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SPORNBLUME (ROTE-)
Centranthus ruber - Valerianaceae


VON DEM ROTEN BALDRIAN.

    Der rohte Baldrian hat eine lange/ runde Wurtzel/ Fingers dick/ von Farben weiß und wolriechend/ die Blätter sind den Blättern des Splitspettels ähnlich/ doch ein wenig breiter/ spitzer und länger. Der Stengel wird Ellen hoch und höher. Am Oberntheil der Stengel/ deßgleichen an den Nebenzweiglein/ bringet es im Ende des Brachmonats viel schöne Blumen/ Doldenweiß/ von Farben schön liechtroth/ an langen Häußlein dick zusammen gefüget/ die blühen fast den gantzen Sommer über. Es ist ein fremdes Gewächs/ und wird allein bey uns in den Lustgärten gepflantzet/ mag die Sonn und die Wärme wol leyden/ und will fleissig begossen werden.
[Diesen rothen Baldrian findet man zu Mompelier in Franckreich/ welcher gantz schmale Blätter hat/ und viel länger dann an dieser sind.
    Noch ist ein ander Geschlecht der rohten Baldrian/ so eine kleine weisse Wurtzel hat mit vielen Nebenwurtzeln: Die Blätter sind bleichgrün/ langlechtig/ deren etliche/ sonderlich die ersten/ so auch etwas breiter/ gantz sind/ etliche aber ein wenig zerkerfft. Der Stengel ist eines Schuhs hoch/ grün/ rund und hol/ welcher etliche Nebezweiglein hat/ an deren Obertheil bringet es ein Cron/ so voller schöner Purpurfarben Blumen von fünff Blättlein und etlich Zaseln (man hat sie auch mit weissen Blumen) welchen folgen lange Hülsen/ in welchen noch ein klieiner darinn der Saamen verschlossen ist. Dieser ist erstlich auß Candia nach Florentz und Padua geschickt worden/ von dannen der Saamen zu uns gebracht/ und in etliche Gärten gezielet worden.]

Von den Namen des rothen Baldrians.
    Es wird dieses Gewächs von wegen seiner Blumen/ die etwas Gleichheit mit dem Baldrian hat/ als ein fremdes Gewächs rother Baldrian genandt/ wiewol es sonst gar keine Gemeinschafft mit dem Baldrian hat. Von den Kräutlern wird es auch Lateinisch/ VALERIANA RUBRA genandt/ und von etlichen/ OCYMASTRUM VALERIANTHON, und SAPONARIA PEREGRINA. Der hochberühmte ULYSSES ALDROANDUS, vermeinet es seye dieses Gewächs das STRUTHIUM der Alten/ aber die Description DIOSCORIDIS will sich fast über darzu schicken. Die Niderländischen Simplicisten wollen ein BEEN RUBRUM darauß machen/ dieweil es dem Splitspettel etlicher massen gleich ist/ das auch von etlichen fälschlich BEEN ALBUM geheissen wird/ aber dieses ist alles miteinander weit gefehlet. Dieweil auch wir noch keine Beschreibung der Alten nie gefunden noch gelesen/ die sich zu diesem Gewächs schicken und reimen wil: das CONDURDUM PLINIJ wollen wir darfür halten/ so lang biß wir von anderen eines besseren berichtet werden. Dieses Kraut wird Niderländisch/ da seiner dann ziemlich viel in den Lustgärten gezielet wird/ roodt Valerian und roodt Behen genannt. Hochteutsch/ rother Baldrian und roth Behen.
    [Weil diesen zuvor niemand beschrieben/ hab ich ihn zudem Baldrian gesetzet/ und das von wegen etwas Gleicheit/ so er mit dem Garten-Baldrian hat/ und er mir auch und dem Namen VALERIANAE INDICAE, das ist/ Indianischer Baldrian/ ist erstlichen zukommen/ habe ihn derhalben VALERIANAM PEREGRINAM PURPUREAM, das ist/ fremden rothen Baldran genennt: etliche machen ein Narden-Geschlecht darauß/ NARDUM CRETICAM, andere meinen es seye TRIPOLIUM DIOSCORIDIS, darvon mittelst der Gnaden Gottes/ weitläuffig in unserm Kräuterbuch solle gehandelt werden.]

Von der Natur/ Kraftt/ Würckung und Eigenschafft des rothen Baldrians.
    Das Kraut und Wurtzel der rothen Baldrian/ so viel man an ihrem Gechmack vernehmen kann/ sind sie kühlender Natur und Eigenschafft/ mit einer geringen Wärme vermischt/ derwegen sie weder das STRUTHIUM oder BEEN RUBRUM der Griechen oder Araber seyn können. Weitere Erfahrung haben wir noch nicht von diesem Gewächs/ derowegen wollen wir auch weiter davon zu schreiben/ auf dißmal bewenden lassen.