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LEIN
Linus - Linaceae


VON ZAMEN FLACHS

    Der Flachs hat ein dünne Wurtzel/ auss welcher ein dünner glatter Stengel erwachset/ nit langlechten schmalen/ gespitzten Blettern: hat liechtblauwe Blumen/ welchen erfolgen runde auffgespitzte Knöpflein/ darinnen der braune breite und glatte Samen ligt

Von den Namen.
    Flachs nennet man Lateinisch LINUM.

Von der Natur/ Krafft/ unnd Wirckung
    Der Samen so allein zur Artzney gebrauchet wirdt/ der ist warm im ersten Grad/ in der feuchte unnd trucken mittelmässig/ er zertheilt/ erweicht unnd lindert.

Jnnerlicher Gebrauch
    Leinsamen gepulvert mit Honig vermischt wie ein Latwergen/ miltert den Husten/ reumpt die Brust/ lindert die Keele: mit Pfeffer unnd Honig vermischet/ bringt Lust zu natürlichen Wercken.
    Miit Honig/ Oel unnd Wasser gekocht/ und zu trincken geben/ lindert/ erweicht/ unnd zeitiget alle hitzige Geschwulst jnnerlich und eusserlich/ so man auch dz ubrige ausswendig auff den Leib Pflastersweise aufflegt.
    Leinsamen mit Rosinlein gessen/ ist gut den Schwindtsüchtigen. PLINIUS. Wider die Versehrung an Därmen/ oder an der Mutter/ soll der Samen in Wasser gesotten werden/ und zu einem Clystir gebraucht werden in Bauch/ oder in die Mutter.
Der Samen in Wasser gelegt/ gibt ein Schleim/ so MUCAGO, MUCILAGO, oder CREMOR LINI zu Latein/ dz ist Linsaatschleim genannt wirdt/ welches zu lindern/ Hitz unnd Schmertzen zu milteren viel gebraucht wird/ derohalben zu vielen vermischten Artzneyen/ als Brustlatwerglein/ unnd Weichpflastern genommen.

Eusserlicher Gebrauch
    Flachsblätter auff zeitige Geschwär gelegt/ macht zuhandt ein Loch darein.
    Der Samen gekocht in Wasser und Oel zu einem Pflaster/ unnd uber die Geschwulst am gantzen Leib ubergelegt/ sänfftiget und zeitiget sie/ und erweicht die harte Beulen.
    Der Samen wol gedörrt unnd zerstossen/ unnd mit Essig vermischt/ uber die Stirn gelegt/ stillet das Bluten der Nasen.
    Leinsamen auff Kolen gelegt/ unnd den Rauch in die Nasen gelassen/ nimpt den Schnupfen.
    Der Samen in Wein gesotten/ und darmit gewäschen/ reiniget die Haut under dem Angesicht.
    Wider den Wehetagen in der Seiten/ seude den Samen in Wasser/ netz ein leinen Tuch darein/ legs warm darüber: solche Artzney heilet auch den Brandt.
    Jm Grimmen und Verstopffung/ kan man den gekochten Samen aufflegen/ und mit der gesottenen Brüe unnd Oel ein Clystir zubereiten/ auch mit dem Leinöl den Bauch salben.
    Der Samen geröstet/ und mit Essig vermischet/ unnd uber den Bauch gelegt/ stillet den Durchlauff und die rote Ruhr.
    So man Leinsamen unnd Kressigkraut gleich viel zerstosset/ mit Honig erwallet/ solches auff die rauhe scharpffe Nägel legt/ heylet sie/ und bringt dieselbige wider zu recht.

Vom Leinöl

    Auss Leinsamen wirdt ein Oel geprest/ welches nicht allein die Artzet/ sondern auch die Maler und andere gebrauchen: so brennt mans auch in Amplen/ weil es länger dann Baumöl weret.
    Diss Oel ist ein sondere gute Artzeney wider das Stechen oder Seitengeschwär/ und wider den schwären Athem warm getruncken/ aber es muss frisch und neuw sein: dann das alte wärmet/ macht auch Unwillen. Es ist auch gut wider den Stein und Lendenwehe.
    Eusserlich wirdts gebraucht wieder den Krampff/ starrende Glieder/ und wider den Gebresten dess Hinderen/ als Geschwulst der gülden Adern/ Feigblattern/ Schrunden/ und dergleichen Schmertzen: es erweicht die Mutter.
    Mit Rosenöl oder Seeblumenwasser angestrichen/ heylt den Brandt dess Febers.
    MATTHIOLUS beschreibt ein wunderbarlich und behendt Experiment aus dem Leinwand/ damit man alle böse/ grindichte/ und grewlichte Flecken am gantzen Leib/ wie die sein mögen/ in wenig Tagen aussdilgen kan/ so dem Weinsteinöl weit zuvor thut. Nimm ein trucken leinen Tüchlein/ fasse es auff ein Messerspitz/ unnd zündts uber eim messenen Becher an/ so es nun brennet lass es säuberlich sincken auff den Boden dess Beckens/ und so die Flamme uber das gantze Tüchlein gefahren ist/ und das gebrandte Tüchlein auff dem Boden ligt/ hebs mit dem Messer widerumb auff/ so findestu auff dem Boden/ ein feyste Feuchtigkeit gleich wie Oel kleben/ mit diesem Oel bestreich die Flechten/ es beist erstlich/ aber nicht lang. Solches thue etliche Tage nach einander/ jedes Tags einmal: von diesem Oel werden die Flechten gantz gelb/ verdorren/ unnd fallen ab in kurtzen Tagen.

Vom Garn

    Wider das Reissen/ Stechen/ und Grimmen im Leib/ nimb rohe Streelgarn/ seuds in Wasser mit Aschen/ darnach truck das Garn auss/ und legs warm auff.
    Diss Garn also warm bekompt wol den Weibern bald nach der Geburt/ so mans jhnen warm auff die Solen der Füssen legt/ dann es fürdert die Nachgeburt zum Aussgang/ unnd hindert die Nachwehe.

 

VOM WILDEN FLACHS

    Es seyn von dem AUTHORE fünfferley Geschlecht dess wilden Flachs vorgestellet/ welche mit jhren Blettern/ Stengeln und Wurtzeln einander fast gleich und ähnlich seyn. (1.) Das erste Geschlecht hat eine dicke/ weisse/ krumme Wurtzel/ mit etlichen dicken Faseln behenckt/ auss welcher viel rotlechte starcke Stengel wachsen/ beynahe wie an dem Johanneskraut: Die Bletter vergleichen sich etwas dem gemeinen Flachs/ aussgenommen dass sie grösser/ breyter unnd dicker seyn/ eines sehr bittern Geschmacks: Oben an dem stengel erscheinen viel schöne grosse Blumen/ mit fünff goltgelben Blettlein besetzt/ auss welcher Mitte fünff Fässlein herfür gehen: Nach den Blumen folgen breyte Knöpfflein/ in welchen schwartzer Same verschlossen ist.
    II. Das ander Geschlecht hat ein weisse Wurtzel mit wenig Faseln/ auss welcher viel runde feste Stengel wachsen eines Schuchs hoch/ welche sich oben in andere Zweiglein ausstheilen/ an welchen schöne himmelblauwe Blumen erscheinen wie an dem gemeinen Leinkraut/ nach welchen runde dicke Köpfflein erfolgen in welchen breyter/ langlechter/ schwartzer Same verborgen liegt. Die Bletter seyn geringer dann am gemeinen Leinkraut.
    III. Das dritte Geschlecht ist diesem andern fast gleich/ allein dass es kleiner und schmälere Bletter/ Stengel und Wurtzeln hat/ wirdt bissweilen mit weissen Blumen gesehen.
    IV. Das vierdte Geschlecht hat auch ein weisse harte Wurtzel/ mit etlichen Zaseln umbgeben/ auss der Wurtzel kommen schmale/ starcke/ und feste Stengel/ auch eines Schuchs hoch: Die Bletter seyn schmal/ hart/ spitzig/ und von Farben grün/ eines bittern Geschmacks. Oben an den Stengeln uberkompt es viel grosse weisse Blumen mit fünff purpurbraunen Striemen durchzogen/ eines guten Geruchs/ nach welchen kleine runde Knöpfflein bleiben/ welchen man breyten/ schwartzen glitzenden Samen findet/ dem gemeinen Leinsamen gleich.
    V. Das fünffte Geschlecht beschreibt auch C. CLUSIO, dass es gar ein dünnes Würtzlein habe/ mit härigen Fässlein/ auss welchem geringe unnd runde Zweiglein kommen/ mit sehr viel kleinen spitzigenBlettlein besetzet/ oben an den Aestlein erscheinen sehr kleine weisse Blümlein/ nach welchem gar geringe Knöpfflein kommen/ in welchen der Same ist.
    Sie wachsen gemeiniglich auff dem Feldt/ bey den Zäunen und neben den Wegen: Blüen im Juno und Julio.

Von den Namen
    Wilder Flachs wirdt Lateinisch genennt LINUM SYLVESTRE.

Von dem Gebrauch dess wilden Flachs
    Es meldet DODONAEUS, dass dieser wilde Flachs noch zu keinem Gebrauch in der Artzney kommen sey/ dieweil seine Tugenden noch unbekant seyen.
    MATTHIOLUS schreibet/ man könne jhn eusserlich gebrauchen zu den harten Beulen und Geschwären/ dieselbige zu erweichen/ auch zur Linderung der Schmertzen.

VON LEINKRAUT

    Dess Leinkrauts seyn fünfferley Geschlecht: (1.) Das erste wirdt von dem Herrn C. CLUSIO beschrieben/ dass es ein langlechte weisse Wurtzel habe/ auff beyden Seiten mit grossen und zimlich dicken Faseln behänckt/ welche alle Jahr newe Stempel ausstosst/ welche starck/ glatt und grün seyn/ unnd bissweilen zwo Elen hoch wachsen/ mit vielen schmalen spitzigen Blettern besetzt/ wie am gemeinen Leinkraut/ an den Zweyglein dieses Stengels erscheinen einzige Blümlein/ wie am gemeinen Leinkraut oder Rittersporn/ aussgenommen dass sie kleiner und etwas bleycher seyn: Das gantze Gewächs ist am Geschmack bitter.
    II. Das ander Geschlecht hat ein dünne weisse Wurtzel mit sehr viel aussgewachsenen Faseln/ damit es oben auff dem Land hin und her kreucht: Auss der Wurtzel kommen schwancke Aestlein/ so sich auff der Erden aussbreyten/ mit feysten unnd dicken grünweissen Blettern besetzt/ je drey oder vier beysammen/ dem gemeinen Leinkraut fast gleich/ aussgenommen/ dass isie kleiner seyn: Die Blumen seyn violenbraun/ gar schön unnd lieblich anzusehn/ an Gestalt wie am gemeinen Leinkraut/ das unterste Blettlein ist von Farben goldtgeel/ eines bittern Geschmacks/ nach den Blumen folgendicke Knöpfflein mit zweyen Fächlein/ welche voll breytes/ schwartzes Samens seyn.
    III. Das dritte Geschlecht wird genennt gülden Leinkraut/ von wegen seiner runden/ wollechten/ goldtgelben Blumen/ die Wurtzel ist lang/ und unten gar zasecht/ seine Bletter und stengel vergleichen sich dem gemeinen Leinkraut.
    IV. Das vierdte Geschlecht ist dem dritten gleich/ aussgenommen dass es kleiner ist/ hat gar ein zasechtes häriges Würtzlein.
    V. Das letzte Geschlecht wirdt genennet falsch Leinkraut/ hat ein zerspaltene zasechte Wurtzel/ dicke/ runde unnd starcke Stengel/ seine Bletter seyn breyter und länger dann am gemeinen Leinkraut/ seine Blumen seyn weiss/ (fünffblättrig/ welchen ein fünffechtiger harter Samen folgt.)
    S ie wachsen auff den Bergen neben den Wegen und Strassen: Blüen im Junio und Julio.

Von den Namen
    Ungerisch Leinkraut wird Lateinisch genennt LINARIA PANNONICA. Gülden Leinkraut/ heisst Lateinisch LINARIA AUREA, Falsch Leinkraut/ LINARIA ADULTERINA.