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RIESENFENCHEL
Steckenkraut: Ferula communis - Umbelliferae


VON DEM FERULKRAUT

    Dieweil wir biß daher von den Ferulkreutern/ darvon die hartzechtigen Säfft oder Gummi/ als das Lasersafft/ Serapingummi/ Galbensafft unnd Gummi Armoniac gehandelt haben/ haben wir nicht underlassen wöllen auch von dem Ferulkraut oder FERULA, dem dieser Name eigentlich gebürt/ zu handeln/ dasselbig auch zu beschreiben. Es lässet sich wol bey dem DIOSCORIDI LIB.3.CAP.59. ansehen/ als wann der Serapingummi darvon gesammlet würde/ dann in etlichen Exemplaren DIOSCORIDIS wirdt in dem Ende deß Capitels von dem Ferulkraut gemeldet/ daß die Stengel deß Ferulkrautsunden bey der Erden verwundet werden/ welche einen Safft geben/ der SAGAPENUM, das ist Serapinsafft/ oder Serapingummi genennet werde. Aber die rechten correcten Exemplar haben solches nicht/ derowegen es viel gelehrten davor halten/ daß es etwann von einem verstendigen gelehrten Mann/ der nicht anderst gewust/ dann daß das Serapingummi von dem gemeinen Ferulkraut gesammlet werede/ hinzugesetzt worden seye/ sintemal DIOSCORIDES in dem gemelden Buch im 83. Capitel von dem Serapingummi schreibet/ daß er von einem Ferulkraut gesammlet werde/ setzet auch ferner hinzu/ welches in der Landschafft MEDIA wachse/ welches der gute Mann ubersehen hatt. Und gesetzt daß derselbige anhangend Text von DIOSCORIDE selbst also hinzu gesetzt worden seyn solte/ so ist es doch gewiß/ daß der Serapingummi von diesem gemeinen Ferulkraut nicht gesammlet wirdt/ dann ob es gleich auch einen weissen Hartzechtigen Safft gibt/ wie fast alle andere Ferulkreuter/ so ist er doch weder an dem Geruch oder der Gestalt dem Serapingummi gleich: Dann das Serapingummi/ wie DIOSCORIDES an gemeldtem Ort bezeugt/ hat einen mittelmässigen geruch zwischen dem GALBANO und dem stinckenden Lasersafft/ das wir Teuffelskaat nennen/ wie dann heutigs Tags noch an dem Serapingummi welches zu uns gebracht wirdt wol abzunemmen ist/ unnd mit der Beschreibung DIOSCORIDIS fein zustimmet. Zu dem ist es gewiss/ daß die hartzechtigen Säfft oder Gummi der Ferulkreuter dem DIOSCORIDI allein bekannt gewesen seyn/ unnd man das leichtlich auß derselben Beschreibung verstehen kan/ dann er deren Kreuter keines (außgenommen diese FERULAM) beschrieben/ und was er darvon in seinen Schrifften gedenckt/ dasselbig allein von hören sagen verzeichnet.
  
Daß wir aber nun wider zu unserem fürnemmen kommen/ so seind deß gemeinen Ferulkrauts zwey Geschlecht/ wiewol DIOSCORIDES und GALENUS nur eines Geschlechts gedencken.
  
l. Das erst unnd wahre FERULA DIOSCORIDIS, hat ein grosse und lange Wurtzel/ die schwerlich gantz kann außgegraben werden/ die ist voller weisses Hartzechtigen Saffts/ wie die Wurtzel deß Bergpeterleins/ eines starcken doch nicht stinckenden Geruchs. Es gewinnt einen Knopffechtigen dicken holen unnd eintzigen stengel wie das gemein Rohr/ der wirdt vier oder fünff Elen lang/ daran wachsen die Nebenzweig zu beyden seiten biß oben an. Die bletter von unden an biß oben auß sind den Fenchel Blettern ähnlich/ außgenommen daß sie räuher unnd breyter seyndt. Oben an den Gipffeln beyde deß Hauptstengels und der Nebenzweyg/ gewinnt es grosse schöne Kronen wie Schatthütlein dem Dillkraut gleich/ die blühen im Brachmonat unnd Hewmonat geel. Wann die Blümlein abfallen/ folget hernach ein langer/ dünner unnd breyter Samen/ der ist fast noch so groß als der Samen der Angelick/ eines Starcken Geruchs und räsen scharpffen Geschmacks. Wann die Stengel nach abfallung deß Samens dürr werden/ so werden sie gar leicht/ als dann samlet man dieselbigen in Buchßlein/ und brennet sie im Fewer wie ander reissig Holtz. Es bleibet dieses Gewächß das gantze Jahr uber Winter unversehret stehn. Jm Frühling stösset die Wurtzel ein newen Spross oder Aug herfür/ das vergleicht sich eim harten Eyerdotter/ das bricht man ab/ wickelt es in ein Tüchlein oder naß Papier/ bratet es in heysser Eschen/ bestrewet es darnach mit Pfeffer unnd Saltz/ und jsset es/ dann es ist am geschmack anmütig/ ist ein gesunde Speiß den erkalten Mannen so zu den Ehelichen wercken unvermüglich seind/ dann es bringt lust und begierd zur unkeuschheit. Dieses Kraut wächßt gern in warmen und Sonnreichen Landen/ in steinechten Orten zwischen den Klüfften der Felsen. Jn Teutschland wächßt es nicht von sich selbst/ sondern wirdt allein zum schaw in den Gärten gezielet/ darinn es dann viel Jahr erhalten wirdt. Jn Jtalien aber unnd Apulien/ deßgleichen in der Provintz Franckreich/ in Languedock/ umb Montpelier/ in Hispanien/ Portugall/ und in den Jnsulen CANARIAE.
  
ll. Das ander Geschlecht/ hat auch einen holen und eintzigen Stengel wie das vorige/ mit gleichmässigen Blettern/ allein daß das gantze Kraut durchauß nidertrechtiger unnd kleiner ist. Es wächßt von sich selbst in den obgemeldten Landschafften/ in Teutschland aber muss es wie andere frembde Gewächß in den Gärten gepflantzet werden.

Von den Namen deß Ferulkrauts.
    Das Ferulkraut wird Lateinisch aber NARTHEX unnd FERULA genannt. Von den Kreutlern FERULA MAIOR zu underscheidt deß kleinen/ unnd CANNA FERULA, von wegen deß Rhorechtigen Stengels. Teutsch wirdt es genannt Ferulkraut und Steckenkraut/ dieweil man die Stengel an statt der Stecken brauchet/ sich damit zu steuren.
  
ll. Das ander Geschlecht/ wirdt von den Lateinischen NARTHECIA, von THEODORO GAZA FERULAGO, unnd von den Kreutlern FERULA MINOR. Teutsch/ klein Ferulkraut unnd klein Steckenkraut

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Ferulkrauts.
    Die Wurtzel unnd der Samen deß Ferul oder Steckenkrauts/ haben eine Krafft zu wärmen/ zu trucknen/ subtiel unnd dünn zu machen. Das Marck aber deß frischen grünen Krauts/ hat ein zusammen ziehende unnd stopffende Eygenschafft. Dieses Kraut ist den Eseln ein anmütige Speiß/ dem andern Viech aber ein tödlich Gifft.

Jnnerlicher Gebrauch deß Ferulkrauts.
    Das Marck oder das obgemeldte Aug deß frischen grünen Ferulkrauts/ ist nutz getruncken wider den Bauchfluss/ Blutspeihen/ unnd das Kotzen. Auch ist er gut getruncken mit Wein/ wider die Biß der Viperschlangen.
  
Der Samen deß Ferulkrauts ist gut getruncken mit Wein wider das Bauchkrimmen.
  
Die jungen Stengel deß Ferulkrauts wie Hopffen oder Spargen gekocht unnd gessen/ bekommen dem Magen wol/ wann man aber deren zu viel jsset/ machen sie Hauptwehethumb.
  
Man machet auch die Stengel wann sie noch jung seyndt eyn mit Saltz und Lacken/ wie den Dracon und Bacillenkraut und behaltet die uber Jahr zur Speiß.

Eusserlicher gebrauch deß Ferulkrauts.
    Das Marck oder das obgemeldte Aug deß Ferulkrauts/ in die Nasen gesteckt/ stopffet das Nasenbluten.
  
Die Stengel deß Ferulkrauts zu Aeschen gebrannt/ zu Pulver gemacht unnd in die blutende Wunden gestreuwet/ stopffet das Blut derselbigen. Das thut auch das Marck oder das Aug so man das in einem heissen Ofen dürret/ darnach zu Pulver macht.
  
Ferulkrautsamen zu einem reynen Pulver gestossen mit Baumölen wie ein Sälblein temperiert/ unnd den Rückgrad warm darmit gesalbet/ fürdert den Schweiß.