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STEPPENRAUTE
Peganum Harmala - Zygophyllaceae


VON DER HERMELRAUTHEN

    Es ist die Hermelraute auch/ als ein fremder Gast zu uns in Teutschland kommen/ und sehr wenigen bekannt. Sie hat eine dicke/ lange und schwartzlechtige Wurtzel/ die ist mit vielen Nebenwurtzeln behenckt/ und deren wachsen herfür vier oder fünff Stengel/ die werden selten über einer Spannen lang/ welche mit tieff zerschnittenen Blättern der kleinen Bergrauten gleich zerspalten sind/ sind doch länger als dieselbige und schmäler/ eines starcken und schwären Geruchs. An den Gipffeln der Stengel/ kommen weisse Blumen von fünff Blätteren/ wann die abfallen und vergehen/ folgen hernach dreyeckechtige Häubtlein oder Knöpfflein/ die sind grösser dann die Knöpfflein der Weinrauten/ die sind mit scharffen/ subtilen/ haarechtigen Blättlein überzogen/ darinn liegt der Samen verschlossen/ der ist dreyeckechtig/ von Farben braunroht/ eines bitteren Geschmacks/ wie auch das gantze Kraut. Es wird auch bey uns in den Lustgärten gezielet/ wächst von sich selbst in CAPPADOICA un GALATIA, wie DIOSCORIDES LIB. 3 CAP. 45. bezeuget/ und soll erstlich von Constantinopel zu uns in dieses Land geschickt worden seyn. Ich hab es erstlich zu Brüssel in Braband/ bey Herren JOHANNE BOYSOTO gesehen/ welcher mir auch des Saamens davon mitgetheilet.

Von den Namen der Hermelrauten.
    Wir haben Gott dem Herren höchlich zu dancken daß die Hermelrauten auch bey uns in EUROPA und sonderlich in unserem Teutschland bekant werden will/ sintemal nun Gott erbarms/ so viel Jahr her von unseren unerfahrnen Aertzten/ und sonderlich von den Calenderschmieden/ des Dollkörffels oder Wüterichkrauts Saamen/ welches ein tödlich Gifft ist/ vor den Saamen der wahren Hermelrauten in die COMPOSITIONES fälschlich ist vermischet worden/ derowegen sich nicht höchlich zu verwundern ist/ daß man dasselbige mit denselben Artzneyen nicht außrichten können/ das ihnen von den alten Aertzten ist geschrieben worden. Der Anfänger dieses Irrthums aber ist gewesen der Außleger AVERRHOIS, welcher 5. COLLIGET das Wort ALHARMEL, welches die Hermelraut ist/ oder die recht und zweyte wilde Raut DIOSCORIDIS, die er auch HARMALAM nennet/ Schirling oder Dollkörffelsaamen außgeleget hat/ welcher Irrthum billich dem gemeldeten Außleger/ und nicht dem AVERRHOI gegeben werden soll/ dann er setzet gleich hernach/ daß der Schirling oder Dollkörffel warm und trucken seye im dritten Grad/ welches DIOSCORIDES, SERAPIO, AVICENNA, und alle andere Griechische und Arabische Lehrer der Hermelrauten/ ARMALA oder HARMEL [wie es die Araber nennen/] samt anderen ihren Würckungen zuschreiben/ daraus man leicht abnehmen kan/ daß AVERRHOES nicht den Schirling/ sondern die rechte RUTAM SYLVESTREM, die man HARMOLAM, und SERAPIO und AVICENNA ALHARMEL und HARMEL nennen/ gemeinet habe/ dann der Schirling ist kalter Natur biß in den vierdten Grad/ also daß er auch von wegen seiner Kälte den Menschen tödtet/ wie DIOSCORIDES das bezeuget/ und viel Menschen solches mit ihrem Schaden zu unserer Zeit erfahren haben/ derowegen solte der INTERPRES AVERROIS, RUTAM AGRESTEM (HARMALAM NUNCUPATAM) vor das CICUTAM gesetzet haben. Diesen Irrthum haben nachmals behalten/ MATTAEUS SILVATICUS, der Autor PANDECTARUM, JACOBUS MANLIUS, und QUIRICUS DE AUGUSTIS, die AUTHORES LUMINIS MAJORIS, und LUMINIS MINORIS, oder vielmehr LUMINUM MALE LUCENTIUM, die alle miteinander das Wort ALHARMEL oder HARMEL der Araber/ den Saamen des Schirlings fälschlich ausgeleget haben/ welchen Irrthum unsere Calendermacher und Apothecker behalten haben/ und wiewol etliche gelehrte Männer zu unser Zeit/ diesen Irrthum gemercket und gestraffet/ und die Bergrauten oder das erste Geschlechte der wilden Rauten/ das ist/ RUTAM MONTANAM DIOSCORIDIS, das Harmel der Araber zu seyn fälschlich gemeinet haben/ und darinnen auch geirret/ so ist doch dieser Irrthum nicht schädlich/ allein daß die Bergraut eines Grads hitziger ist/ als die Hermelkraut/ dann dieselbige warm und trucken ist im dritten Grad/ wie die Weinraut/ derwegen man viel besser thäte/ wo man den Hermelrautensaamen nicht haben könte/ wiewol er den gemeinen Aertzten/ und auch den Apotheckern nicht bekannt ist/ daß man den Weinrautensaamen allerwegen vor das HARMEL, in die PILULAS DE HERMODACTYLIS und FOETIDAS genommen hätte/ biß der Saamen der Hermelrauten besser bekannt wird/ und man denselbigen haben kan. Daß aber ALHARMEL oder HARMEL der Araber/ weder der Wüterich/ oder aber auch der wilde Bergrauten der Araber nicht seye/ sondern das zweyt Geschlecht der wilden Rauten DIOSCORIDIS die auch von ihme HARMALA genennet wird/ bezeugen SERAPIO LIB. SIMP. CAP. 337. und AVICENNA LIB. 2. TR. 2 CAP. 671. Da sie beyde unter dem Wort SUCHARAM, welches CICUTA oder Schirling ist/ von der HARMEL unterscheiden/ und den Schirling besonder beschrieben/ als ein besonder Gewächs/ das gar keine Gleichheit oder Gemeinschafft/ beyde die Gestalt und Würckungen betreffend/ mit dem HARMEL hat. Und ferner SERAPIO in gedachtem Buch CAP. 275. und AVICENNA CAP. 338. beyde aus der Authorität DIOSCORIDIS, die Hermelraut samt ihren Kräfften und Tugenden beschreiben und anzeigen/ daraus dann beyde obgemeldte Irrthumme so klärlich zu sehen wie die helle Sonn um den Mittag.
    Die Hermelraut wird Lateinisch genennet/ PEGANUM SILVESTRE, RUTA SYLVESTRIS GALATICA, HARMALA, BESASA, MOLY GALATICUM, MOLY ASIATICUM, MOLY CAPPADOCIUM, von den Kräutlern/ MOLY GALENI, MOLY PAULI AEGINETAE, und RUTA TURCICA. Hochteutsch/ Hermelraut und Türckischraute.

Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der Hermelrauten.
    Die Hermelrauten ist warm und trucken im dritten Grad/ und hat eine Krafft und Eigenschafft subtil zu machen den zähen und dicken Schleim/ und den Harn zu treiben.

Innerlicher Gebrauch der Hermel-Rauten.
    Wider die Fallendesucht ist der Hermelrautensaamen ein fürtreffenliche Artzney/ wie die Arabischen Aertzt ALBASARI und HABIX, bey dem SERAPIONE C. 275. bezeugen/ so man fünffzehen Körner mit reinem süssen Wasser abwäschet/ wiederum 8. Loth fliessend Wasser daran geusset/ wol in einem Mörser zerstosset/ und durch ein Tüchlein seihet. Darnach das abgesiegen Wasser mit 4. Untzen verschäumtes Honigs/ und 2. Untzen Sesamöls vermischt/ das machet sehr kotzen/ und dienet wider die obgemeldte Seuche/ vor allen andern Artzneyen/ wie ALBASARI bezeuget.
Es soll auch der Saamen der Hermelrauten die melancholische Feuchten/ sampt dem zähen Schleim durch den Stulgang ausführen.
    ABUGERIG auch ein Arabischer Artzt schreibt/ daß der gemeldte Saamen speyen mache/ und denjenigen der ihn trincket/ truncken mache als wann er vom Wein truncken worden wäre/ derowegen ist er auch denen gut die Liebe geessen/ oder denen mit Lieb vergeben ist worden/ sintemal er dieselbigen schlaffen macht/ so man dieses Saamens ein halbes Quintlein/ biß auf 1. Quintlein gepülvert mit einem Trunck einnimmt.
    Es soll auch dieser Saamen den Melancholischen/ die mit schwären Fantaseyen umgehen/ dienstlich seyn/ und solle das Geblüt reinigen.

Eusserlicher Gebrauch der Hermelrauten.
    Wider die langwierigen Wehethum des Haubts/ brauchet das Bauernvolck die Hermelrauten/ wie AETIUS bezeuget/ sie sieden dieselbige in Wasser/ und wäschen das Haubt damit. Man möchte auch Tücher in dem gemeldten Wasser netzen/ und warm wie ein Uberschlag über die Stirn und beyde Schläff legen/ oder das gesotten Kraut über das Haubt warm schlagen.
    Hermelrauten gestossen/ und den Safft davon ausgedruckt/ und denselben wann er sich gesetzt hat/ mit Honig vermischt/ gibt ein edel Augenwasser die Flecken derselben zu vertreiben/ so man des Tages etlichmal etliche Tröpfflein darein thut.
    Wider die Wassersucht: Nim Hermelrautensaamen 14. Loht/ Weyrauchbröcklein/ 7. Loth. Stosse diese zu einem subtilen Pulver/ und temperier sie mit genugsamen Schweinenschmaltz zu einem Pflaster/ streichs auf ein Tuch und legs über den gantzen Leib/ es verzehret die wässerige Geschwulst.