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?HEILIGENKRAUT?
?Santolina chamaecyparissus - Compositae?


Von dem Wermuth SANTONICO genannt/ und von dem Wurmsamen Kraut

    Die DOCTORES unnd Kreutler stimmen nicht zusammen/ was den Santonischen Wermuth anlangen thut: Dann einer will es seye das Grabkraut das wir hiebevor in dem zweyten Capitel den wahren Pontischen Wermuth Galeni seyn/ angezeiget haben. Die andern wöllen es seye das Wurmsamenkraut/ der rechte Santonisch Wermuth/ Aber sie jrren alle gröblich/ dann das Grabkraut ist das warhafftige ABSINTHIUM PONTICUM GALENI, wie solches auss dess Galeni Beschreibung/ LIB.ll.METHOD.MEDEN.zu beweisen ist. Und dass aber unser Wurmsamenkraut auch nicht der Santonisch Wermuth seye/ ist darauss zu beweisen/ dass er viel mehr Samen bringet dann der Meerwermuth/ wie solches auss der Beschreibung DIOSCORIDIS erwiesen wirdt/ welcher den Santonischen Wermuth also beschreibet/ LIB.3.CAP.15. Es ist noch das dritte Geschlecht dess Wermuths/ dessen viel wechst in Franckreich uber den Alpen/ welches die Einwohner mit dem Namen der Landtschafft darin es wechst SANTONICUM nennen. Es ist gleich dem Wermuth/ bringet aber nicht so viel Samen/ mit einer sanfften Bitterkeit/ unnd hat alle Krafft unnd Wirckung die der Wermuth hat: Auss welcher Description man leichtlich abmercken kann/ dass das Wurmsamenkraut nicht der Santonisch Wermuth seye/ sintemal es sehr wenig gleichheit mit dem Wermuth hat/ unnd so voller Samens/ dass wenig kleiner Wermuthblätlein daran gesehen werden/ zu dem so ist es am Geschmack abschewlich/ bitter unnd widerwillisch/ das am Santonischen Wermuth nicht gespüret wirdt/ dann er wie DIOSCORIDES meldet/ eine sanfft bittere am Geschmack habe. Weil dann die Beschreibung DIOSCORIDIS mit dem Wurmsamenkraut nicht uberein stimpt/ sol es billich nicht vor SANTONICUM ABSINTHIUM gehalten werden: Wöllen doch solches vor ein SANTONICUM VULGARE passiren lassen zu seinem gebrauch/ biss der liebe Gott etwann ein APOLLINEM oder AESCULAPIUM schicken wirdt/ der uns das wahre gerechte SANTONICUM der Alten zeige und offenbare.
    Das Wurmsamenkraut wird leichtlich bey uns in den Gärten auffgebracht/ unnd von dem frischen Samen gezielet/ hat wenig kleine Blätlein/ aber durchauss an allen ästlein von unden an biss oben auss voller Samens/ dannenher es dann auch SEMENTINA genannt worden ist.

Von den Namen dess Santonischen Wermuths und dess Wurmkrauts
    Der Santonisch Wermuth wirdt Lateinisch genannt ABSINTHIUM SANTONICUM, auch SANTONICUM ohne ferneren Zusatz. Von dem COLUMELLA HERBA SANTONICA, und SANTONICUM ohne ein Zusatz von etlichen/ wie auch von dem Poeten MARTIALE, da er spricht:

Santonica medicata dedit mihi pocula virga
Os hominu, ??.

    Die gemeinen Artzet nennens CENTONICUM, unnd ABSINTHIUM GALLICUM. Dieweil aber nicht allein DIOSCORIDES in obgemeltem Ort/ sondern auch GALENUS mit den andern Griechischen Aertzten/ und PLINIUS LIB.17.CAP.7 schreiben/ dass das SANTONICUM von den SANTONIBUS, (welches seyndt die Völcker dess Aquitanischen Franckreichs) den Namen empfangen hab/ wöllen wirs auch dabey bewenden lassen.
    Das Wurmkraut aber/ oder das gemeine SANTONICUM das von vielen heutigs tags vor das wahre rechte SANTONICUM der Alten fälschlich gehalten wirdt/ heisset bey den Gelehrten unnd Kreutlern Lateinisch SEMENTINA, von wegen der grossen menig dess Samens den es fort bringt: Jtem ZINA oder SINA unnd GRANELLA. Der Samen wirdt von den Medicis und Apoteckern genannt SEMEN LUMBRICORUM, SEMEN ALEXANDRINUM, SEMEN SANCTUM, unnd SEMEN ZEDOARIAE. Teutsch Wurmkraut oder Wurmsamenkraut und Zitwansat.

 Von der Krafft/ Eigenschafft und Wirckung dess Santonischen Wermuths und dess Wurmsamenkrauts
    Der Santonisch Wermuth ist warmer und truckner Natur/ dem Meerwermuth SERIPHIO an der Krafft/ Wirckung unnd Tugendt gleich: treibet auss die Würm jnnerlich und eusserlich gebraucht.
    Das Wurmkraut oder Wurmsamenkraut/ sonderlich aber der Samen ist heiss und trucken im zweyten Grad/ welcher heutigs tags allein innerlich die Spülwürm auss dem Leibe zu treiben/ in stetem gebrauch ist: Und wird nicht allein den Kindern/ sondern auch den alten Leuten eingegeben.

Jnnerlicher Gebrauch dess Wurmsamens
    Wurmsamen tödtet und treibet auss die Spülwürm unnd allerhand andere Würm auss dem Leib: Davon gibt man einem alten Menschen anderthalb quintlein/ und auch ein halb Loth mit Wein nüchtern zu trincken/ einem jungen Menschen von zehen oder zwölff Jahren i.quintlein/ den jüngern ein halb quintlein/ und den Kindern under vier Jahren ein drittheil eines quintleins. Den Kindern aber sol mans mit Honig oder Milch eingeben. Etliche lassen diesen Samen mit Zucker uberziehen/ darmit die Kinder denselben desto besser einbringen können: aber dess muss man noch so viel als dess unuberzognen auff einmal eingeben.
    Weil auch die Kinder gemeiniglich hitzig seynd/ und Feberlein haben wan sie Würme haben/ weychen etliche den Wurmsamen ein Tag oder fünff in Essig/ also dass sie den nur allen Tag befeuchten: Darnach lassen sie jhn trucken werden/ das nennen sie bereiten Wurmsamen/ SEMEN LUMBRICORUM PRAEPARATUM: und wirdt jhme durch solche beytzung beyde die krafft zu wärmen/ unnd die Bitterkeit etlicher massen entzogen/ den giebet man dann den febricirenden Kindern so Würme haben eyn.
    Ein gut Wurmpulver mit einem Zusatz mach also: Nimb Wurmsamen ein halb Loth. Miltenkraut Samen/ Bürtzelkraut Samen/ jedes ein quintlein/ Feygbonen/ Süssholtz/ jedes ein drittheil eines quintleins. Mach darauss ein reines pülverlein/ gib davon i.quintlein mit Queckengrass Wasser/ oder mit Bürtzelwasser/ es hilfft sehr wol/ den Kindern aber gieb ein halbes quintlein.
    Ein ander gut und bewehrt Pulver: Nimb Wurmsamen/ ausserlesene Alexandrinische Senetbletter/ weiss Diptam oder Aeschwurtzel/ Tormentillwurtzel/ jedes ein quintlein/ Turbitwurtzel ii.Scrupel. Stoss dieses zu Pulver/ schlags durch ein Siblein/ behalts zum gebrauch: darvon gib einem alten Menschen ein halb Loth mit Wein/ einem jungen von xii. oder x. Jahren i.quintlein/ und einem Kind von sechs oder sieben jahren ein halb quintlein/ den jungen Kindern aber ein drittheil eines quintleins/ mit Milch oder Queckengrass Wasser zu trincken.
    Ein köstlich gut Wasser von dem Wurmsamen/ welches besser unnd lieblicher ist zu gebrauchen/ dann die Pulver/ das treibet allerley art der Würm auss/ das mach also: Nimm dess Wurmsamens xvi.Loth/ geschaben Hirtzhorn vi.Loth/ auffgetrückneter Pfersingblüht ii.Loth/ Aloepatick i.Loth:stoss diese stück zu einem groblechten Pulver/ das thu in ein bequem gläsin Geschirr/ geuss darein Reinfarnwasser/ Rautenwasser/ Pfersingblätterwasser/ Wermuthwasser/ jedes anderthalb ächtmass oder xxiiii.Untz/ lass drey tag und nacht putrificiren IN BALNEO MARIAE: darnach distillirs zum drittenmal/ und geuss jedes mal das Wasser wider uber die FECE so am boden dess distillir Kolbens bleiben/ so hastu ein herrlich unnd bewehrt Waser vor die Würm zu tödten und dieselben ausszutreiben. Darvon gib einem alten Menschen vier oder fünff Loth zu trincken/ einem jungen aber drey Loth/ anderthalb Loth/ und i. Loth/ nach dem es jung oder alt ist.
    Hie an diesem Ort will ich menniglich gewarnet haben vor den Landtstreichern/ Spinnenfressern/ Henckersbuben unnd Landverrähtern den Tyriackkrämern/ die jhren Wurmsamen neben andern vermeynten und verfälschten Artzneyen sehr hoch rühmen/ unnd auch manchmal viel Würm von den Kindern treiben: Das geschicht aber durch ein sondern Betrug/ dann wann sie den Kindern Wurmsamen eyngeben/ unnd sie gleichwol nit Würm haben/ so uberkommen sie Würm in einer nacht/ dess morgens wann sie jhnen widerumb eingeben/ so gehen sie hinweg/ unnd bleibet also allwegen ein newes Nest dahinden/ dardurch die Kinder sehr geschwächt werden/ auch deren viel so jhnen nicht guter Rath gethan wirdt/ sterben müssen: Und bringen sie diese Büberey unnd Schelmenstück also zuwegen/ sie wäschen unnd säubern die Würm/ die sie von den Kindern treiben/ trücknen die beim Fewer oder in einem Backofen/ stossens darnach zu Pulver und vermischens mit dem Wurmsamen/ wann sie nun davon einem Kind/ jungen oder alten Menschen diesen Wurmsamen eyngeben/ so wachsen Würm bey jhnen/ wann sie schon kein Würm haben. Hie kann ich nit underlassen ein wahrhafftig Geschicht anzuzeigen/ was sich vor etlichen Jahren zu Speyr zugetragen/ da ein ehrliche Weibsperson eines Rathsherrn Weib also betrogen worden/ die ein zeitlang gesiecht unnd kranck gewesen/ die hat einen Zahnbrecher raths gefragt/ der jrem brauch nach von Marck zu Marck/ von einer statt zur andern ist herumb gezogen/ der hat der gemelten Frawen jren Harn besehen/ und jhr gesagt/ alle jhre Kranckheiten kommen jhr von Würmen/ dann sie deren ein Nest und grosse menig bey jhr habe/ wann sie jhm nun folgen/ wölle er jhr understehen zu helffen: Die gute Fraw were gern gesund gewesen/ unnd an jhn begehrt/ was er dann nemmen wölle sie zu curiren/ hat mit jhm gehandelt unnd ist um zehen Thaler mit jhm eins worden/ da hat er jhr dess obgemeldten falschen Wurmsamens mit den Spülwürmen zugericht zween morgen nach einander eingeben/ unnd nach dem keine Würm von jhr gangen/ hat er jhr den dritten Morgen widerumb eingeben/ und ein wenig Aloepatick darunter vermischt/ da ist ein solche Anzahl Würm von der Frawen gangen/ dass sich menniglich darüber verwundert/ und hat sie die Fraw verhofft/ jhre Gesundheit nach dieser Operation widerumb zu bekommen/ und jhm dem Landstreicher die versprochene zehen Thaler geben/ der sie auch empfangen und sich also baldt darvon gemacht/ und jhr der Frawen seines falschen Wurmsamens etlich Briefflein voll hinderlassen. Also hat dieser betrüglich Lecker der guten Frawen die Würm machen wachsen/ und wider von jhr getrieben/ daneben auch jhr ein nest hinderlassen/ welches dieser Landbub mir selber angezeigt hat/ und in vollerweiss in meiner behausung gerühmt/ mit benennung derselben Frawen Namen/ deren er dieses Leckerstück bewiesen/ welche mir dann auch sehr wol bekannt gewesen. Darneben hat auch dieser Spinnenfresser mir seinen falsch und Betrug mit dem Theriack und andern mehr stücken angezeigt/ welches ich hie auff dissmal bewenden lasse.
    Dieses habe ich also hie an diesem ort wöllen anzeigen/ darmit menniglich vor diesen betrüglichen Leckern sich wisse zu hüten: Und wollte Gott dass doch der Magistrat und die Oberkeit hierinnen ein scharffes einsehen hetten/ und diese und dergleichen Henckersbuben und Spinnenfresser abschaffen/ und jhren betrug mit Ernst und Dapfferkeit strafften: Aber der unersettliche Geitz nimpt etliche also ein/ wann schon durch etliche getrewe MEDICOS gute und billiche REFORMATIONES angestellet werden/ die die Oberkeiten selbst approbiren/ und auch in Truck lassen aussgeben/ so weren dieselben drey vierzehen Tag wie ein Bettlers Mantel/ dann fengt man durch den Spinnenfresser und Jüden Geschenck/ dieselben wider einschleichen zu lassen/ dass also viel ärger wirdt als vorhin/ ja man findet under diesen Geitzhälsen etliche die diesen Leckern jhren Falsch und Betrug helffen defendiren/ und schemen sich nicht dass sie durch offentlichen Truck den selben zuvor verworffen haben/ wiewol derenhalben Exempel anzuziehen weren/ dieweil aber die EXEMPLA ODIOLA seyndt/ wie man zu sagen pfleget/ muss mans einstellen und bleiben lassen. So viel vermag der liebe CHRYSOSTOMUS, oder wie man sagt/ der Johannes mit dem güldenen Mund. Wie aber dem gemeinen Mann und Landtvolck mit solchem Regiment gedient/ kann ein jeder leichtlich erachten/ Sintemal derselbig dieser sachen kein Verstandt/ unnd durch der Oberkeit zu lassen/ und durch das Fingersehen derselben nur angereitzt werden/ diesen Leckersbuben desto mehr nachzulauffen/ dass dann vielen zu jhrem verderben gereicht/ auch etliche das Leben daruber lassen müssen/ daran diese geitzige Hansen schuldig/ und der unschuldigen Blut sich theilhafftig machen$welches sie schwerlich gegen Gott dem Allmechtigen verantworten müssen/ Gott der HERR wölle ein einsehen haben/ solches verbessern/ unnd die Geitzhälss straffen/ Amen/ Amen.