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BÄRWURZ / BÄRENFENCHEL
Meum - Umbelliferae


VON DER BEERWURTZ

    Die Beerwurtz hat lange Wurtzeln/ fast kleinen Fingers dick/ die wachsen in der Erden hin und wider/ etliche auffrecht/ die andern krumb/ zwerch durch und durch einander/ spreiten sich weit auss/ eines guten lieblichen geruchs/ und hitzigen scharpffen geschmacks. Das ober theil der wurtzel gegen dem Kraut und stengel/ ist mit vielem rauhem Haar bedeckt und uberzogen. Die zinnlechtigen zerschnittene Bletter sind dem Dillkraut durchauss gleich/ so es aber in feysten orten gefunden wird/ sind sie etwas volkommenlicher und den Bletter dess Fenchels so ähnlich/ dass die jenigen die es nit wol kennen vor Fenchel ansehen möchten. Der rund stengel wächst gemeiniglich zweyer Ehlen hoch/ der hat seine Gleych unnd Gewerblein/ wie der Fenchel oder Dillkraut: im ober theil der stengel und Nebenzweiglein hat sie schöne Cronen/ mit sehr kleinen weissen Blümlein/ wann dieselben vergehen und abfallen/ folget ein kleiner Samen/ welcher wann er zeitig wird/ vergleichet er sich dem Bockspeterlein oder weissen Bibernellen Samen. Diese Wurtzel wächst im Schwartzwaldt und in andern hohen Gebirg/ dessgleichen auff den bergechtigen Wiesen/ und andern dergleichen orten unsers Teutschlandts/ die Sonnreich seyndt. Man zielet sie auch in den Gärten von dem Samen/ wiewol sie viel eher fortwachsen/ so man die Häupter der wurtzeln zertheilet unnd abresiiet/ und darnach pflantzet. Sie wehret unnd helt lange zeit in den Gärten.
  
ll. Das ander Geschlecht der Beerwurtz/ welches man ein lange zeit in Welschlandt und etlichen Orten EUROPAE vor das rechte MEUM, nicht ohn grossen Jrrthumb gebraucht hat/ ist der jetztgemelten Beerwurtz nit fast ungleich/ doch sind die zerkerfften Bletter breyter unnd grösser als die bletter dess Fenchels/ die Wurtzeln sind grösser/ ziemlichen Fingers dick/ schwartzlechtig schier wie die Wurtzel dess Haarstrangs/ allein dass diese Wurtzeln mehr und hin und her durcheinander geschrenckt wachsen/ allerdings wie die Beerwurtz/ eines unlieblichen unfreundlichen geruchs und geschmacks. Der stengel ist auch dicker und lenger hat sonst seine Gleych und Gewerb/ wie der Fenchel und rechte Beerwurtz. Es wächset auch diese im Gebirg unnd auff den bergechtigen Wiesen.

Von den Namen der Beerwurtzel.
    Die erste unnd rechte Beerwurtz/ welche das warhafftig MEUM der Alten ist/ wirdt Lateinisch genant/ MEUM und von den gemeinen Aertzten und in den Apotecken INDECLINABILITER MEU. Bey den Kreutlern wirdt es wie auch bey den Alten MEUM ATHAMANTICUM, und auch SIMPLICITER ohne fernern Zusatz ATHAMANTICUM, zu underscheidt dess falschen MEI, genannt. Sonst wird es weiter von den Kreutlern/ ANETHUM SYLVESTRE, ANETHUM URSINUM, ANETHUM TORTUOSUM, FOENICULUM VISINUM, FOENICULUM TORTUOSUM unnd SITTRA geheissen. Hochteutsch/ Beerwurtz oder Bärwurtz/ wilder Dill/ Beerendill/ Beerenfenchel/ Haussmarck/ Mutterwurtz/ Beermutterwurtz und Hertzwurtz.
  
ll. Die ander Beerwurtz wirdt von den Kreutlern MEUM SPURIUM und ADULTERINUM genannt.

Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Beerwurtz.
    Es hat die Beerwurtz ein Krafft und Eygenschafft zu wärmen unnd zu trucknen/ ist warm im dritten unnd trucken im zweyten Grad. Es hat auch die zweyte Beerwurtz ein Krafft zu wärmen unnd zu trucknen/ wirdt aber heutiges Tages/ seither das warhafftig MEUM bekandt/ nicht weiter in der Artzeney gebraucht.

Jnnerlicher Gebrauch der Beerwurtzel.
    Das Rindvieh jsset dz Kraut von der Beerwurtz fast gern/ unnd bekommen die Kühe viel Milch darvon/ darauss treffentliche gute Käss im Schwartzwald unnd andersswo gemacht werden.
  
Beerwurtz die Wurtzel in Wasser oder Wein gesotten/ unnd die durchgesiegene Brühe darvon Morgens unnd Abendts warm getruncken/ zertheilet die wind im Magen/ vertreibt das auffröpsen unnd den Wehethumb desselben/ dienet wider die Verstopffung der Blasen/ der Nieren und Harngeng/ unnd wider alle Gebrechen darvon der Harn schwerlich und peinlich verhalten wirdt. Dieser Tranck stillet auch das Bauchkrimmen/ und heylet alle Gebrechen der Mutter. Die Wurtzel zu Pulver gestossen/ und ein quintlein darvon mit Wein getruncken/ hat gleiche Krafft und Wirckung.
  
Die Wurtzel zu reinem Pulver gestossen/ mit drey theil Honigs vermischt/ und ein Latwergen darauss gemacht/ die ist gut wider die inwendige auffblehung dess Magens/ wider dz krimmen im Leib/ wider das auffsteigen und erstickung der Mutter/ schmertzen der Gleych/ unnd wider die Flüss so vom Haupt herab in die undern Glieder fallen/ einer gemeinen Castanien gross darvon nüchtern eingenommen. Dient auch wider die verstopffung der Brust und Lungen/ erweychet unnd löset ab den zähen und dicken Schleim und Lungenkoder/ unnd machet denselben leichtlich ausswerffen.
  
Es wirdt auch die Beerwurtz jhrer treffentlichen Krafft halben/ zu dem edlen Theriack gebrauchet.
  
Es schreibet DIOSCORIDES LIB.1.C.3. So man der Beerwurtzel zu viel jsset oder trincket/ so sie Hauptwehe machen.

Eusserlicher Gebrauch der Beerwurtzel.
    Ein Lendenbad von Beerwurtzkraut und Wurtzel gemacht und darein gesessen/ das bringet den Weibern jhren natürlichen Monatblumen. Oder das Kraut unnd Wurtzel in Wasser gesotten/ unnd den Dampff darvon durch ein Trechter in die Mutter empfangen.
  
Wann die jungen Kinder nicht harnen können/ sol man das Kraut unnd Wurtzel klein schneiden oder stossen darnach mit ein wenig Baumölen unnd Weins rösten/ folgends zwischen zweyen Tüchern uber den undern Bauch warm gelegt/ das treibet den Harn fort/ und macht sanfft harnen.
  
Von der Beerwurtz macht man ein fürtreffenlichen wundbalsam: Nimb Beerwurtz mit den Blettern ehe die zum Stengel wächst/ die noch grün ist sechszehen Loth/ Sanickel acht loth/ Leinölen sechszehen Untz/ Lorölen acht Untz/ schneid unnd stoss die Beerwurtz mit dem Kraut unnd Sanickel klein/ vermisch die genandten Oele darunder/ lass darnach sittiglich mit einander sieden biss dass der Safft in den Kreutern und Wurtzeln sich verzehret/ als dann seihe es durch: darinn zerlasse dann acht Loth Terpentin/ unnd ein Loth dess GUMMI GALBANI in Wein zerlassen: Folgends vermisch darunder Mastix unnd Myrrhen zu einem reinen subtilen Pulver gestossen/ so hastu einen köstlichen Balsam/ der alle frische Wunden heylet. Wann du aber diesen Balsam zu alten Schäden gebrauchen wilt/ die faul Fleisch haben/ so thue zu dieser gemeldten Composition Spangrün ein Loth/ Vitrill ein halb Loth/ alles zu einem subtilen und reinen Pulver gemacht.
  
Beerwurtzkraut kann nützlich zu den Mutterbadern/ unnd schwachheiten der schmertzenden Glieder/ und vor die Lähmbde in den Schweissbädern gebraucht werden.

Gedistillirt Beerwurtzwasser.
MEI AQUA STILLATITIA.

    Wiewol das Beerwurt-Wwasser nicht in dem gemeinen Brauch ist/ so ist es doch zu den nachfolgenden Gebrechen bewehrt befunden. Die beste zeit seiner distillirung ist im hewmonat/ die Wurtzel/ Kraut und Blumen mit dem halbzeitigen samen klein gehackt/ darnach in BALNEO MARIAE gedistillirt/ unnd in der Sonnen gerectificirt und auffgehalten.

Jnnerlicher Gebrauch dess Beerwurtzwassers.
    Beerwurtzwasser getruncken/ eröffnet die verstopffung der Leber/ der Nieren/ Harngäng/ und der Blasen/ vertreibet die Geelsucht/ Wassersucht/ den schmertzen der Därm und der Mutter/ führet auss den Stein/ treibet den/ vertreibt die Harnwinde/ und das tröpfflingen harnen.
  
Alle morgen und abendt eine zeitlang jedesmal iii.Loth getruncken/ unnd den Wein darmit vermischt/ dienet wider den weissen Fluss der Weiber.