst/ aber in unserm Teutschland muß sie eben so wol als die zahme Weinrauthe gepflantzet werden. Sie liebet steinechtige und felßechtige Ort. Wann man sie aber in die Gärten pflantzen wil/ muß man Ziegelmeel und Aesche mit dem Grund vermischen/ so wächset sie freudig.

Von den Namen der Wilden- oder Berg-Rauthen.
    Das erste und grösser Geschlecht der wilden Bergrauthen/ wird Lateinisch/ PEGANUM MONTANUM, RUTA MONTANA und RUTA SYLVESTRIS MONTANA, von den Kräutlern zum Unterscheid der wilden Rauthen/ oder Hermelrauthe genandt. Die Wurtzel aber dieser wilden Bergrauthen wird Lateinisch/ MOLY MONTANUM genandt. Hochteutsch/ Bergrauth und Wildrauth/ oder Bergwildrauth. Und irren diejenigen nicht wenig/ die diese wilde Rauthe mit der Hermelrauthen vermischen/ und sie fälschlich Harmel oder HARMOLAM deuten/ welche Namen doch eigentlich dem folgenden Geschlecht der wilden Rauthen DIOSCORIDIS, HARMALA und BESASA genandt/ gebühren/ wie angezeigt werden soll in nächst folgendem Capitel.
    II. Das zweyte Geschlecht der Bergwildenrauthen/ wiewohl es von DIOSCORIDE nicht beschrieben ist/ so ist es doch ein wahres Geschlecht derselben/ und solle derowegen in keinen Weg von derselbigen abgescheiden werden. Dieses wird Lateinisch/ PEGANUM, und von THEODORO GAZA, RUTULA, von den Kräutlern/ RUTA MONTANA MINOR genandt. Hochteutsch/ klein Bergrauth/ und klein wilde Rauth.

Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der Bergrauthen.
    Die wilde Rauthe oder Bergrauthe/ die ist am Geschmack scharff und bitter/ dannenher sie eine Kraft hat abzulösen und zu zertheilen/ den groben/ dicken und zähen Schleim auch durch den Harn zu reinigen.Sie machet auch dünn und subtil/ und zertheilet die Winde/ und wird gerechnet unter die Artzneyen/ die kräfftiglich trucknen und erwarmen/ sie ist aber warm und trucken biß in vierten Grad/ derowegen sie in der Speiß zu gebrauchen vermitten werden soll/ dann sie ist von wegen ihrer feurigen Krafft schädlich/ und sonderlich aber thut sie wie AETIUS bezeuget/ der Blasen schaden/ welches billich auch von der kleinen wilden Bergrauthen soll verstanden werden/ sintemal wie ihr Geruch der stärcker und unlieblicher ist/ und der Geschmack der schärffer und bitterer ist/ auch ihre feurige Krafft genugsam zu verstehen geben/ daß solche allein ohne Gefahr nicht im Leibe kan gebrauchet werden. Die Bergrauthe wann sie blühet/ [spricht DIOSCORIDES] und einzumachen/ und zu saltzen abgebrochen und eingesamlet wird/ machet sie die Hände voller rother schwärender Blattern/ und blähet die Haut mit einem jucken und hefftiger Entzündung/ derhalben muß man forhin/ ehe dann man sie anrühret/ die Hände und das Angesicht mit Baumöle bestreichen/ er sagt auch darbey/ daß sie tödlich seye/ wann man deren zu viel in der Speiß gebrauche. Er meldet auch weiter/ daß die wilde Rauthe/ so in Macedonia vey dem Wasser OLCYMUM wächset/ geessen/ tödet von Stund an/ aber der Ort seye Bergechtig und voller Viperschlangen.

Innerlicher Gebrauch der Bergrauthen.
    Bergrauthen in der Speiß oder sonsten gebrauchet/ unterdruckt die unmässige Begird zur Unkeuschheit/ sintemal sie den natürlichen Saamen gar außtrucknet.
    Der Bergrauthensaamen wird nutzlich vermischet mit den Artzneyen/ die wider das Gifft einzunehmen bereitet werden/ ANTIDOTA genandt.
Bergrauth ist nutz getruncken wider die hinfallende Seuche und wider den schmertzen der Hüfft. Des gepülverten Saamens gibt man auff einmal 1. Quintlein mit Wasser zu trincken. Dann die wilde Rauthe ist dienlich wider alle kalte Gebrechen des Hirns/ und insonderheit wider alle fallende Kranckheit/ geessen oder getruncken/ woe solches ALEXANDER TRALLIANUS bezeuget und saget/ daß sie ein Principal sey wider die gemeldte Seuche. Etliche rahten/ unter welchen ALEXANDER BENEDICTUS der vornehmste ist/ daß man einem Menschen der mit dieser Seuche beladen ist/ auf die 6. Untzen des außgepreßten saffts auff einmal eingeben soll/ aber mich deucht/ der halbe Theil wäre zu einem mal übrig genug.
    Bergrauthen zu Pulver gestossen/ und bißweilen mit Saltz in anderer Speiß geessen/ erkläret und schärpffet das finster und dunckel Gesicht kräfftiglich.
    Wider das Keichen und schwärlich äthmen: Nim Bergrauthen 2. Loth/ Erdpech/ [ASPHALTI] ein Loth. Stosse die zu einem reinen und subtilen Pulver/ schlage es durch ein härin Sieblein/ und mache mit 9. Loth verschäumtes Honigs ein Lattwergen daraus. Darvon gebrauche des Morgens und Abends/ auch sonst wann es die Nothdurfft erfordert/ einer halben Castanien groß auff einmal.
    Bergrauthen zu Pulver gestossen/ und darvon genommen 1. Loth/ gepülverten lebendigen Schweffel/ 3. Quintlein/ solche soll man mit 6. Loth verschäumtes Honigs zu einer Lattwergen vermischen/ und darvon Morgens und Abends/ jedesmal 1. Loth sittiglich im Munde zerschmeltzen lassen/ darnach allgemächlich lassen hinab schleichen/ ist denen eine heilsame Artzney die Eiter außwerffen/ dann es reiniget die Brust und Lungen von dem Koder und Eiter.
    Bergrauthen zu Pulver gestossen/ und 1. Quintleins schwär mit einem Trüncklein Weins warm getruncken/ vertreibt das röpsen und auffstossen des Magens.
    Wider den Schmertzen der Leber: Nim Bergrauthen/ 1. Handvoll/ thue die in ein neuen wol gewässerten Hafen/ zuvor klein zerschnitten/ und schütte darüber 3. ächtmaß Wassers/ laß sittiglich bey einem linden Feuerlein den halben Theil einsieden/ seihe es dann durch ein Tuch/ und zerlasse darinn zwölff Untzen gutes verschäumtes Honigs/ und gib dem Krancken alle Morgen nüchtern 4. Untzen warm zu trincken/ so lange der Tranck währet/ darvon wird der Schmertzen sich legen/ er seye gleich hefftig wie er wolle.
    Wider den Schmertzen des Miltzes: Nim Bergrauthen/ 1. Handvoll/ zerschneide die klein/ schütte darüber ein halb Maß guten alten Wein/ seude es sittiglich über einem linden Feuerlein den halben Theil ein/ seihe es dan durch ein Tuch/ und trincke darvon alle Morgen nüchtern/ 4. oder 5. Untzen warm.
    Bergrauthensaamen ein wenig geröschet/ zu Pulver gestossen/ und sieben Tage lang getruncken/ ist denen gut/ die sich des Nachts im Schlaff beseichen/ und den Harn nicht behalten können. AETIUS gibt dessen auf einmal ein halb Loth. ALEXANDER BENEDICTUS gibts nur drey Tage nacheinander.
    Oer/ nim Bergrauthen/ seude die in Baumöle/ biß der Safft in der Rauthen verzehret ist/ darnach seihe das Oel ab/ und trinck 5. oder 6. Loth darvon/ wann du zu Bethe wilt gehen.
    Bergrauthenkrauth oder Saamen zu Pulver gestossen/ und 1. quintlein schwär mit Wein getruncken/ treibet aus den Lendenstein/ fürdert die Monatblumen der Weiber/ treibet aus alles Gifft/ und sonderlich wann einer des gifftigen Gummi von der Eberwurtz IXIA genannt/ eingenommen hätte. Ist auch denjenigen dienlich/ so aufgetrucknet Magsaamensafft/ OPIUM genant/ oder Wolffswurtzel geessen haben/ dann es benimmt ihnen ihre gifftige Schädligkeit/ dient wider die Biß der Vipernschlangen und der Zißmäus.
    Bergrauthensafft auf die 4. oder 5. Loth/ mit süssem Wein getruncken/ treibt aus das Bürdlein oder Nachgeburt/ und deßgleichen auch die todte Frucht.
    Bergrauthen zu einem subtilen Pulver gestossen/ und eines Quintleins schwär mit gesottenem Anißwasser getruncken/ und das etliche Tag nacheinander beharret/ hilfft wider das Hüfftwehe SCIATICA genannt.
    Wider das Grimmen der Pferde: Wann ein Pferdt das Grimmen im Leib bekommt/ so gib ihm 4. Loth wilden Rauthensaamen zu Pulver gestossen/ mit einem Quärtlein Weins zertrieben warm zu trincken: dienet auch den Rossen wann sie hartleibig sind/ und ihren natürlichen Gang nicht haben.

Eusserlicher Gebrauch der Bergrauthen.
    Bergrauthen mit Eßig und Baumöle gestossen/ und wie ein Pflaster temperiret/ mildert und leget den Schmertzen des Haubts/ über die Stirn gebunden.
    Bergrauthensafft mit gutem starcken Weineßig vermischt/ darinn ein Schwämmlein genetzet/ und denen so mit der Schlaffsucht beladen sind/ vor die Naser gehalten/ erwecket sie.
    Bergrauthensafft in Weibermilch vermischet/ Morgens und Abends/ jedesmal etliche Tröpfflein in die Augen gethan/ schärpffet das Gesicht wunderbarlich. Wil man aber diese Artzeney kräfftiger haben/ so soll man ein wenig Honig darmit vermischen.
    Wider die Flüß der Augen: Nim Bergrauthensafft und den Morgenthau/ jedes gleichviel/ vermischs wol durcheinander/ netze Tüchlein darinn/ lege die über die Stirn und zugethanen Augen.
    Wider den Schmertzen der Ohren/ der von Kälte seinen Ursprung hat: Nimm Bergrauthensafft/ 2. Loth/ Rosenöl/ Loröl/ Honig/ jedes 1. Loth/ gedistilliertes Römisches Kümmelöls/ 4. Tröpfflein/ vermischs durch einander/ un thu davon ein wenig warm in die Ohren.
    Wider die eitrige Geschwär der Ohren: Nimm wild Rauthensafft/ Honig/ Rosenöl/ jedes gleichviel/ vermischs und laß warm werden in einer Granatschalen/ und thue des Tages etlichmal ein wenig in die Ohren.
    Bergrauthensafft mit Eßig durcheinander temperiert/ dienet den Hirnwütigen Menschen/ das Haubt und die Stirn damit bestrichen/ oder aber leinine Tüchlein darinn genetzet/ und laulechtig übergelegt.
    Bergrauthen mit Böcken- und Rinderunschlit/ und Schweinenschmaltz wol durcheinander gestossen und temperiert wie ein Pflaster/ das zertheilet und verzehret die Kröpff so man es darüber leget/ und täglich erfrischet/ und es eine Zeitlang beharret.
    Bergrauthen in Wasser gesotten/ und wie ein Pflaster übergeschlagen/ vertreibet die kalte Geschwulst der Weiber-Brust/ so man es des Tages zweymal warm überschläget.
    Wider das Grimmen und Leibwehe/ von Kälte und windigen Blästen verursachet: Nimm Bergrauthen/ Chamillenblumen/ Wolgemuth/ jedes 2. Handvoll/ Pfefferkkümmel ein wenig in einem Mörser zerquetscht/ 1. Handvoll. Zerschneide die Kräuter und vermische die mit den andern Stücken/ fülle die in ein bequemes leinen Säcklein/ und reihe das Rauthenweiß mit einem Faden/ daß die Kräuter nicht zusammen lauffen mögen/ darnach laß auffsieden in halb Wein und Wasser/ presse das Säcklein mit zweyen Tellern hart aus/ daß es nicht mehr trieffe/ und legs warm über den Bauch: wann es nun kalt wird/ so wärme es wieder in der vorigen Brüh/ und thue wie vorhin. Du magst der Säcklein zwey machen/ und eins nach dem andern obgemeldeter massen gebrauchen.
    Bergrauthensaamen gestossen/ mit einem leinin Säcklein ein Mutterzäpfflein daraus gemacht/ darnach in Chamillen genetzet/ und zu sich in die Mutter gethan/ fürdert die Monatblumen der Weiber.
    Bergrauthenblätter mit den jungen Spreißlein von den Lorbäumen gestossen/ mit Wasser gesotten/ und darnach wie ein Pflaster warm übergelegt/ zertheilet und vertreibet die hitzige Geschwulst der Hoden.
    Bergrauthen mit Eßig gestossen/ heilet die Biß oder Stich der gifftigen Erdspinnen [PHALANGIORUM] wie ein Pflaster darüber gelegt.
    Wider die Stich der Scorpionen: Nimm Bergrauthen/ 1. Quintlein/ gar wol mit Eßig gestossen/ Pinnhartz/ 3. Untzen/ Wachs/ 2. Loth/ zerlaß das Pinnhartz und Wachs mit ein wenig Baumöl/ und vermisch die Rauthe damit/ daß es ein CORPUS werde wie ein Pflaster/ das streich dann auf ein Tuch und legs über den Stich.
    Bergrauthen vertreibet durch ihren starcken Geruch alle vergiffte Thier/ Schlangen/ Natern/ und ander Ungezieffer aus den Gärten/ da sie hingepflantzet oder gestreuet wird. AETIUS schreibet/ so einer sich mit dem Berg- oder wilden Rauthensafft anstreiche/ der soll von keinem vergifften Thier mögen geschädigt oder gebissen werden/ so er es gleich mit den Händen angriffe.
    Es sollen die Katzen/ Füchs/ Marder/ oder andere dergleichen Thier/ kein Huhn anrühren/ so man den Hünern wilde Rauthen unter die Flügel bindet/ wie APHRICANUS bey dem CONSTANTINO LIB. 14. C. 1. bezeuget.
    Bergrauthen in die Kisten zwischen die Kleider gelegt/ bewahret dieselben/ daß sie von den Schaben und Würmern nicht gefressen oder geschädigt werden.

Wild Bergrauthenwein.
PEGANITES EX RUTA SYLVESTRI MONTANA.

    Des Weins von der wilden Bergrauthen/ gedencket weder DIOSCORIDES, noc h einiger von den alten Griechischen und Lateinischen Lehrern/ ausgenommen MARCELLUS EMPIRICUS, gendencket dessen LIB. MEDIC. CAP. 20. und preiset den wider den erlöcherten Magen. Sonst möchte er auch den Ordensleuten/ die Keuschheit zu halten gelobet und geschworen haben/ dienstlich und nutz seyn/ sintemal er nicht allein die Begierd zur Unkeuschheit hinweg nimmt/ sondern er trucknet auch den natürlichen Saamen gar aus. Wer nun Lust hat/ der mag denselben im Herbst/ wie ein andern Kräuterwein bereiten lassen: Unsere Weiber achten dieses Prachts gar nicht/ sie trincken lieber Salbeyen/ und andere gute Rheinische Wein darfür.