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PASTINAK
Pastinaca - Umbelliferae


VON DER HIRTZPASTENACH

 

    Dieweil wir in dem nechsten Capitel der rechten wahren Geschlechten der Pastenachen meldung gethan/ und dieselbige beschrieben/ haben wir nicht underlassen wöllen/ in diesem Capitel die Hirtzpastenach/ die viel Jahr fälschlich der wahren Pastenach DIOSCORIDIS Lücken vertretten/ und an deren statt gebraucht worden ist/ auch zu beschreiben/ und seynd aber derselbigen zwey Geschlecht/ nemlich ein zames und ein wildes.
  
l. Die zame Hirtzpastenach hat ein lange weisse Wurtzel/ mit wenig Zaseln/ die ist am Geschmack lieblich und süss/ derwegen sie auch täglich in der Speiss gebraucht wird. Die bletter seynd zweyer Finger breyt/ aber viel lenger/ und ein wenig eyngebogen/ dem Alexandrinischen Peterlein/ oder wie DIOSCORIDES schreibet/ den Blettern dess Terpentinbaums ähnlich. Es hat ein grossen langen Stengel/ wie der Fenchel oder Berenklauw/ mit vielen Knöpffen oder Gleychen/ daran viel Nebenästlein wachsen/ darauff schöne Dolden oder Cronen wachsen wie am Berenklawen mit geelen Blümlein/ den blümlein dess Dillkrauts gleich. Nach denen folget ein breyter Samen dem Dillsamen ähnlich/ ist aber grösser unnd breyter/ fast wie der Samen am Berenklaw. Dieses Gewächs zielet man bey uns in den Gärten/ wie die Pastenachen/ oder wie andere Rüben und Rettich. Es wächst aber gern in einem feysten und wolgebawenen tieffgegrabenen Erdtreich. Etliche säen diesen Samen im Christmonat/ die andern im Hornung/ Jenner oder Mertzen wie die Pastenachen. Wann man diese Wurtzeln schön und gross haben wil/ so muss man das Kraut nit zum Stengel lassen wachsen und es offt abschneiden/ sonst werden die Wurtzeln holtzechtig/ dass man sie in der Speiss nicht geniessen kan/ unnd verderben. Wann dieses gewächs wol auffgangen ist/ mag es wol leiden/ dass man darüber gehe und es täglich mit Füssen trette/ darmit das Kraut nicht auffwachsen möge/ so werden die Wurtzel desto grösser und dicker.
  
ll. Das ander und wild Geschlecht/ ist dem zamen durchauss mit Wurtzeln/ Bletter/ Stengel/ Blumen unnd Samen gleich/ aber allerding kleiner/ und underscheidet dieses Gewächss nur allein die Pflantzung/ dass das zame vor diesem grösser und zur Speiss düchtiger wirdt. Das wolde Geschlecht aber ist kräfftiger dann das zame/ derowegen es auch vor dem andern zur Artzeney erwehlet wirdt. Es wächset hin und wider under andern Unkreutern an den Rechen der Aecker und Weinbergen/ und an grassechtigen Orten und truckenen Wiesen.

Von den Namen dieser Kreuter.
  
Es ist dieses Kraut wol gemartert: Dann nach dem etliche gemercket dass es sich mit der PASTINACA DIOSCORIDIS unnd der Alten nicht reymen wöllen/ so haben sie ein SISARUM darauss gemacht/ welches nicht weniger ein geringer Jrrthumb ist/ als deren die PASTINACAM darauss gemacht. So nun dieses mit der Description dess ELAPHOBOSCI DIOSCORIDIS durchauss conferiren wird/ so wirdt nit ein NOTA fehlen der nit mit diesem Kraut zutrifft. Es schreibet auch DIOSCORIDES under andern/ dass diese Wurtzel süss und zu essen gut und bequem seye: Dass sie auch in der Speiss gepriesen werde bezeuget auch PLINIUS LIB. & CAP.22. Was dann ferner die Krafft und Tugendt die jhr zugeschrieben wirdt/ belangen thut/ bezeuget die Erfahrung/ dass sie wider alles Gifft heylsam und gut ist/ derwegen wir sie mit jhrem rechten Namen ELAPHOBOSCUM nennen/ wie sie dann von den Alten genannt worden ist.
  
l. Bey dem DIOSC. Und andern heisset sie Lateinisch/ ELAPHOBOSCUM (oder wie HELYCHIUS und VARINUS haben. ELAPHICUM, OPHIOGENIUM oder OPHIGENIUM, OPHIOCTONUM, NEPHRIUM, und CERUIOCELLUS. Bey den Kreutlern wird sie genannt PASTINACA DOMESTICA LATIFOLIO, zum unterscheidt der wahren PASTINACE DIOSCORIDIS TENUIFOLIAE, PASTINACE CERUINA, OLUS CERUINUS, HERBA CERUINA, PABULUM CERUI. Und von MATTHAEO SYLVATICO, CERUARIA. GUILIELMUS TURNERUS nennet sie PASTINACAM ADULTERINAM. Hochteutsch/ Hirtzmarellen/ Hirtzaug/ Hirtzpastenach und Hirtzkraut.
  
ll. Das zweyte und wild Geschlecht/ wird von den Kreutlern genannt/ PASTINACA CERUINA LATIFOLIA, RANCA LEONINA und ELAPHOBOSCUM SYLVESTRE. Teutsch/ Hirtzmorellen/ und Wildtmorellen.
  
lll. Der hochgelehrt MATHIOLUS setzet ein ander Kraut vor das ELAPHOBOSCUM, welches er getzwungen thun muss/ dieweil er dz wahre ELAPHOBOSCUM, PASTINACAM DOMESTICAM genannt hat/ was nun dasselbig sey/ ist uns noch unbekannt/ es soll umb Trient wachsen/ welches so es uns zu handen kompt/ wirdt es auch sein Ort finden. (Dieses unterscheiden wir nicht von dem andern Wildtmorellen genannt.)

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung/ und Eygenschafft der Hirtzpastenach.
    Es hat die Hirtzpastenach eine Krafft zu wärmen unnd zu trucknen/ ist warm im zweyten/ unnd trucken im mittel dess zweyten Grads. Es wird die Wurtzel/ Kraut unnd Samen in der Artzeney gebraucht.

Jnnerlicher Gebrauch der Hirtzpastenach.
    Die jungen aussgeschloffenen stengel mit den zarten blettern braucht man heutigs tags auch wie bey den Alten/ in der Speiss wie andere Kochkreuter/ und sind sonderlich gut und fast anmühtig zu den Kreutersuppen. Die Wurtzeln braucht man fast am gantzen obern Rheinstrom durch die gantze fasten hin auss zu Müsern unnd Suppen/ seudet die auch sonst durch das gantze Jahr bey dem Fleisch/ dann diese den Suppen und Brühen ein sehr guten anmütigen geschmack geben/ und geben auch ziemlich gute Nahrung/ machen ein gute Geblüt/ verzehren den zähen schleim im Magen/ dienen vor den Husten/ unnd sind dienlich den keichenden/ treiben den harn und eröffnen die innerliche verstopffungen/ unnd dient sonderlich wider den vergifften Thier Bissz und Stich/ wie solches AETIUS TETRABIB.1.LIB.1. bezeugt. Derwegen ist esfast dienstlich/ dass man in allen obgemelten gebrechen die Hirtzmorellen zur speiss gebrauche/ oder zum wenigsten mit oder bey andern Speisen sieden lasse.
  
Etliche backen diese Wurtzeln zuvor in eiin Teyglein von Eyern und Weissmeel eyngetunckt/ wie die Pastechen. Andere brennen sie allein in Buttern/ darnach setzen sie dieselben zu mit einer Ochsen oder Rindtfleischbrühen/ lassen siwe sieden biss sie weych werden/ bestrewens mit ein wenig Pfeffer/ und essen sie wie die Geyerlein. Man koche nun diese Wurtzeln wie man wölle/ so sindt sie gesundt und gut/ sonderlich aber sind sie dienstlich wann böser vergiffter Lufft regirt/ derwegen in solcher zeit jm ein jeder diese Wurtzeln in der Kost zu gebrauchen sol lassen befohlen seyn/ sintemal sie aller vergifftung widerstandt thun.
  
DIOSCORIDES LIB.3.C.70. und PLINIUS LB.& CAP.22. schreiben/ dass man die Hirtz weyden/ sollen sie darmit den Schlangen Bissen widerstand thun. Es ist auch der Samen gut wider die Schlangen Bissz in Wein getruncken.
  
So einem ein Scorpion gestochen hette/ der sol den Samen von dem wilden Hirtzmorellenkraut zu Pulver stossen/ und eines Gülden schwer mit Wein eynnemmen.
  
Der Samen/ die Wurtzel und Kraut/ auff welche weiss man die gebraucht/ sind sie gut wider das Krimmen im Leib/ aber dz wilde ist allwegen kräfftiger zur Artzeney zu brauchen/ als das zame/ welches man fleissig mercken sol.

Gedistillirt Wasser von dem wilden Hirtzpastenachen.
ELAPHOBOSCI ERRATICI AQUA STILLATITIA.

    Das gedistillirt Wasser von dem wilden Hirtzpastenachen/ wiewol es wenig im gebrauch/ unnd auch das Kraut wenig bekannt/ so ist es doch von wegen seiner heylsamen Wirckung nicht zu verachten. Die beste zeit solches zu distillieren ist im Hewmonat/ dass man das Kraut mit der Wurtzel und aller Substantz klein hacke/ und darnach distillier mit sanfftem Fewer IN BALNEO MARIAE, folgends rectificire in der Sonnen.
  
Hirtzpastenachenwasser treibt den Schweiss gewaltig/ iii. oder iiii.Loth getruncken/ und sich nidergelegt/ dess Schweisses also im Beth aussgewartet. Wann auch einen die Pestillentz angestossen hette/ der zertreib darin j.quintlein guten Theriack/ oder eines Gülden schwer dess gülden Eyes/ unnd trinck das warm/ leg sich nider/ decke sich warm zu und schwitze drey stunden/ so treibt es alles Pestilentzisch Gifft durch den schweiss auss.
  
Wild Pastenachwasser iiii.oder v. Loth getruncken/ dienet wider das Leibwehe und Krimmen/ treibet den Harn/ reyniget die Nieren unnd Blasen/ miltert das Mutterwehe und Krimmen derselben nach der Geburt.
  
Den jungen Kindern jederweilen ein Löffelein voll dieses Wassers eyngeben/ legt jhnen das Reissen im Leib.

Wild Hirtzpastenachen Wein.
ELAPHOBOSCITES.

    Es haben die Alten diesen Wein nicht beschrieben/ so ist er auch bey unser Zeit nicht im brauch gewesen/ aber umb dess Krauts fürtreflicher Tugendt willen/ hab ich vor Jahren nicht underlassen können diesen Wein zu bereyten/ denselben in einem langwirigen Leibwehe/ so mir von einem vergifften Tranck zugestanden zu brauchen/ welcher mir dann darinn treffenliche hülffe gethan/ also dass ich verursacht worden denselben auch hinfürter in dergleichen und andern schwachheyten zu gebrauchen. Jch habe genommen die Wurtzel/ Stengel/ Kraut unnd Blumen mit dem halbzeitigen Samen unnd klein zerschnitten mit äscheren Spänen in ein Fässlein eyngeschlagen/ dasselbige darnach mit gutem Most gefüllt/ und darüber verjähren lassen/ darnach den uber Jar zum gebrauch verwahret/ wie ich vom Wermuth gelehrt habe. Dieser Wein legt alle Leibschmertzen und das Krimmen/ fürdert die Däwung/ macht lust essen/ treibt den Harn eröffnet innerliche Verstopffung/ widerstehet dem Gifft/ legt Mutterschmertzen/ und ist ein heylsamer Tranck den Kindbetterin/ verhütet sie vor Mutterwehe und Krimmen nach der Geburt/ unnd reyniget sie wol. Dienet auch wider den vergifften Pestilentzischen Lufft/ und ist zu trincken lieblich und anmütig.

Wild Morellen Saltz.
SAL ELAPHOBOSCI.

    Wann du wilt ein Saltz auss dem wilden Morellenkraut machen/ mustu das Kraut mit Wurtzeln und stengeln/ Samen/ unnd aller substantz dörren/ darnach zu Aeschen brennen/ folgends das Saltz künstlich davon ziehen/ wie wir das hiebevor von Wermuth und andern Kreutern zu bereyten gelehrnet haben. Dieses Saltz kann fruchtbarlich vor die Bissz der gifftigen Thier/ unnd andere mehr Gebrechen/ wie die oben erzehlet seindt/ gebraucht werden.

Gedistilliert Oele von wilden Morellen.
PHOBOSCI OLEUM STILLATITIUM.

    Auss dem Samen dess wildten Morellenkrauts/ kann man wie auss dem Aniss oder Fenchelsamen/ ein köstliches Oele distilliren/ welches ich in Krimmen/ Leibschmertzen und Mutterwehen fürtrefflichen gut zu seyn/ erfahren/ dann es die schmertzen baldt leget/ so man ii. oder iii. tröpfflein desselben mit einem Trüncklein Weins/ Chamillenwasser oder wild Morellenwasser zu trincken giebt. Andere kräfft unnd tugendt können täglich auss oberzehlten dess Krauts Tugenden erlernet werden.