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KERBELRÜBE, KNOLLEN-, RÜBENKERBEL

Chaerophyllum bulbosum – Umbelliferae

 


 

VON DEM NAPPEN ODER MYRRHENKÖRFFEL.

 

 

             Der Nappenkörffel hat ein weisse/ runde/ langechtige/ zarte und weiche wurtzel/ sonderlich im Frühling ist sie rundt wie ein kleines Rüblein gestalt/ biß daß sie anfähet den Stengel zu stossen/ wirdt sie länger unnd behaltet doch jhren runden Bauch inn der Mitten/ die ist eines guten Geruchs/ und süssen lieblichen Geschmacks. Das Kraut ist mit seinen Blettern unnd Stengeln dem Schierling so gar ähnlich/ daß man sie nicht wol unterscheiden kan/ dann allein an der Wurtzel und Blumen/ deßgleichen auch an dem Geruch/ dann die Wurtzel deß Nappenkörffels ist rund und bäuchig wie ein kleines Rüblein/ so ist die Wurtzel deß Wüterichs dünn und lang wie ein Peterleinwurtzel. Was dann die Blumen anlangen thut/ so seyndt deß Schirlingsblumen gar weiß/ deß Nappenkörffelsblumen aber sind grünweiß oder weiß mit grün vermischt/ unnd auch kleiner dann die Blumen deß Schirlings. Was dann den Geruch belangen thut/ so hat der Myrrhenkörffel ein lieblichen Geruch/ so dargegen der Schirling ein stinckenden abschewlichen Geruch hat/ sonst bringet es seine Blumen auff Crönlein oder Schatthütlein wie der Schirling. Wann die Blumen unnd der Samen vergehen unnd abfallen/ so verdirbet Stengel Kraut unnd Wurtzel mit einander. Dieses Gewächs ist in Teutschland sehr gemein/ unangesehen daß es unsern Aertzten nicht bekannt ist/ unnd sie ein unrechtes unnd falsches darvor gebrauchen. Es wächßt an graßechtigen und truckenen Orten/ hinder den Zeunen unnd an den Rechen der Aecker/ neben den Strassen hin und wider/ sonderlich aber im Wormbsergaw/ und wird manchmal under dem Schirling gefunden/ also daß dieses heylsam Kraut mit grosser fürsichtigkeit muß gesamblet werden/ darmit man nicht auß unfürsichtigkeit das gifftig Kraut Schirling mit eynsamblen vermische darauß dann grosser Unrath entstehen möchte: derwegen sol man fleissig acht haben auff die obgenannt Kennzeichen/ wann man dieses Kraut colligiren will.

 

ll. Bergmyrrhenkörffel.
MYRRHIS MONTANA.

 

            ll. Unsere Kreutler unnd Simplicisten haben noch ein ander Kraut gefunden das sie MYRRIDEM MONTANAM, das ist Bergmyrrhenkörffel nennen/ das hat ein harte uberzwerche Wurtzel/ mit vielen Zaseln behenckt/ eines bitterechtigen Geschmacks/ mit einer schärpffe vermischet/ ist außwendig grauwe und inwendig weiß. Die Bletter vergleichen sich dem Spanischen Körffel/ wie auch die Stengel unnd die Cronrn oder Schathütlein/ aber sie seyn allerdings kleiner/ und seynd auch der Bletter weniger. Der Samen ist langlechtig dem Samen deß Candischen Möhrenkümmels ähnlich/ aber doch kleiner/ der hat ein Geschmack wie die Wurtzel/ sonst räucht dz gantze Kraut wie der Spanisch Körffel. Es wächßt auff den Bergen und hübeln/ und wird auch von etlichen in den Lustgärten gezielet.

 

Von den Namen der Myrrhenkörffel.
            Hie haben wir den rechten Myrrhenkörffel oder MYRRHIDA der alten/ darumb sich unser Gelehrten so viel Jahr her gezanckt haben. Der hochgelehrte und weitberühmbde MEDICUS und PHILOSOPHUS IOANNES FERRARIENSIS der hat das gemeine Körffelkraut vor das MYRRHIDA der alten gehalten: die andern haben gewöllt der wild Körffel oder Eselspeterlein seye das wahre MYRRIS: die dritten haben den Spanischen darvor gehalten/ und haben gleichwol alle gefehlet/ einer so wol als der ander. Dann wann sie diesen unsern Myrrhenkörffel gegen der Description DIOSCORIDIS halten und alle Anzeigungen fleissig werden erwegen unnd mit derselbigen conferiren/ so werden sie jhren Fehl erkennen unnd bekennen müssen/ daß derselbige das wahre unnd rechte MYRRHIS der alten seye/ darumb sie so lange vergeblich gezanckt haben.
            Das Myrrhenkraut wird Lateinisch/ MYRRHIS, MYRRHA, CICUTARIA genannt, unnd von PLINIO SMYRRIZA unnd MERTHRIS. Teutsch Nappenkörffel von wegen der runden Wurtzeln/ die sich den kleinen Rüblein die wir Nappen nennen/ vergleichet/ daher es auch Nappenmöhren genannt wird/ andere nennens Myrrhenkörffel.

 

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung/ und Eygenschafft der Myrrhenkörffel.
            Der Nappenkörffel ist warm biß in zweyten Grad/ unnd ist von seiner Substantz ein wenig subtiel/ hat auch inn sich ein wenig Windigkeit/ dardurch er bewegung gibt zun ehelichen Wercken. Der Bergmyrrhenkörffel ist etwas hitziger unnd truckener Eygenschafft/ erreichet fast den dritten Grad inn der wärmbde unnd truckne/ unnd scheinet mehr gemeinschafft zu haben mit dem Spanischen Körffel/ dann mit dem Myrrhenkörffel.

 

Jnnerlicher Gebrauch deß Myrrhenkörffels.
            Wann dieses Kraut den MEDICIS bekannter were als es ist/ möchte es nützlich sampt seiner süssen Wurtzel inn der Kost in vielen Gebrechen gebraucht werden/ dann Suppen von diesem Kraut und der Wurtzel gemacht/ und den Lungensüchtigen unnd Schwindsüchtigen zu essen geben/ ist jhnen ein gesunde Speiß und heylsame Artzeney. Man mags jhnen auch in Müßlein und mit andern Speisen kochen lassen/ dann es jhnen auff alle weiß gebraucht/ heylsam ist/ und können darmit so auch die Lungensucht gar uberhand genommen hette/ die Bresthafftige lange zeit erhalten werden/ wie ich solches an etlichen Personen gewiss erfahren hab.
            Es mag auch gemelt Kraut sampt seiner Wurtzel nützlich in Speiß und Tranck gebraucht werden den Weibspersonen/ die jhre natürliche Monatblumen nicht haben/ und ist sonderlich gut den Kindbetterinnen/ dann sie werden wol darvon gereyniget/ und vor den Nachwehen und andern Schwachheyten verhütet. Deßgleichen weren sie dienlich in Speiß und Tranck zu gebrauchen in Sterbensläuffen/ dann dieses Krauts Wurtzel ein besondere Eygenschafft hat/ die Menschen vor der Pestilentzischen Contagion zu bewaren: Zu dem bringet sie eine Lust und Begierlichkeit zu der Speiß. So ist sie auch fast nutz und gut denen so den Husten und Verstopffung der Brust und Lungen haben von zähem Koder und Schleim/ dann sie reyniget dieselbigen und machet außwerffen.
            Nappenkörffelwurtzel gepülvert und mit Wein getruncken/ dienet wider die gifftigen Bissz der Erdspinnen.
            Gleicher gestalt gebraucht/ reyniget sie die Kindbetterinnen nach der Geburt/ und fürdert die Monatblumen der Weiber. Das Kraut und Wurtzel in Wein gesotten/ und Morgens und Abends jedesmal ein guten Bechervoll darvon getruncken/ thut deßgleichen.
            Die Wurtzel zu Pulver gestossen und mit drey Theil verscheumptem Honig zu einer Latwergen temperirt/ ist ein heylsame Artzeney den Lungensüchtigen und Hustenden/ deß Tages einmal oder vier einer halben Castanien groß darvon eyngenommen/ und sittiglich mit Lüpfflen lassen hinab schleichen.
            Gemeldte Wurtzel deß Tages zwey oder dreymal mit Wein getruncken/ die werden vor der gifftigen Seuche der Pestilentz verwahret/ daß sie damit nit inficirt werden/ wie DIOC.LIB.4.CAP.99. bezeuget.

 

Myrrhenkörffelwurtzel Conservenzucker.
MYRRHIDIS RADICIS CONSERVA.

 

            Auß der Nappen oder Myrrhenkörffelwurtzel kan man einen edlen Conservenzucker machen$wie der von der Angelickwurtz gemacht wirdt. Aber zu dieser Wurtzel als die nit hitzig unnd zanger/ sondern süß/ milt und lieblich ist/ sol man nur zwey theil Zucker nemmen.
            Dieser Conservenzucker ist ein heylsame gute Artzeney den Schwindt oder Lungensüchtigen/ so sie deß Tages einmal oder vier/ jedesmal einer halben Castanien groß darvon eynnemmen. Unnd mag man solchen Zucker auch den jungen Kindern inn gleichem fall ohne einigen Nachtheil eingeben. Sonst dienet er wieder den Husten/ unnd ist sonderlich dienlich den jungen Kindern die mit dem Hörchlen unnd Hertzgesperr beladen seynd/ so man jhnen jederweilen einer Türckischen Bohnen groß darvon zu lecken gibt. Von diesem Zucker deß Morgens unnd Abendts jedesmahl einer kleinen Castanien groß eingenommen/ ist ein edel unnd gut Praeservatif wider die Pestilentz. Weil dann die jungen Kinder diesen Conservenzucker von wegen jhrer lieblichkeit wol gebrauchen können/ so sol mans denselbigen auch einer Türckischen Bohnen groß darvon geben.