3 / 76-77

LINDE
Tilia


VON LINDENBAUM

    Dess Lindenbaums seyn zwey Geschlecht/ eines so das Männlein/ das ander so das Weiblein genennt wird.
    I. Das erste Geschlecht TILIA MAS genennet/ ist ein grosser Baum/ welcher auch seine Aest rings herumb weit aussspreitet: Der Stamm ist mit einer dicken/ schwartzlechten/ scharpffen unnd schrundtechten Rinden bekleidet. Seine Blätter seyn dem Nussbaumlaub gleich/ aderecht/ unnd rings umbher ein wenig zerkerffet/ welche in der Mitten viel Blässlein bekommen/ einer Erbsen gross/ darauss kleine Mücken wachsen/ welche darvon fliegen.
    II. Das ander Geschlecht ist allenthalben wol bekannt/ unnd wirdt Lindenbaum genennet/ oder Lindenbaum Weiblein/ hat einen dicken Stamm mit einer dicken/ schwartzen Rinden beckleidet/ unter welcher ein weisses dünnes unnd zähes Häutlein ist/ gar safftreich und süss/ das Holtz ist lind unnd weich. Die Blätter vergleichen sich dem Ephewlaub/ seyn doch etwas weicher/ und klein zerkerfft. Die Blüet ist erstlich grün/ und mit einem Häutlein bedeckt/ wann sie aber herfür kompt/ so ist sie gelblecht. Die Frucht ist den Ephewbeerlein gleich/ wann sich dieselbige im Augstmonat auffthut/ so fället runder schwartzer Samen herauss/ an Geschmack süss.
    Beyde Geschlecht haben fast den Underscheidt/ dass das Weiblein Frucht trägt/ und blumen gewinnet/ das Männlein aber nicht. S ist das Holtz am Männlein härter/ knorrechter/ gröber und rotgilblich/ am Weiblein aber weisslichter. Ist ein sehr fruchtbarer baum welcher seine Aest mehr dann andere Bäum aussspreytet/ also dass er auch mit vielen Säulen unterbauwet wird/ und die Bawrsmägdelein jhren Dantzplatz darunter haben.
Es wächst dieser baum in Gebürgen/ wird auch in den Dörffern von den Bawren gepflantzet/ damit sie darunder jhre Zech halten können/ dann sie einen külen Schatten machen.

Von den Namen
    Lindenbaum wird Lateinisch geheissen TILIA. Und zum Underscheidt wirdt das erste Geschlecht genennet TILIA MAS. Teutsch Steinlinden.

Von der Natur/ Krafft und Eygenschafftdess Lindenbaums
   Die Blumen dess Lindenbaume sollen warmer unnd truckner Natur seyn/ unnd einer subtilen Substantz. Aber die Blätter und Rinden haben eine Art zu trucknen/ und zurück zu treiben/ wie DODONAEUS vermeldet.

Jnnerlicher Gebrauch
    Die Bletter von Lindenbaum in Wein gesotten unnd darvon getruncken/ ist gut wider das Bauchgrimmen/ [treiben den Harn und der Frawen Zeit.]
    DODONAEUS schreibet/ dass die Blumen von etlichen hoch gerühmet werden/ wider die Fallendtsucht/ wider den Schlag/ den Schwindel/ und andere Schwachheiten dess Häupts/ so von Kälte jhren Ursprung haben.
    D.CAMERARIUS sagt/ dass die Körnlein mit Essig zerstossen/ und in den Nasen gethan/ das Blut gewaltig stillen/ welches sie auch thun sollen/ so man derselbigen viel einschlucket.
    {Diese Körnlein oder Pilulein zu rechter Zeit gesamblet/ unnd zu Pulver gemacht/ werden gelobet in der Ruhr/ unnd Bauchflüssen.
    Lindenholtz zu Kolen gebrandt/ mit Essig wider abgelöschet/ und mit zerstossen Krebsaugen eingeben/ treibt auss das gerunnen Blut denen/ so schwehrlich gefallen sind/ unnd Blutspeyen. Etliche vermischen das gebrandt Blüetwasser mit Körbelwasser.]

Eusserlicher Gebrauch
    Die Bletter in Wasser gesotten/ unnd den Mundt darmit aussgespület/ heylen die Blattern im Mundt/ [und den jungen Kindern die Mundtfäule.]
    Auff gleiche weiss gesotten/ und ubergelegt/ sollen sie die geschwülst der Füsse hinderschlagen/ und zurück treiben.
    Die jnnerste Rinde in Wasser geleget/ gibt einen zähen schleim/ welcher den Brandt uberauss sehr heylet/ wann man jhn daruber streichet.
    [Diese Rinde mit Essig gesotten/ darmit die Räud/ und böse Geschwär gewaschen/ heylet dieselbige.
    Die Rinden zerkäuwet/ unnd auff frische Wunden gestrichen/ hefftet sie zusammen.]

Von Lindenblütwasser

    Das Wasser aus der Blüet gebrennt/ wird hoch gerühmet wider die Fallende sucht der jungen Kinder: wil man aber diesen Tranck etwas stärcker haben/ soll man ein drittheil Päonienwasser darzu vermischen.
    Es wird auch sonst gebraucht wider den Schlag/ den Schwindel und andere kalte Gebresten dess Hirns.
    Wen der Schlag getroffen hat/ der nimm Lindenblüetwasser/ Mayenblumenwasser/ unnd schwartz Kirschenwasser/ vermische sie durch einander/ und trincke jederzeit ein Untz darvon.
    Diss Wasser getruncken/ ist gut den versehrten Därmen/ von der rohten Ruhr/ [wird von etlichen auch für das Bauchgrimmen geben.
    Das Wasser von Lindenblüet/ vertilget die Flecken im Angesicht.

Von dem Safft

    Der Safft/ so auss dem Marck fleust/ wann man den Baum stimpelt/ getruncken/ treibt auss den reissenden Stein.
    Der Safft tilget auss die Flecken im Angesicht. Auff das Haupt geschmiert/ macht das aussgefallene Haar wider wachsen.
    Warm auffgestrichen/ zertreibt die Geschwulst.
    Der Safft von frischen Blättern wol aussgedruckt mit einem Wein/ unnd die Glieder warm darmit gestrichen/ ist gut für den Krampff.]