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GARBE
Achillea – Compositae


VON DEM EDLEN GARBENKRAUT.

    Der edlen Garben haben wir heutiges Tages zwey Geschlecht/ wiewol DIOSCORIDES und die anderen alten Lehrer nur eines gedencken.
I. Das erste Geschlecht das DIOSCORIDES beschreibet/ und ACHILLEAM nennet/ hat eine zasechtige/ holtzechtige/ untüchtige Wurtzel/ von welcher vier oder fünff holtzechtiger/ runder Stengel herfür wachsen/ die sind mit grauen/ äschfarben/ zinnelechtigen und zerspaltenen Blätteren bekleidet/ deren die Untersten auf der Erden außgespreitet ligen/ den Blätteren des Corianders oder der geelen Streichblumen/ oder Rindsaugenblätteren ähnlich/ eines starcken/ doch nicht unlieblichen Geruchs und bitteren Geschmacks/ mit einer Zusammenziehung/ gleich dem Metre- oder Krottendill/ ausgenommen daß es weniger bitter ist. Die Stengel dieses Krauts theilen sich am obersten Theil aus in etliche Nebenästlein/ darauf wachsen runde Crönlein wie Schatthptlein/ die im Heumonat schöne/ weiße Blümlein bringen/ allerdings anzusehen wie die Blümlein des gemeinen Garbenkrauts/ aber lieblicher am Geruch/ am Geschmack stärcker/ und an der Gestalt holdseliger/ deren etliche mit schönen/ goldgeelen Tüpfflein besprenget sind. Wann die Blümlein abfallen und vergehen/ folget hernach ein Saamen/ der sich mit der Gestalt und Geschmack etlicher massen dem Saamen des Rheinfarns vergleichet. Dises Gewächs wächst nicht allenthalben/ und ist auch wenigen bekandt/ im Obern-Elsaß aber zwischen Basel und Schlettstadt/ deßgleichen auch in dem Wormser/ und Atzeergau/ wird es in feisten Fruchtäckern gefunden. es wächst fast zweyer Spannen lang.
  
II. Das zweyte Geschlecht hat eine kleine zaselechtige Wurtzel/ schier an der Gestalt wie die Wurtzel des Rheinfarns/ daraus wachsen etliche dünne und rahne Stengel/ die sind anderthalb Spannen lang mit etlichen Nebenästleinen/ die sind mit zarten zerschnittenen Blättlein bekleidet/ die sind schmäler und safftiger dann die Blätter des vorigen/ von Farben grün/ und an der Gestalt den Blättern der Chamillen oder Krottendills ähnlich. Am obern Theil der Nebenzweiglein gewinnen sie in dem augstmonat schöne/ goldgeele/ gekrönte Blümlein/ den Blümlein des Garbenkrauts der Form und Gestalt halben ähnlich. Dieses Gewächs hat schier ein Geruch wie der Beyfuß/ ist am Geschmack etwas bitterechtig/ mit einer Astriction und Zusammenziehung und Trückne. Es wächst in unserm Teutschland nicht von sich selbst/ wird allein in den Gärten gezielet/ in der Provintz Franckreich und Langendock wird sein viel gefunden. Es liebet ein steinechtigen festen Grund.

Von den Namen der Garbenkräuter.
    Es irren sich diejenigen nicht wenig/ die da vermeinen/ daß das gemein Garbenkraut/ sonst mit andern Namen Schafgarb oder Schafripp genandt/ seye das rechte ACHILLEA der Alten/ und vermischen also diselbige Gewächs/ deren etliche Geschlecht sind/ mit dem wahren ACHILLEA unweißlich/ und liegt nichts daran/ daß die gemeldten Kräuter etlicher massen gemeine Kräfft und Würckung mit einander haben/ dann es sich gebühren will vielfältige Irrthummen zu verhüten/ daß man einem jeden Kraut seinen rechten Namen gebe/ wie sie von den alten Authoren erstlich genennet worden sind/ so kan man viel Verwirrung und Confusionen vermeiden.
  
I. Es hat dieses Kraut/ wie PLINIUS LIB. 2. bezeuget/ ACHILLES der Discipel CHIRONIS erfunden/ daher es den Namen bekommen/ daß es ACHILLEA oder ACHILLEJOS ist genennet worden. Lateinisch heisset es/ ACHILLEIA, achillea, achillea sideritis, myriomorphum, militaris, und von den Kräutleren/ MILLEFOLIUM NOBILE. [tanacetum minus album odore camphorae, c. b. minus, dod. gal. & post. candidis floribus. lob. icon. lugd. achillea, matth. cord. in diosc. & hist. lac. thal. cast achillea sideritis, lugdun. millefolium nobile & stratiotes vera, trag. stratiotes millefolium, gesn. hort. scopa regia plinij, dalech. in plinium:] Arabisch/ EGILOS. Italiänisch/ ACHILLEA. Africanisch/ ASTERCHILLOTH. Flämmisch und Brabändisch/ Verldgerwe. Hochteutsch/ Edelgarbe/ Feldgarbe/ und weisser Rheinfarn. [Englisch/ Achilles Yarrow.]
  
II. Das ander Geschlecht ist von den alten Lehrern nicht beschrieben worden/ Es kan aber v on dem wahren ACHILLEA nicht abgesöndert werden/ sintemal es ein Geschlecht desselbigen ist/ und auch etliche Krafft und Tugend hat. Es wird von den Kräutlern ACHILLEA MONTANA, und ACHILLEA NARBONENSIS genandt. [cHRYSANTHEMUM ALPIN: FOLIIS ABROTANI MULTIFIDIS; C: B: ACHILLAEA MONTANA ARTEMISIAE TENUIFOLIAE FACIE, AD. LOB: ICON. MONTANA, lug. ageratum ferulaceum, lugd. chrysanthemum alpinum 2. clus. pan. & hist.] Flämmisch und Brabändisch/ Berghgerwe. Hochteutsch/ Berggarbe und Edelgarbe aus Languedock.

Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der edlen Garben.
    Die beyde gemeldte Geschlecht der edlen Garben/ haben eine gleiche Natur und Eigenschafft mit den Gliedkräutern/ darvon wir im nächsten Capitel hiebevor gehandelt haben/ dann die reinigen/ säubern/ heilen/ kühlen mittelmäßig und trucknen/ aber mit der Astriction und Zusammenziehung übertreffen sie die Gliedkräuter. Sie werden innerlich und äusserlich die Wunden zu heilen gebrauchet.

Innerlicher Gebrauch der Edlengarben.
    Der Edlengarbenkraut in Wein oder Wasser gesotten/ je nach Gelegenheit/ darnach durchgesigen/ und von der Brühe alle Morgen und Abend getruncken/ jedesmal ein gemein Tischbecherlein voll/ stopffet und vertreibet die rothe Ruhr und alle ander Bauchflüß/ deßgleichen den unmäßigen Blutfluß der Weiber/ und den Fluß der Gülden-Ader.
  
Des gemeldten Trancks alle Tage/ des Morgens und Abends jedesmal 4. oder 5. Loth getruncken/ ist auch ein nutzlicher Wundtranck. Etliche machen von diesem Kraut nachfolgenden Wund-Tranck: Nimm Edelgarbenblätter und Blumen/ Sinngrün/ Ehrenpreiß/ Erdbeerkraut/ Buchspick/ Roßhuff/ jedes eine Handvoll/ Weberkartenblätter/ Prunellenkraut/ Adermenig/ Apostemenkraut/ Sternkraut mit der blauen Blumen/ schartenkraut/ spitzen Wegerich/ jedes ein halbe Handvoll/ Angelickwurtz/ 2. Loth. Alle solche Stück soll man klein schneiden/ durcheinander vermischen/ darnach in eine Kante thun/ und darüber schütten guten weissen fürnen Wein/ gedistilliert Scabiosenwasser/ Brandlattichwasser/ jedes ein halb Elsasser Maß oder 32. Untzen/ fein Zucker/ 6. Loth. Folgends soll man die Kante wol am Ranfft verlutiren/ darnach in einem Kessel mit siedendem Wasser setzen/ und sechs Stunden lang in einem stäten Sud sieden lassen. Wann nun der Tranck von sich selbst kaltworden/ soll man ihn durchseihen/ und dem Verwundten des Tages zum allerwenigsten zweymal/ jedesmal 4. oder 5. Loth zu trincken geben. Dieser Tranck dienet sonderlich zu den Wunden und Stichen der Brust/ den habe ich erstmals an einem Goldschmids Gesellen/ in der Belägerung der Stadt Metz verordnet/ welcher zween gefährlicher und tödtlicher Stich von einem Rapier gehabt/ also daß ihm auf der rechten Seiten unten her ein Zipffel an der Lungen durchsochen gewesen/ und dannoch ein gefährlichen Stich neben dem Rückgrat zwischen den Rippen hindurch zu der Brust zu/ der ist in kurtzer Zeit mit diesem Tranck mit Verwunderung geheilet worden: Welcher hernach an vielen Menschen in gelichem Fall ist probiret worden.

Eusserlicher Gebrauch der Edlengarben.
    Edelgarbenkrautblätter gestossen/ und über die frischen Wunden gelegt/ hefften und heilen dieselbige/ und verhüten die vor Entzundung und der Wundsucht: verstellen auch das Blut der Wunden. Also über die Stirn gelegt/ wehren sie das Nasenbluten.
  
Das Kraut gestossen und den Safft darvon außgepresset/ und Mutterzäpflein von Wollen gemacht/ danach in diesem Safft genetzt/ stillen unmässigen Blutfluß der Weiber/ so man in die Mutter thut.
  
Edelgarbenkraut in Wasser gesotten/ und ein Lendenbad davon gemacht iund darinn gebadet/ stillet nicht allein den unmässigen Blutfluß der Weiber/ sondern verstellet auch den Fluß der Güldenader.
  
Das obgemeldte Kraut in Wein oder Wasser gesotten/ und mit der Brühe des Tags zweymal die Wunden gewäschen/ und das gesotten Kraut darüber geschlagen/ heilet alle frische Wunden.
    Das Kraut zu einem subtilen Pulver gestossen/ und des Pulvers genommen 2. Loth/ Honig/ 4. Loth/ Terpentin/ 2. Loth/ und geel Wachs/ 1. Loth. Das Honig/ den Terpentin und Wachs/ soll man über einer Glut sittiglich zerlassen/ darnach das Pulver darein rühren biß es kalt wird/ so hästu ein herrlich und gutes Wundpflaster/ das alle frische Wunden heilet.