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STRAND-ZAUNWINDE
Calystegia soldanella - Convolvulaceae


VON MEERWINDEN

   Die Meerwinde wirdt auch unter die Geschlecht der glatten Winden gerechnet/ hat ein runde [lange] dünne Wurtzel/ auss welcher schmale/ dünne und rotlechte Reisslein wachsen/ so sich auff der Erden hin unnd wider aussbreiten: An den Reisslein wachsen lange Stielein/ daran glatte/ breyte/ liechte unnd rundtlechte Bletter stehen/ den Blettern dess Ephews beynahe gleich/ aussgenommen dass sie runder seyn/ [unnd Milchsafftig] Die Blumen scheinen etwas Purpurrot/ anzusehen wie Glöcklein/ daher es auch von etlichen CAMPANULA MARINA genennet wirdt. Der Same ligt in runden Schöttlein welcher etwas schwartz ist. Das Kraut hat einen bittern und gesaltzenen Geschmack.
    Es wird diss Kraut an den Ufern dess Meers funden/ nicht allein in Welschlandt und Franckreich/ sondern auch in Hollandt/ Seeland und andern Orten mehr: Blüet den Sommer auss.

Von den Namen
    Meerwinde wirdt genennt Lateinisch SOLDANELLA, und SOLDANA, CONVOLVULUS MARINUS, CAMPANULA MARINA. Andere wöllen diss Kraut auch BRASSICAM MARINUM nennen/ welches etliche improbiren.

Von der Natur/ Krafft/ unnd Eygenschafft der Meerwinden
    Der scharpffe/ bittere/ unnd gesaltzene Geschmack dieses Krauts/ gibt gnugsam zu verstehen/ dass es warmer unnd truckner Natur sey/ auch biss in dritten Gradt.

Jnnerlicher Gebrauch
    Es schreibt DIOSCORIDES, dass diss Kraut dem Magen gar schädlich sey/ von wegen seiner Schärpffe/ darmit es denselbigen beleydige: Derowegen es jederzeit mit guter feyster Fleischbrühe soll gekocht werden.
    Es wird diss Kraut sonderlich gerühmet wider die Wassersucht/ dann es treibet die wässerige Feuchtigkeit mit Gewalt durch den Stuelgang/ [sonderlich aber so mans mit RHABARBARA braucht:] Darzu man dess Pulvers ein Quintlein mit Wein einnemen kann/ wie es FERNELIUS vermeldet/ oder aber dz Kraut und die Blettlein in einer feysten Fleischbrüe kochen/ unnd etwas darvon essen/ [oder mit Zucker oder Honig abbereiten/ und ein ziemlichen Trunck thun.
    Etliche stossen das gedörrte Kraut zu Pulver/ und geben dieses Pulvers zwey oder drey Quintlein in einer Hünerbrüe ein: aber man soll gestossene Zimmetrinden darzu thun: andere zhun RHABARBARA und Cubeben darzu/ und gebens mit Wein ein.
    So kan man auss dem Pulver Pilulein formiren/ unnd deren ein halb Loth verschlucken.]
    Etliche bereiten das Kraut mit Oell/ Saltz und Essig wie einen Salat/ unnd essen etliche [fünff oder sechs] Bissen darvon/ die ubrige wässerige Feuchtigkeit darmit auss dem Leib zu führen.
    [Etliche schreiben/ es sey mit diesem Kraut vielen/ so das drittäglich Feber gehabt/ geholffen worden.]
    Aber es meldet DODONAEUS, dass man mehr Schadens dann Nutzen von solchem purgieren uberkomme/ derowegen diss Kraut nicht leichtlich zu gebrauchen ist/ gehört auch nit für junge/ alte/ oder schwache Personen/ sondern für die allein/ so starck unnd wol vermöglich seyn.
    Es meldet auch LOBELIUS, dass diss Kraut innerlich genützet/ viel reissens unnd Winde verursache/ derowegen man jederzeit ein wenig Muscatenblüt und Zimmetrinden gebrauchen soll.

Eusserlicher Gebrauch
    GALENUS meldet/ dass diss Kraut uber das den Stuelgang errege/ auch von wegen seines scharpffen und gesaltzenen Geschmacks/ eusserlich wider alle Gebresten könne gebraucht werden/ darzu auch andere Kräuter/ so dergleichen Natur seyn/ genützet werden.
    Wenn man das Kraut in Wasser seudet/ mit Honig vermischet/ unnd uberlegt/ heylet es allerley umb sich fressende Schäden.
    Das Kraut mit Honig und Essig zerstossen/ unnd nach dem Badt angestrichen/ heylet es die Räude und Krätze der Haut/ auch kan man ein wenig Alaun darzu thun/ wirdt es desto stärcker.

Von Meerwindsafft/ und seinem jnnerlichen Gebrauch

    Auss dem frischen Safft der Meerwinden/ kan man auch einen Safft pressen unnd uberkommen/ wie bey dem Wermuth safft ist gelehret worden.
    Dieser Safft wird auch gebraucht/ die ubrige wässerige Unflätigkeit auss dem Leib zu treiben.
    FERNELIUS meldet/ dass man desselbigen Saffts ein halb Untz köndte einnemen/ den Stuelgang darmit zu bewegen: Man soll jhn aber nicht allein/ sondern mit Wein oder einer feysten Hünerbrüe einnemen: Jedoch man gebrauche jhn/ wie man wölle/ so thut er dem Leib schaden.

Eusserlicher Gebrauch dess Saffts
    Meerwindensafft mit Honig unnd Wasser vermischt/ und in die Nasslöcher gethan/ reinigt und purgiert das Haupt unnd Hirn: Doch soll man es mit Bescheidenheit gebrauchen.
    Dieser Safft mit Eruenmeel und Honig vermengt und angestrichen/ reiniget und säubert die Haut/ vertreibet die Räude und Krätze derselbigen.
    Es ist auch dieser Safft gut zu den alten unreinen und unsaubern Schäden/ frisch unnd rein zu behalten.