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PIPPAU
Crepis - Compositae


VON DEM CONDRILLENKRAUT

 

    DIOSCORIDES der beschreibet der Condrillenkräuter nur zwey Geschlecht/ wir aber haben deren heutiges Tages acht Geschlecht.
    I. Das erste Geschlecht/ welches auch DIOSCORIDES in der ersten Stell beschreibet/ hat eine weisse/ lange Wurtzel/ voller weissen Milchsafft/ so man die entzwey bricht/ die Blätter/ Stengel und blaue Blumen sind der wilden Wegwart durchauß ähnlich/ ausgenommen daß sie kleiner sind/ derowegen es von etlichen vor ein Geschlecht der wilden Wegwart gehalten wird/ wie es dann auch ist/ und von den alten Lehrern auch darfür gehalten worden ist/ wie solches DIOSCORIDES LIB. 1 CAP. 119. bezeuget. Die Stengel und Blätter dieses Gewächs/ stecken voll weisses Milchsaffts. Der Geschmack ist bitterer dann der Wegwarten. Wiewol aber dieses Kraut nicht allenthalben in Teutschland gemein ist/ so wächset es doch in etlichen Orten auf den Hübeln/ in zähem leimechtigen Erdreich oder lettem Grund/ bey Basel/ im Elsaß/ und sonderlich aber zwischen den beyden Churfürstl. Städten Oppenheim und Mäyntz/ unterhalb Neerschheim an dem rothen Berg/ da wir sie in zimlicher Menge gefunden/ und auch abreissen haben lassen.
    II. Das zweyte Geschlecht/ ist dem jetztgemeldten mit der Wurzel/ Kraut/ Stengel und Blumen in allen Dingen gleich/ außgenommen/ daß die Blumen schneeweiß/ wie sie an dem vorigen schön Himmelblau sind. Es wächst an vorgemeldten Orten/ wird aber selten gefunden/ die haben wir an dem Rothenberg außgegraben und in den Garten gepflantzet/ um der Seltsamkeit willen.
    III. Das dritte Geschlecht/ ist von den beyden jetztgemeldten anders nicht zu unterscheiden/ dann daß die Wurtzel und der Stengel grösser und höher/ und die Blätter breiter und nicht so tieff biß zu der Mittelrippen zerschnitten sind/ wie die zwey ersten Geschlecht. Die Blumen sind Himmelblau/ wie die Blumen der wilden Wegwarten. Das gantze Gewächs stecket voller weisses Milchsaffts/ und ist am Geschmack sehr bitter wie die obgemeldten.
    IV. Das vierdte Geschlecht/ hat eine weisse zasechtige Wurtzel/ die Blätter sind dick/ hart und fest/ lang/ in viel Blätter tieff zerspalten/ und auf allen Seiten geringsherum mit kleinen Schnittlein gleich einer Sägen zerkerfft/ der Stengel ist den Stengeln der andern dreyen Geschlechten/ nicht ungleich/ fast anderthalben Schuh oder einer Ellen lang/ hat viel Nebenästlein/ auf welchen Purpurbraune Blumen aus schüppechtigen Bällelein oder Häubtlein wachsen/ wann dieselbigen vergehen/ folget ein glatter/ schwartzlechtiger und glantzender Saamen/ der vergleichet sich der Gestalt halben dem Saamen des wilden Saffrans/ und hat am obern Theil rauhe Bürstlein oder Haar/ anzusehen wie ein kleines Igelein/ der Geschmack des gantzen Gewächs ist bitterechtig. Dieses Kraut wird bey uns in den Lustgärten allein gezielet/ und wachst fast gern in einem jeden Erdreich. Ist uns erstlich in Hispanien von dem edlen Herrn Heinrich von Wildberg/ der Königl. Majest. Diener/ aus Hispanien geschickt worden/ und hernachmals aus Languedock/ da es in grosser Menge wächset und gefunden wird.
    V. Das fünffte Geschlecht/ hat eine lange/ zarte/ weisse und safftechtige Wurtzel/ die Blätter sind lang/ etlicher massen den Wegwartblättern ähnlich/ außgenommen/ daß sie weiter und tieffer zerspalten/ und in viel Zincken oder Nebenblätter abgetheilet sind/ die ligen auf der Erden ausgespreitet/ der Stengel ist rund/ Ellen hoch/ voller Milch/ der theilet sich obenher in etliche Nebenzweiglein aus/ darauf wachsen aus ihren Knöpfflein heraus schöne goldgeele Blumen/ die sind kleiner dann die Blumen der Wegwarten/ der Geschmack dieses gantzen Gewächs ist bitter mit einer Süssigkeit vermischet. Es wächset auf steinechtigen Büheln und Rechen/ deßgleichen in zähem/ feisten und ungebauetem Erdreich.
    VI. Das sechste Geschlecht hat eine lange Wurtzel/ kleinen Fingers dick/ mit sehr wenig Zaseln/ äschengrau oder graufarb/ die Blätter sind lang/ der Wegwarten mit den Schnitten fast ähnlich/ aber doch kleiner/ äschenfarb/ mit zarter Wollen überzogen/ die ligen untenher auf der Erden: Der Stengel wird eines Fuß oder anderthalben Spanne lang/ der ist weiß und wollechtig/ und in etliche Nebenzweiglein abgetheilet/ darauf geele/ gefüllte Blumen wachsen/ kleiner dann die Blumen der Wegwarten/ den Blumen des Habichtskrauts ähnlich/ die auch endlich zu kleinen zarten wollechtigen Knöpfflein werden/ und hinweg fliehen/ wie die Knöpfflein des Pfaffenblats/ und der Habichkräuter. In den Wurtzeln/ Blättern und den Stengeln findet man ein bleichen Safft/ welcher so er trucknet/ wird er röhtlechtig. Es wird dieses Kraut wie andere fremde Gewächs bey uns allein in den Lustgärten gepflantzet/ dann es von sich selbst in diesen Landen nicht wächset/ und soll erstlich aus Griechenland von ZACINTHO zu uns gebracht worden seyn/ wiewol sie auch in Italien wächset.
    VII. Das siebende Geschlecht hat eine weisse/ kleine/ zahe Wurtzel/ ist voll weisses Milchsaffts. Die untersten Blätter sind den Wegwartenblättern ähnlich/ doch viel kleiner und zarter/ die ligen auf der Erden und verdorren bald von der Hitz der Sonnen/ also daß viel meinen/ dieses Gewächs gewinne untenher keine Blätter/ an den bintzechtigen zähen Stengeln hat es von unten biß oben hinauß/ viel kleine Spitzlein an statt der Blätter/ die durch ihre Unterscheid um die Stengel herum wachsen. Es theilen sich auch die bintzechtige Stengel in Nebenzweiglein aus/ darauf kleine geele Blümlein wachsen/ die werden zu kleinen wollechtigen Köpfflein/ und fliehen hinweg/ wie die Köpfflein der nächstgemeldten Condrillen. Dieses gantze Gewächs ist voll geeler Milch/ und eines bitteren Geschmacks. Es wächst allenthalben in dem Wormser und Altzeyergau/ in den gebaueten Fruchtfeldern und Brachäckern.
    VIII. Das achte Geschlecht hat viel runder/ kleiner und langlechtiger Würtzlein/ die an kleinen dünnen Fädmen hangen/ wie die Erdeicheln/ die sind auswendig dunckel Leibfarb/ inwendig weiß und voller Saffts/ die Blättlein sind klein/ wie die Blättlein des Krautleins HYOSCYTIS, die stehen an langen dünnen Stielgen/ werden kümmerlich einer Spannen lang/ darauf wachsen geele Blumen/ wie die Blumen des Röhrleinkrauts/ die fliehen auch wie dieselbigen vom Wind darvon. Es wachset auch dieses Gewächs nicht von sich selbst in Teutschland/ sondern wird allein in den Lustgärten gezielet/ aber in der Provintz Franckreich und Languedock wächst es von sich selbst/ von dannen es zu uns gebracht wird. Von den Namen der Condrillenkräutern.
    Die Condrillenkräuter werden heutiges Tages den gemeinen Aertzten und Apotheckern unbekandt/ derowegen sie dann sehr wenig in der Artzney gebrauchet werden.
    I. Das erste Geschlecht/ ist das recht und wahre Condrillenkraut/ welches DIOSCORIDES, GALENUS und andere Griechische Aertzt beschrieben haben/ und wird von ihnen Lateinisch/ CHONDRILLA, CONDRILLA oder CONDRYLLA, CONDRYLLUM, CHONDRYLLE oder CHONDRILLE genannt, von den Kräutlern zu Unterscheid der andern Geschlecht/ CHONDRILLA COERULEA. Teutsch/ Condrillenkraut/ blau Condrillen/ und kleiner Sonnenwirbel.
    II. Das zweyte Geschlecht/ wird von den Kräutlern CHONDRILLA, und CONDRILLA ALBA genannt. Italiänisch/ CONDRILLA BIANCA. Englisch/ white Condrille. Brabändisch und Flämmisch/ witte Condrille/ und Hochteutsch/ klein Condrillen/ und kleiner weisser Sonnenwirbel.
III. Das dritte Geschlecht/ wird von den Kräutlern CONDRILLA MAJOR, oder CONDRILLA LATIFOLIA genannt. Hochteutsch/ groß Condrillenkraut.
    IV. Das vierdte Geschlecht/ wird von den Kräutlern CONDRILLA, oder CHONDRILLA PURPUREA genannt. Item/ CONDRILLA HISPANICA, CONDRILLA NARBONENSIS, dieweil er erstmals aus Hispanien in dieses Land kommen/ und und Languedock häuffig von sich selbst wächset. Es wird auch von etlichen CRUPINA geheissen/ die Ursach aber ist uns unbewußt.
    V. Das fünffte Geschlecht/ wird von den Kräutlern CHONDRILLA LUTEA genannt. Hochteutsch/ geel Condrillen/ und geeler Wegsonnenwirbel.
VI. Das sechste Geschlecht/ wird von den Kräutlern genannt ZACINTHA, CONDRILLA GRAECA, CONDRILLA VERRUCARIA, von MATTHIOLO, CICHORIUM VERRUCARIUM, und CICOREA VERRUCARIA. Teutsch/ Griechisch Condrillenkraut. Der hochgelehrte und weitberühmte PHILOSOPHUS, REMBERTUS DODONAEUS, haltet dieses Gewächs vor das erst Geschlecht des Condrillenkrauts DIOSCORIDIS, aber es mangelt die blaue Blum/ und die Gestalt und Form der Blätter/ die der gemeinen Wegwart so ähnlich sind/ daß wo die Blätter nicht kleiner/ linder/ zarter und die Blum auch kleiner wäre/ man sie nicht wol von der Wegwarten unterscheiden wird können/ derowegen man in keinen Zweifel setzen soll/ daß unser erstgesetzte Condrillen nicht das wahre Condrille der Alten seye/ von welchem auch das zweyte und dritte nicht mögen abgesöndert werden.
    VII. Das siebend Geschlecht/ wird von den Kräutlern CHONDRILLA JUNCEA; CHONDRILLA RIMINEA, und CONDRILLA ARVENSIS genannt. Teutsch/ Bieß Condrillen/ oder bintzechtig Condrillen und Acker-Condrillen.
    VIII. Das achte Geschlecht/ halten wir vor das zweyte Geschlecht CHONDRILLAE DIOSCORIDIS, sintemal unter allen Geschlechten sich keines besser darzu schicket/ als eben dieses/ von wegen der bollechtigen runden Wurtzel. Der weitberühmte MATTHIAS LOBELLIUS, der dieses Kräutlein erstmals gefunden und an das Liecht gebracht/ vermeint es seye das CICHORIUM oder PERDICION THEOPHRASTI. Es soll aber unser CONDRILLA ALTERA DIOSCORIDIS bleiben/ biß wir eines bessern berichtet werden. Diese wird Lateinisch/ CONDRILLA ALTERA DIOSCORIDIS, und CONDRILLA ROTUNDA genannt. Von den Kräutlern wird sie CONDRILLA BULBOSA und CONDRILLA MARINA genannt. Hochteutsch/ Meer Condrillen/ und bollechtige Condrillen.

Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der Condrillenkräuter.
    Alle Condrillenkräuter haben die Natur/ Krafft und Würckung/ gleich wie die Wegwarten/ außgenommen/ daß sie mehr zu trucknen geneigt sind/ mögen doch wol wie die wilde Wegwart gebrauchet werden. Innerlicher Gebrauch der Condrillen.
    Condrillenkraut mit den blauen und weissen Blumen/ in Wein gesotten und getruncken/ sit gut wider das Gifft der Viperschlangen.
    Des Krauts Safft in Wein gesotten/ oder allein vor sich getruncken/ stopffet den Stulgang.
Griechisch Condrillenkraut in Wasser gesotten/ ist denen sehr gut getruncken/ die von unsinnigen Hunden gebissen worden sind/ wie solches Herr CAROLUS CLUSIUS bezeuget/ daß es in solchem Fall in Hispanien sehr gebräuchlich und nützlich gebrauchet werde.
    Weitere Tugend und Krafft dieser Kräuter/ sind in der Wegwarten beschrieben/ welche sie mit derselbigen gemein haben.

Eusserlicher Gebrauch der Condrillenkräuter.
    An den Aestlein dieses Krauts wird bißweilen ein Gummi gefunden/ dem Mastix sehr ähnlich/ in der Größ einer Türckische Bonen oder grossen Gartenerbsen/ das richtet die beschwärlich gebogene Haar der Augbrauen wieder auf/ daran gehalte/ welches auch thun die zarten Wurtzeln dieses Krauts/ wann man mit einer Klusen oder Nadel ihren Safft an die Haar haltet. Solches thut auch der Safft der bollechtigen Condrillen.
    Das Gummi des Condrillenkrauts klein gestossen/ mit Myrrhen in einem leinen Tüchlein einer Oliven groß/ wie ein Mutterzäpfflein den Frauen in ihre Scham gethan/ fürdert die weibliche Monatblumen.
    Condrillenkraut mit den Wurtzeln gestossen/ und getruncken/ darnach mit Niter in Wasser zerlassen/ und angestrichen/ vertreiben die Zitterschen/ Flechten/ und allerhand Flecken im Angesicht/ und andern Orten des Leibes.
    Der Safft der Griechischen Condrillen/ heilet und vertreibet die Kreenaugen und Wartzen/ so man sie offtermals dammit salbet und anstreichet.